Erinnern an Zwangsarbeit

Welche Rolle Zeitzeugen-Interviews in der digitalen Welt spielen, diskutierten Wissenschaftler mit der Filmemacherin Loretta Walz im Deutschen Historischen Museum

01.04.2014

Arbeitskarte Anna P., Linz 1943 – eines von zahlreichen Dokumenten, die im Online-Archiv digitalisiert wurden.
Arbeitskarte Anna P., Linz 1943 – eines von zahlreichen Dokumenten, die im Online-Archiv digitalisiert wurden. Bildquelle: Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“
Wie Zeitzeugen-Interviews in der historischen Bildungsarbeit genutzt werden können, war eine der Fragen bei der Diskussion im Deutschen Historischen Museum.
Wie Zeitzeugen-Interviews in der historischen Bildungsarbeit genutzt werden können, war eine der Fragen bei der Diskussion im Deutschen Historischen Museum. Bildquelle: Alexandra Neumann/CeDiS

In naher Zukunft werden Zeitzeugen nicht mehr persönlich von der nationalsozialistischen Verfolgung berichten können. Die Forschung stützt sich deshalb zunehmend auf Audio- und Video-Interviews – die Erinnerung wird digitalisiert. Was bedeutet dies für den Umgang mit Zeitzeugen-Interviews? Hierzu diskutierten Nicolas Apostolopoulos und Cord Pagenstecher, Herausgeber des 2013 erschienenen Sammelbandes „Erinnern an Zwangsarbeit“, mit der Filmemacherin Loretta Walz und dem Publikum im Deutschen Historischen Museum.

Um historische Ereignisse greifbar und lebendig vermitteln zu können, bedarf es Menschen, die von ihren Erlebnissen erzählen – wie Paul Schaffer, Auschwitz-Überlebender und einer der Interviewten im Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945“. In seiner Autobiografie „Als ich in Auschwitz war. Bericht eines Überlebenden“ betont er die Bedeutung der erzählten Geschichte: „Solange es mir möglich ist, werde ich über die Shoah reden. Denn ich setze auf die Kraft der mündlichen Überlieferung und der persönlichen Ansprache.“

Quellen von unschätzbarem Wert

„Video-Interviews, in denen Überlebende des Nationalsozialismus von ihren Erfahrungen berichten, werden diese individuellen Gespräche und menschlichen Begegnungen nicht ersetzen können“, sagte Professor Nicolas Apostolopoulos, Leiter des Centers für Digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität Berlin, während der Veranstaltung im Deutschen Historischen Museum. „Aber mit dem nahenden Ende der Zeitzeugen-Generation sind sie eine unschätzbar wertvolle Quelle, die wir nutzen müssen.“

Seit 2008 arbeitet Apostolopoulos mit seinem Team am Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945. Erinnerungen und Geschichte“. Es beinhaltet rund 600 Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern. Die lebensgeschichtlichen Erzählungen wurden unter Regie der FernUniversität Hagen aufgezeichnet und später im Auftrag der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ digitalisiert, übersetzt, erschlossen und aufbereitet.

Inzwischen bietet das Archiv auch Hintergrundinformationen und didaktisches Material für die Bildungsarbeit in Schulen und Gedenkstätten. Professor Alexander Koch, Präsident des Deutschen Historischen Museums, und Martin Salm, Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, betonten in ihren Grußworten die Bedeutung dieser Interviewsammlung, die seit 2008 als Kooperationsprojekt von Museum, Stiftung und Universität erschlossen wird.

Der Tagungsband „Erinnern an Zwangsarbeit“

Neben den digitalen Erinnerungen gibt es nun auch eine spezielle Veröffentlichung in gedruckter Form: 2013 wurde der Sammelband „Erinnern an Zwangsarbeit“ veröffentlicht, den die Herausgeber Apostolopoulos und Pagenstecher bei der Veranstaltung präsentierten. Den Beiträgen liegt eine gleichnamige Tagung zum Umgang mit Zeitzeugen-Interviews im digitalen Zeitalter in Forschung, Museum, Internet und Bildung zugrunde, die die CeDiS in Zusammenarbeit mit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ im Oktober 2012 veranstaltet hatte.

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Am Beispiel des Online-Archivs „Zwangsarbeit 1939–1945“ und anderer aktueller Projekte werden in dem Buch Potenziale, Herausforderungen und Qualitätsstandards beim Aufbau digitaler Interview-Archive diskutiert – das Themenspektrum reicht von der Interviewführung bis zur Bildungsarbeit, von der Online-Technologie bis zur biografischen Analyse.

Herausgeber Pagenstecher, promovierter Historiker und Mitarbeiter im CeDiS-Team, betonte, die Publikation richte sich an alle, die an Zeitzeugen-Interviews beteiligt seien: „Dazu zählen Expertinnen und Experten, die zu den Themen „Oral History“ und NS-Zwangsarbeit forschen, Mitarbeiter in Gedenkstätten oder Ausstellungsmacher ebenso wie Lehrende, Studierende und interessierte Laien.“

Zukunft in der Beschäftigung mit der Vergangenheit

Diskutiert wurde an dem Abend im Historischen Museum auch der Einsatz von Zeitzeugen-Interviews in der historischen Bildungsarbeit. Erste Erkenntnisse zur Wirkung dieser Quellen legen nahe, dass lebensgeschichtliche Erinnerungsberichte – ob live oder digital – den Schülerinnen und Schülern lange im Gedächtnis bleiben. Apostolopoulos erklärte: „Diese Berichte ermöglichen einen emotionalen und ganz persönlichen Zugang zur Geschichte und schaffen häufig die grundlegende Bereitschaft, sich sachlich und intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen.“

Loretta Walz, Filmemacherin und Oral-History-Expertin, wies auf das Potenzial visueller Materialien hin – speziell im Vergleich mit Audio-Quellen: „Meist sind es gerade die Gesichter und Blicke, die zwischen den Zeilen sprechen.“ Die Podiumsteilnehmer waren sich einig: Video-Interviews haben Zukunft in der Beschäftigung mit der Vergangenheit.

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