Freie Universität Berlin


Service-Navigation

Filmdinosaurier auf Irrpfaden

Doktorand Arne Keller untersucht, warum der Fotokamera-Hersteller Leica fast gescheitert wäre / Am Ende der 3. Kohorte beschließt das Pfadkolleg seine Arbeit mit einer Tagung

12.02.2014

Die Ur-Leica: Vor 100 Jahren konstruierte Oskar Barnack, Mitarbeiter der Ernst-Leitz-Werke Wetzlar und Fotografie-Pionier, die „Leitz Camera“, die erste Kleinbildkamera, von Barnack selbst „Liliput-Kamera“ genannt.
Die Ur-Leica: Vor 100 Jahren konstruierte Oskar Barnack, Mitarbeiter der Ernst-Leitz-Werke Wetzlar und Fotografie-Pionier, die „Leitz Camera“, die erste Kleinbildkamera, von Barnack selbst „Liliput-Kamera“ genannt. Bildquelle: Leica camera
Arne Keller ist Doktorand am Graduiertenkolleg "Pfade organisatorischer Prozesse", das am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität angesiedelt ist.
Arne Keller ist Doktorand am Graduiertenkolleg "Pfade organisatorischer Prozesse", das am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität angesiedelt ist. Bildquelle: Mirko Lux

Was haben Karstadt, Nokia, und Kodak gemeinsam? Alle drei Unternehmen müssen sich vorwerfen lassen, nicht rechtzeitig auf veränderte Marktbedingungen oder neue Technologien reagiert zu haben. Auch der traditionsreiche Fotokamera-Hersteller Leica gehört auf diese Liste – er hätte fast den Weg in die Digitaltechnologie verpasst. Arne Keller, Doktorand am Graduiertenkolleg „Pfade organisatorischer Prozesse“ am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität, hat in seiner Dissertation den Fall Leica untersucht.

Herr Keller, wie kam es dazu, dass die Zeichen der Zeit bei Leica so falsch gelesen wurden, dass das Unternehmen kurz vor der Insolvenz stand?

Interessanterweise wurde bei Leica Camera damals sehr wohl wahrgenommen, dass sich der Markt verändert. Daraufhin richtete man einen Bereich zu Erforschung der Digitaltechnologie ein. Nach anfänglichen Erfolgen versäumte man es jedoch, das generierte Wissen in das Kerngeschäft zu integrieren. Fälschlicherweise ging Leica dann davon aus, dass ein ausreichend großer Anteil des Marktes – ähnlichwie bei mechanischen Uhren – analog bleiben würde. Die Idee war, auf die digitale Revolution so zu reagieren, dass man eine Nische besetzt und weiterhin analoge Kameras anbietet, die gleichzeitig Traditions- und Luxusprodukte sein sollten.

Noch 2004, als Digitalkameras bereits 95 Prozent des Marktes ausmachten, ließ der Leica-Vorstand auf der weltgrößten Fotomesse, der Photokina in Köln, verlauten, die digitale Revolution sei nur ein Intermezzo und auch in zwanzig Jahren werde noch mit Film fotografiert. Leica-Mitarbeiter trugen auf der Messe einen Anstecker mit dem Schriftzug „Ich bin ein Filmdinosaurier“.

Obwohl der gesamte Markt und alle Experten gesagt haben, dass diese Strategie nicht aufgehen werde, hielt Leica an bewährten Handlungsmustern und dem Plan, analog zu bleiben, fest. 2003, 2004 und 2005 hatte das Unternehmen deswegen unglaubliche Umsatzeinbußen von 20 Millionen Euro. Leica war am Abgrund – und vieles deutete damals darauf hin, dass das Traditionsunternehmen dem Pfad anderer Unternehmen in der Branche, wie Kodak, Polaroid und Minolta, folgen würde.

Wie hat sich Leica retten können?

Nur durch eine externe Intervention zweier Geldgeber: den französischen Luxusgüterkonzern Hermès und den österreichischen strategischen Investor Andreas Kaufmann. Ihnen ist gelungen, Leica in zwei Dimensionen neu auszurichten und das Unternehmen neu zu erfinden: als Marke im Luxussegment. Hermès‘ Idee war, Leica komplett aus dem Fachhandel zu nehmen und aus der Marke eine Art Gucci, Ferrari oder Apple der Kameraindustrie zu machen. Heute hat Leica etwa 120 Flagshipstores, die eher Boutiquen ähneln als herkömmlichen Kamerafachgeschäften.

Und das Engagement des österreichischen Investors?

Andreas Kaufmann hat darauf gedrungen, dass Leica vollständig in die digitale Welt wechselt. Der Grund: Bei Kameras handelt es sich um Systemprodukte, das heißt, dass sie abhängig sind von anderen Produkten und Leistungen, etwa von Filmen und Fotolabors. Das Analog-System konnte auf einem Markt mit überwiegend digitalen Produkten nicht mehr aufrechterhalten werden. Durch den experimentellen Arbeitsbereich zur Erforschung der Digitaltechnologie, den Leica ja sehr früh eingerichtet hatte, war der Umstieg in die digitale Welt gar nicht so schwer. Schon zwei Jahre nach dem Einstieg von Kaufmann brachte Leica 2006 die erste Digitalkamera auf den Markt.

Also ein Beispiel für einen gelungenen Pfadbruch?

Genau. Mich interessiert, wie es Unternehmen gelingen kann, aus dysfunktionalen Pfaden auszubrechen und sich strategisch an veränderte Markt- und Umweltbedingungen anzupassen. Pfadabhängigkeiten, also das Festhalten an Strukturen, gibt es nahezu allen Bereichen. Einer meiner Kollegen am Graduiertenkolleg untersucht beispielsweise, inwiefern das amerikanische Ausbildungssystem pfadabhängig ist. Wieder andere erforschen ärztliche Versorgungsnetzwerke oder Arbeitszeitregime in der Unternehmensberatung.

Das Pfadkolleg ist interdisziplinär ausgerichtet – welchen Nutzen ziehen Sie für Ihre Arbeit daraus?

Der Austausch ist inspirierend und effektiv und führt zu positiven Synergieeffekten. Mitunter sind die Unterschiede innerhalb eines Faches im Übrigen größer als zwischen verschiedenen Disziplinen.

Was war für Sie der Grund, nicht individuell zu promovieren, sondern im Rahmen eines Graduiertenkollegs?

Ich habe während meines Masters in den USA auch Ph.D-Kurse besucht. Mir hat gefallen, dass das Promovieren dort eine als eine Art Ausbildung begriffen wird. Dass zum Beispiel auch Veranstaltungen in Wissenschaftstheorie oder Publikationsstrategien angeboten werden. Außerdem erscheint mir die Vorstellung, dass Wissenschaftler alleine in ihrem Büro sitzen und grübeln, vollkommen überholt. Wissenschaft funktioniert im Austausch. Ich habe schon in der Schule gerne diskutiert, das Prinzip einer strukturierten Doktoranden-Ausbildung gab mir dazu die Möglichkeit. Wir haben regelmäßig mit sämtlichen betreuenden Professorinnen und Professoren Seminare abgehalten, in denen wir Doktoranden den Stand unserer Arbeiten vorgestellt haben. Die gemeinsame Diskussion darüber und das Feedback waren sehr hilfreich. Außerdem hat jeder Kollegiat drei Betreuer, die jeweils unterschiedliches Expertenwissen mitbringen und Hilfe leisten können. Das alles gibt es nicht bei einer individuellen Promotion.

Die Fragen stellte Mirko Lux

Weitere Informationen

"3rd International Conference on Path Dependency" am 17. /18.Februar 2014

Das DFG-Graduiertenkolleg „Pfade organisatorischer Prozesse“ (Fachbereich Wirtschaftswissenschaft) veranstaltet am 17. und 18. Februar die dritte internationale Konferenz zur Pfadabhängigkeit. Die Konferenz steht am Ende der dritten Kohorte der Kollegiaten, die in diesem Frühjahr das Promotionsstudium abschließen werden, und beschließt das Graduiertenkolleg. Die zweitägige Konferenz wird Einblicke in die aktuelle Ergebnisse der Pfadforschung am Kolleg geben, Diskussionsforum zum Stand der internationalen Forschung sein und Ausblicke auf zukünftige Untersuchungsfelder eröffnen.

Das Pfadkolleg wurde von 2005 bis 2013 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit jährlich rund 440.000 Euro gefördert.