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Tippen wie anno 1868

Nachwuchswissenschaftler der Freien Universität mit VBKI-Preis 2013 geehrt

28.10.2013

Die QWERTY-Buchstabenanordnung auf amerikanischen Tastaturen stammt aus dem 19. Jahrhundert. Dass sie heute noch existiert, ist ein Beispiel für Pfadabhängigkeit.
Die QWERTY-Buchstabenanordnung auf amerikanischen Tastaturen stammt aus dem 19. Jahrhundert. Dass sie heute noch existiert, ist ein Beispiel für Pfadabhängigkeit. Bildquelle: MorgueFile / Connors
Dr. Markus Burger wird für seine Doktorarbeit zum Thema „Selbstverstärkende Dynamiken in Netzwerken“ mit dem VBKI-Wissenschaftspreis ausgezeichnet.
Dr. Markus Burger wird für seine Doktorarbeit zum Thema „Selbstverstärkende Dynamiken in Netzwerken“ mit dem VBKI-Wissenschaftspreis ausgezeichnet. Bildquelle: Christiane Trabert

Mit Markus Burger erhält – nach dem Mathematiker Marco Sarich im vergangenen Jahr – erneut ein Promovierter der Freien Universität den Wissenschaftspreis des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI). Burger wird für seine Doktorarbeit zum Thema „Selbstverstärkende Dynamiken in Netzwerken“ mit dem mit 3.000 Euro dotierten Preis ausgezeichnet.

Wenn Markus Burger das Thema seiner Doktorarbeit erklärt, greift er zu einem gut verständlichen Beispiel: „Um das Jahr 1868 herum wurde die heutige Buchstaben-Tastaturbelegung auf der Schreibmaschine eingeführt.“ Die sogenannte QUERTY-Anordnung auf amerikanischen Tastaturen – benannt nach den sechs nebeneinanderliegenden Buchstaben links in der oberen Tastaturreihe – sollte ursprünglich das Verhaken der Ärmchen häufig angeschlagener Buchstaben verhindern. Ein Problem, das durch technische Modernisierung längst gelöst ist.

Und dennoch: „Obwohl wir heute keine Schreibmaschinen mehr benutzen, werden die Tastaturen immer noch in diesem Layout ausgeliefert“, sagt Markus Burger. Hinzu komme, dass das Schreiben nach dem Zehnfinger-System nach wie vor auf dieselbe Art in Kursen gelehrt wird. Das verstärke und verstetige die Tastaturanordnung.

Theorie zum weltweit ersten Mal auf Unternehmen angewandt

Diesen Prozess der Verstetigung beschreibt die Theorie der Pfadabhängigkeit: Ein zufälliges Ereignis führt aufgrund selbstverstärkender Prozesse zu einem letztlich ineffizienten Ergebnis. „Diese von dem Stanford-Professor Paul David entwickelte Theorie war eine Antwort auf die neoklassische Markttheorie, die besagt, dass, ganz gleich welche Lösungen entwickelt werden, die Marktkräfte die effizienteste herausfiltern", erklärt Markus Burger.

In seiner von Professor Jörg Sydow vom Management-Department der Freien Universität betreuten Doktorarbeit untersuchte Burger ineffiziente Strukturen in Netzwerken. Er wandte die Theorie organisationaler Pfadabhängigkeit, die am DFG-Graduiertenkolleg „Pfade organisatorischer Prozesse“ an der Freien Universität von den Professoren Georg Schreyögg und Jörg Sydow auf Grundlage der Theorie von Paul David entwickelt worden ist, auf Netzwerke von Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen an. Dafür wird er am 28. Oktober mit insgesamt fünf weiteren Nachwuchswissenschaftlern mit dem in diesem Jahr zum zweiten Mal vergebenen Wissenschaftspreis des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) ausgezeichnet.

Interviews dienten als Grundlage für die Arbeit

Bis 2007 als Unternehmensberater bei der „Boston Consulting Group“ und seitdem als selbstständiger Unternehmensberater und Trainer tätig, hat es sich Burger zum Beruf gemacht, komplizierte Prozesse einfach zu formulieren. Trotzdem zählt die Doktorarbeit des Absolventen der Oxford University über 350 Seiten. „Das liegt daran, dass ich im Rahmen der qualitativen Sozialforschung, auf der meine Arbeit basiert, viele Interviews führen musste“, sagt Markus Burger.

Darunter befinden sich auch Interviews mit Berliner Unternehmern sowie Vertretern von Unternehmern aus der Region. „In und um Berlin beispielsweise gibt es eine hochentwickelte Röntgenindustrie, die früher von Siemens dominiert wurde“, sagt Markus Burger. Heute sei das spezialisierte Wissen auf verschiedene Firmen und Wissenschaftseinrichtungen in der Region verteilt. Das derart fragmentierte Wissen werde durch Treffen, die alle zwei Monate stattfinden und bei denen ein koordinierter Plan aller beteiligten Firmen und Institute erarbeitet wird, wieder einzufangen versucht. „Das ist natürlich positiv, da auf diese Weise alle beteiligten Institutionen wachsen“, sagt Burger.

Denn der erste Erfolg führe zum zweiten und dieser zu weiteren Erfolgen. Das Problem: „Über die Verteilung der Gelder und des Gewinns solcher Netzwerke wird meist zu Beginn der Kooperation entschieden“, sagt Markus Burger. So seien diese Gebilde in der Realität nicht – wie beabsichtigt – besonders flexibel, sondern vielmehr hyperstabil. So verstetige sich ein zufälliges Ereignis. Ob die Netzwerke damit gleichzeitig auch ineffizient sind, lasse sich Burger zufolge nicht ohne weiteres nachweisen. Insgesamt hat der Wissenschaftler feststellen können, dass selbstverstärkende Prozesse in Netzwerken und Wissenschaftseinrichtungen die Entwicklung bestimmen.