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„Bachelor-Studium und Liebeskummer sollten vereinbar sein“

Hans-Werner Rückert, Leiter der Studienberatung und Psychologischen Beratung, über die Entwicklung der sogenannten Bologna-Reform

19.12.2011

Bologna auf dem Prüfstand: "Was wir brauchen, ist ein legitimiertes Modell der unterschiedlichen Geschwindigkeiten."
Bologna auf dem Prüfstand: "Was wir brauchen, ist ein legitimiertes Modell der unterschiedlichen Geschwindigkeiten."
Hans-Werner Rückert leitet die Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin. Er war Gastgeber einer Fachtagung, die sich mit der Entwicklung der Bologna-Reform und deren Auswirkungen auf Studierende beschäftigt hat.
Hans-Werner Rückert leitet die Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin. Er war Gastgeber einer Fachtagung, die sich mit der Entwicklung der Bologna-Reform und deren Auswirkungen auf Studierende beschäftigt hat. Bildquelle: Privat

Funktioniert der Bachelor als berufsqualifizierender Studienabschluss? Hat sich der Druck unter den Studierenden seit der Reform erhöht? Wie bewältigen junge Bachelor-Studierende angesichts von Prüfungs- und Abgabestress persönliche Probleme? Der Psychologe Hans-Werner Rückert war Gastgeber einer Fachtagung, die sich unter dem Titel „Bachelor alla Bolognese con…?“ mit der Entwicklung der Bologna-Reform und deren Auswirkungen auf Studierende beschäftigte. Campus.leben sprach mit dem Psychologen.

Herr Rückert, was stand im Zentrum der Fachtagung „Bachelor alla Bolognese con…?“

Eingeladen waren zwei Top-Experten der Hochschulforschung, um die Effekte der Bologna-Reform auf das Studium zu überprüfen: Tino Bargel von der Universität Konstanz und Harald Schomburg vom Internationalen Zentrum für Hochschulforschung der Universität Kassel. Bargel sagt, dass die Studierenden unter der Bologna-Reform leiden würden, einerseits aufgrund der Verringerung der Freiräume im Studienablauf, zum anderen aber wegen eigener hoher Selbstansprüche, mit denen sie sich unter Druck setzen. So sei die wachsende Unzufriedenheit unter den Studierenden zu erklären. Schomburg hingegen hielt es „für Unsinn“, bei der Qualitätsanalyse nur den ersten Studienabschnitt zu bewerten, da in Deutschland die Mehrheit der Bachelor-Absolventen weiterstudierte. Im Master-Studium würde sich die Meinung der Studierenden ändern.

Zum Positiven?

So sieht es Schomburg. In Deutschland studieren 86 Prozent nach dem Bachelor-Abschluss unmittelbar weiter, in England sind es nur 23 Prozent. Der Bachelor wird in Deutschland als eine Art Zwischenprüfung empfunden. Deswegen, sagt Schomburg, sei es falsch, den Bachelor mit dem alten Studiensystem zu vergleichen, da man bei Befragungen innerhalb des alten Systems sowohl Grund- als auch Hauptstudium bewertet habe. Anders gesagt: Früher waren die Studenten im Grundstudium unzufrieden, heute sind sie im Bachelor-Studium unzufrieden. Wenn man aber Bachelor und Master, also das Gesamtprogramm betrachtet und es ins Verhältnis zum alten System setzt, kommt man zu austauschbaren Ergebnissen.

Hat Schomburg also recht?

Rein statistisch, ja. Ein Beispiel: Die Jobaussichten nach einem Masterabschluss sind ähnlich gut wie vor zehn Jahren – vielleicht sogar besser, da man, statistisch gesehen, nach dem Abschluss schneller zu einem Job kommt.

Nach einem Bachelor-Studium sehen die Perspektiven aber immer noch schlecht aus.

Das ist richtig. In Deutschland ist die Berufsstruktur immer noch nach dem Modell der Zünfte organisiert. Das ganze System ist sehr konservativ, man braucht bestimmte Abschlüsse, um bestimmte Berufe überhaupt ausüben zu können. Das ist in England anders, wo der Arbeitsmarkt auf unterschiedliche Abschlüsse flexibel reagiert. So kann dort beispielsweise jemand mit einem Bachelorabschluss in Biochemie ohne weiteres als Filialleiter in einem Frühstücksrestaurant einer Kette arbeiten, wo man bei uns eher eine BWL-Qualifikation erwarten würde. Der deutsche Konservatismus im Bildungswesen drückt sich auch im  Ergebnis einer weiteren Studie von Schomburg aus: In einer Befragung hat sich gezeigt, dass die Lehrenden an Hochschulen für das schlechte Image mitverantwortlich sind, weil sie den Bachelor für minderwertig halten und somit das Negativ-Bild weitervermitteln. Das wird sich so schnell nicht ändern.

Dem Bachelor-System werden zahlreiche Defizite vorgeworfen, zum Beispiel zu starre Vorgaben im Studienverlauf, die zu wachsendem Stress führen. In welche Richtung müsste man das System reformieren, um es erfolgreich zu machen?

Ungefähr die Hälfte der Studierenden vermisst Unterstützung: beim wissenschaftlichen Arbeiten, bei der Anfertigung von Hausarbeiten, bei der Prüfungsvorbereitung. In England gibt es das „Personal Tutoring System“, bei dem die Lehrenden für kleine Studierenden-Gruppen zuständig sind. An US-Universitäten setzt man dagegen auf Counseling-Center. Dort bieten Psychologen Trainingskurse an, sind über Hotlines jederzeit erreichbar und begleiten die Studierenden auf ihrem individuellen akademischen Weg. So etwas gibt es in Deutschland nicht in ausreichendem Umfang. Der Druck ist riesig. Teilweise erzeugen die Studierenden diesen Druck selbst: Sie wollen das Studium in sechs Semester abschließen, was ihnen rein empirisch auch gelingen kann. Nur setzen sie sich dadurch einem extrem hohen Stress aus.

Das klingt so, als gäbe es durchaus Vorteile an der Bachelor-Reform, nur müsste man sich mit den Schwächen auseinandersetzen.

Genau so ist es. Wenn man will, dass die Studierenden in kürzerer Zeit ohne erhebliche subjektive Belastungen durchkommen, muss man mehr Unterstützung anbieten. Bedenken Sie: Während des Bachelor-Studiums ist man in einem Alter, in dem man manche Lebenskrise zum ersten Mal durchläuft. Zum Beispiel Liebeskummer. In so einer Situation ist man nicht mehr fähig zu arbeiten – aber das Bachelor-Programm geht einfach weiter. Die Fachbereiche sagen dann: „Liebeskummer? Schaut Euch Goethe an! Der hat sich auch einfach in die Arbeit gestürzt.“

Was also tun?

Man müsste die Freiräume größer machen. Rein empirisch investieren die Bachelor- Studierenden gar nicht so viel mehr Arbeitszeit als früher. Aber das subjektive Empfinden hat sich verändert. Die Studierenden bekommen das Gefühl, dass sie in einer Tretmühle stecken, die unerbittlich den Takt vorgibt. Plötzlich kommt Angst ins Spiel: Man könnte ja „sitzenbleiben“. Anwesenheitskontrollen, engmaschige Prüfungen, fehlende Wahlmöglichkeiten – all das sind Stressfaktoren, die man entschärfen müsste.

Wie könnte das gelingen?

Durch Flexibilität. Jeder Bachelor-Student ist anders. Einige wollen, wie das die Vorgaben verlangen, so schnell wie möglich fertig werden. Andere wiederum wollen über den Tellerrand hinausschauen und sich Zeit nehmen. Man sollte also nicht überall die gleiche Bolognese-Sauce kochen und allen dasselbe Gericht servieren, sondern flexible Möglichkeiten und Studierverfahren schaffen. Was wir brauchen, ist ein legitimiertes Modell der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. An der Freien Universität sind wir ja mitten drin in diesem Prozess der Reform der Reform, mit dem Ziel, mehr Freiräume zu schaffen und allzu kleinteilige Prüfungsbelastungen zu reduzieren.

Die Fragen stellte Leonard Fischl