„Aufklärung für beide Seiten“

Deutsch-türkisches Festival in Berlin und Istanbul vom 24. September bis 8. Oktober 2011 / Gemeinsame Veranstaltung der Freien Universität Berlin und der Bahçeşehir Universität Istanbul

23.09.2011

Grenzerfahrungen an der ehemaligen Berliner Mauer: Prof. Dr. K. Siebenhaar mit Studierenden der Freien Universität und der Bahçeşehir Universität Istanbul während der Aufnahmen für einen Dokumentarfilm.
Grenzerfahrungen an der ehemaligen Berliner Mauer: Prof. Dr. K. Siebenhaar mit Studierenden der Freien Universität und der Bahçeşehir Universität Istanbul während der Aufnahmen für einen Dokumentarfilm. Bildquelle: IKM
Eine Frage der Bildästhetik und der kulturellen Unterschiede: Jede Einstellung für den Dokumentarfilm wurde von dem binationalen Team ausgiebig diskutiert. Das Bild zeigt den türkischen Studenten Murat Emre Özdemir beim Dreh.
Eine Frage der Bildästhetik und der kulturellen Unterschiede: Jede Einstellung für den Dokumentarfilm wurde von dem binationalen Team ausgiebig diskutiert. Das Bild zeigt den türkischen Studenten Murat Emre Özdemir beim Dreh. Bildquelle: IKM

„B – 34: Kultürk“ – hinter diesem „Code“ steckt ein abwechslungsreiches Festival, das vom Institut für Kultur- und Medienmanagement (IKM) der Freien Universität und der Fakultät für Kommunikation der Bahçeşehir Universität Istanbul konzipiert und organisiert wurde. Die Kfz-Kennzeichen von Berlin – „B“ – und Istanbul – „34“ – legen den kulturellen Rahmen fest, innerhalb dessen sich alle Teilnehmer – Literaten, Künstler, Film-, Musik- und Modemacher bis hin zu Wissenschaftlern und Unternehmern – begegnen und austauschen. Campus.leben sprach vor Beginn des Festivals mit Professor Klaus Siebenhaar, Direktor des Instituts für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität.

Das Festival findet in Berlin vom 24. September bis 8. Oktober 2011 statt. Im Zentrum der unterschiedlichen künstlerischen und wissenschaftlichen Veranstaltungen steht die soziale und kulturelle Identität der postmigrantischen Generationen beider Metropolen.

Herr Professor Siebenhaar, an wen richtet sich „B-34: Kultürk"?

„Das Kultur-, Medien- und Konferenz-Festival richtet sich an Deutsche, Türken und an die Gruppe, die dazwischen steht: die deutsch-türkische Community. Die Veranstaltungsreihe konzentriert sich auf Berlin und Istanbul – Städte, die beide von Migration und Kulturtransfer geprägt sind und außerordentlich kreatives Potenzial besitzen.

Warum wird Kultürk veranstaltet?

Anlass ist der 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens – auch Gastarbeiterabkommen genannt – Ende Oktober 1961. Das Thema Generationen steht deswegen auch im Vordergrund des Festivals, besonders der Dialog zwischen der zweiten und dritten Generation, deren Vertreter als Postmigranten und ausgestattet mit hybrider, also doppelter Identität im Moment sehr in der Diskussion stehen. Aber wir haben nicht allein die Vergangenheit im Blick, die zwar unterschwellig eine Rolle spielt. Wir wollen radikal gegenwärtig sein und schauen, wo wir heute stehen, welche Optionen wir haben und in welche Richtungen wir umdenken sollten und müssen. Das thematische Leitmotiv der zweifachen Identität  wollen wir auf unterschiedliche Weise darstellen: von Ausstellungen über Lesungen bis hin zu Filmen, einem Konzert und einer Mode-Performance, bei der unter anderem ein türkischer Modedesigner aus Istanbul dabei ist, der in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist, also ebenfalls eine Doppelidentität aufweist.

Was findet noch statt?

Besonders stolz bin ich auf den Dokumentarfilm, den Studierende des IKM und der Fakultät für Kommunikation der Bahçeşehir Universität Istanbul gedreht haben. Er zeigt ebendiese dritte Generation und den Bereich der Kreativwirtschaft in beiden Metropolen. Der Film ist sehr professionell geworden, auch dank des Dokumentarfilmers Lothar Spree, der die Studierenden künstlerisch betreut hat.

Das Festival stellt die gesellschaftlich-kulturelle Wirklichkeit der Gegenwart in Berlin und Istanbul von Deutsch-Türken der zweiten und dritten Generation dar. Wie sieht diese Wirklichkeit aus?

Zur gesellschaftlich-kulturellen Wirklichkeit Istanbuls gehört unter anderem die Gemeinschaft der sogenannten Alemanje, der heimgekehrten Deutsch-Türken, die um Akzeptanz, kulturelle Identität und auch um eine Form von Reintegration ringen. Wenn man in Istanbul ist – und damit meine ich nicht als Tourist, sondern um dort Projekte zu realisieren und Diskussionen zu führen – dann erfährt man eine ganz andere gesellschaftliche Realität als die, die uns unsere Medien oder unsere Klischees vermitteln. Auch das wird in dem Dokumentarfilm deutlich. Zur Berliner Wirklichkeit gehört auch die vielleicht weniger beachtete Realität derjenigen Deutsch-Türken, die nicht in Kreuzberg, Neukölln oder im Wedding aufgewachsen sind, weil deren Familien frühzeitig zum Beispiel nach Reinickendorf gezogen sind. Wie diese Generation über Sprache denkt ist sehr interessant. Wir haben zum Beispiel Deniz Utlu dabei, einen tollen, jungen Schriftsteller, der noch nie in türkischer Sprache veröffentlicht hat, sondern immer nur in deutscher. Das sei die Sprache, in der er zuhause sei.

An sechs Orten werden fast 50 Künstler sowie ein Dutzend Wissenschaftler und Referenten in insgesamt zwölf Veranstaltungen mitwirken. Was ist Ihr besonderes Highlight?

Die Modeperformance ist natürlich zusammen mit dem Dokumentarfilm das Spektakulärste und Aufwändigste. Aber auch die kleinen Veranstaltungen haben etwas Besonderes. Zum Beispiel haben wir aus Interviews und umfangreichen Recherchen eine Dokumentar-Lesung erstellt: Zwei deutsch-türkische Schauspieler lesen aus Lebensgeschichten vor, die mit Auszügen aus Interviews, die mit Passanten geführt wurden, angereichert werden. Darauf freue ich mich, und darauf bin ich genauso stolz wie auf die größeren Veranstaltungen.

Das Festival wurde hauptsächlich von studentischen Teams des IKM und der Fakultät für Kommunikation der Bahçeşehir Universität Istanbul konzipiert und organisiert. Wie funktionierte die Kooperation der Studierenden?

Das war interessant und verlief nicht ohne Konflikte. Konflikte, die sowohl etwas mit der unterschiedlichen Planungskultur in beiden Ländern zu tun haben als auch mit ästhetischen Differenzen. Bei jedem Dreh für den Dokumentarfilm wurde heiß diskutiert, bis man sich einander angenähert hatte. Dieser Gedankenaustausch und miteinander zu ringen um das Thema, ist ein ganz wesentlicher künstlerischer Prozess. Auch andere Planungskulturen kennenzulernen, ist wichtig. Die Studierenden haben gesehen, was interkulturelle Zusammenarbeit bedeutet und was sie alles einschließt. Sie haben viel gelernt, die Arbeit hat auf beiden Seiten zu nachhaltigen Selbstreflexionen geführt. Das war Aufklärung im besten Sinne und für beide Seiten.

Die Fragen stellte Marina Kosmalla