Freie Universität Berlin


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Ein Leben zwischen zwei Welten

Spitzensportler an der Freien Universität Berlin

15.03.2011

Julia Richter (1. von vorn) im Trainingslager in Kalifornien im Oktober vergangenen Jahres. Mit ihren Kolleginnen trainierte sie für die Ruder-WM 2010 in Neuseeland.
Julia Richter (1. von vorn) im Trainingslager in Kalifornien im Oktober vergangenen Jahres. Mit ihren Kolleginnen trainierte sie für die Ruder-WM 2010 in Neuseeland. Bildquelle: Thomas Affeldt

Täglich um sechs Uhr morgens aufstehen, trainieren, anschließend in Seminaren sitzen, lernen, nachmittags wieder zum Training – so sieht der Alltag aus im Leben eines Spitzensportlers, der gleichzeitig studiert. An der Freien Universität üben sich acht Athleten im Spagat zwischen Leistungssport und Hochschule.

Wenn die meisten ihrer Kommilitonen noch im Bett liegen, ist Julia Richter schon auf dem Weg zum Ruder-Training. Nach mehreren Seminaren und Vorlesungen entspannt sie sich nicht, wie andere Studierende, bei einem Kaffee, sondern ist bereits wieder unterwegs zum Bootshaus. Und dann ist der Tag auch schon vorbei. Für ein flottes Studentenleben lässt das harte Programm kaum Zeit. „Bei der Freizeit muss ich viele Abstriche machen“, erzählt Julia. „Natürlich treffe ich mich auch mal mit Freunden zum Spiele-Abend oder fürs Kino, aber das ist eher selten, das ist dann schon etwas Besonderes.“

Alles für den Traum von der Medaille

Phasen, in denen die 22-Jährige lieber abschalten und nichts tun möchte, gibt es immer wieder. Doch sie weiß genau, wofür sie die Anstrengungen auf sich nimmt: für den Erfolg. Bei der Ruder-WM 2010 in Neuseeland holte sie im Frauen-Doppel-Vierer Bronze. „Das war eine tolle Sache“, berichtet die Sportlerin. „Wir waren nur zwei Zehntel hinter den Zweitplatzierten. Nächstes Jahr lassen wir sie nicht mehr vor.“ Es war ihre erste Weltmeisterschaft bei „den Großen“, doch schon im U-23-Bereich nahm sie an drei Weltmeisterschaften teil und holte jedes Mal eine Medaille.

„Die olympischen Sommerspiele sind mein großes Ziel“

Julia Richter studiert an der Freien Universität im Kombi-Bachelorstudiengang Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit den Nebenfächern Nordamerikastudien und Kunstgeschichte. Sie rudert seit der 11. Klasse: „Eigentlich bin ich da hineingerutscht“, erzählt sie. „Ich bin vorher geschwommen und wollte etwas anderes ausprobieren, so kam ich zum Rudern. Das lief von Anfang an gut und hat mir Spaß gemacht. Dann stand schnell der erste internationale Wettkampf an, und die Erfolge kamen.“

Doch Sport auf höchstem Niveau zu treiben und gleichzeitig für Scheine, Credits und Prüfungen zu pauken ist kein leichtes Unterfangen. Noch ist sie in der Regelstudienzeit, was jedoch im kommenden Sommer schon ein Ende haben könnte. Im Juli und August 2012 finden in London die Olympischen Sommerspiele statt. „Das ist mein ganz großes Ziel auf das ich hinarbeite“, sagt Julia Richter. „Dafür werde ich auf jeden Fall ein Urlaubssemester nehmen müssen.“

Auf die Unterstützung durch die Professoren angewiesen

Um Spitzensportlern eine duale Karriere zu ermöglichen, kooperiert die Freie Universität seit 2007 mit dem Olympiastützpunkt Berlin. Eine Garantie für die optimale Vereinbarkeit von Studium und Sport ist die Zusammenarbeit allerdings nicht. Oft hängt das Schicksal der Athleten auch vom Entgegenkommen der Professoren ab. „In der Regel läuft es so, dass die Sportler mit ihrem Trainings- und Wettkampfplan zu mir kommen und wir gemeinsam schauen, ob es Überschneidungen mit dem Studienplan gibt“, sagt Heinz-Michael Sendzik, Leiter der Zentraleinrichtung Hochschulsport der Freien Universität und Mentor für die hier studierenden Spitzensportler.

Fast immer gibt es Überschneidungen. Dann spreche man die Dozenten und Professoren an und versuche, eine Alternative zu finden. „Es gibt verschiedene Möglichkeiten und Wege“, sagt Sendzik: „Man kann versuchen, einen Termin zu verschieben, anstelle eines Referates eine Hausarbeit zu schreiben oder die Prüfungsleistung über E-Learning zu erbringen.“ Das klappe nicht in allen Fällen, sagt Sendzik. „Aber wir hoffen, dass sich die Situation der Spitzensportler an der Freien Universität herumspricht und wir bei den Hochschullehrern weiterhin auf offene Ohren stoßen.“

„Studium à la carte“

Momentan studieren an der Freien Universität vier Hockey-Spieler, zwei Ruderer, eine Leichtathletin und ein Segler. „Unsere Sportler sind sehr zielorientiert“, sagt Sendzik. „Sie wissen, worum es geht, und sie wissen, dass sie Leistung erbringen müssen – im Sport wie im Studium. Die Abbrecherquote von Hochleistungssportlern im Studium ist gering.“ Doch um den jungen Spitzensportlern die doppelte Belastung von Lernen und Training zu erleichtern, seien bestimmte Regelungen gefordert. „Wir wollen kein „Studium light“, aber ein „Studium à la carte“, wünscht sich der Mentor.

Für viele Top-Athleten ist mittlerweile eine duale Karriere selbstverständlich. Gerade in Disziplinen, die kein finanzielles Polster für die Zukunft liefern. „Vom Rudern an sich kann man nicht leben. Das ist kein Vergleich mit Fußball“, sagt Julia. Zudem ist eine Leistungsportkarriere durch das Alter begrenzt: Irgendwann müssen die Athleten den Übergang in den Beruf schaffen. „Wie lange ich das noch mache, weiß ich nicht. Das hängt davon ab, wie ich mich sportlich entwickle und wie es mit der Uni weitergeht. Ich möchte auf jeden Fall einen Abschluss in der Tasche haben, und wenn möglich, auch einen Master anschließen.“

„Hochschule des Spitzensports“

In Berlin kooperieren neun Hochschulen mit dem Olympiastützpunkt Berlin. Auch untereinander haben die Hochschulen ein gutes Netzwerk aufgebaut. „Die Mentoren der Universitäten treffen sich vierteljährlich zu einer gemeinsamen Konferenz und tauschen sich aus“, sagt Sendzik. „Dieser Austausch ist einmalig in Deutschland und funktioniert sehr gut.“

In einer gemeinsamen Initiative bewerben sich die neun Berliner Hochschulen momentan zusammen als „Hochschulstandort des Spitzensports“ beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) um das Qualitätssiegel „Hochschule des Spitzensports“. „Ein solches Netzwerk wäre etwas völlig Neues, und wir hoffen, dass wir im April in die Endrunde kommen“, erzählt Sendzik.