„Wir können die Probleme nicht mehr alleine lösen“

Bei der bisher größten Konferenz ihrer Art haben sich Tropenveterinärmediziner über die Bekämpfung von Tierseuchen beraten

30.11.2016

Die Teilnehmer der Konferenz kamen aus mehr als 55 Ländern.
Aus mehr als 55 verschiedenen Ländern: Die Teilnehmer der Konferenz Bildquelle: Ard Nijhof
Flachsbarth
Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, hielt auf der Konferenz einen Vortrag. Bildquelle: Ard Nijhof
Zeckenfütterung
Ohne Tierversuche: Schildzecken der Art Ixodes Ricinus saugen sich in einer Fütterungskammer mit Blut voll. Bildquelle: Ard Nijhof

Vogelgrippe, SARS, Schweinegrippe: Viele große Epidemien der vergangenen Jahre waren Tierseuchen, die auf den Menschen übertragen werden. Ein weltweit gemeinsames Vorgehen sei darum unabdingbar, war das einhellige Fazit einer internationalen Konferenz der Tropenveterinärmedizin, die vom Institut für Parasitologie und Tropenveterinärmedizin sowie dem FAO Reference Centre for Veterinary Public Health am Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität organisiert wurde. Knapp 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben ihre Forschungsergebnisse vorgestellt.

Vier Millionen Schafe exportiert Somalia jährlich auf die arabische Halbinsel. Für die Tropenveterinärmediziner, die sich in Berlin getroffen haben, ist das ein beunruhigender Gedanke: Somalia hat keine funktionierende Zentralregierung, eine organisierte Seuchenprävention ist kaum möglich. Wenn eine Seuche ausbricht, die womöglich auf den Menschen übertragbar ist, könnte sie sich in Windeseile ausbreiten.

Fünf Tage lang haben sich Wissenschaftler aus mehr als 55 Ländern Anfang September auf der Tagung „Tropical Animal Diseases and Veterinary Public Health: Joining Forces to Meet Future Global Challenges“ in Berlin ausgetauscht – mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Poster-Präsentationen und Exkursionen. Ihre Zusammenarbeit ist vor allem durch die Globalisierung wichtig geworden. „Zu Robert Kochs Zeiten hat es mit dem Schiff nach Afrika oder Asien Monate gedauert“, sagte Peter-Henning Clausen, Professor für Parasitologie und Tropenveterinärmedizin an der Freien Universität und Mitorganisator der Konferenz. „Heute dauert die Reise wenige Stunden.“

Tierversuche vermeiden

Eines der Ziele der Tiermediziner ist, Impfstoffe gegen Zecken zu entwickeln. Besonders in den tropischen Regionen sind Zecken für die Verbreitung vieler Krankheiten verantwortlich – eine Gefahr für Mensch und Tier gleichermaßen. Durch den Klimawandel breiten sie sich immer weiter aus. Ard Nijhof, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Parasitologie und Tropenveterinärmedizin der Freien Universität, hat über mögliche Impfstoffe promoviert. Aktuell optimiert er mit seinen Kollegen ein Verfahren, um Zecken künstlich mit Blut vom Schlachthof zu füttern. Dies erleichtert die Suche nach Mitteln, um Zecken zu bekämpfen, ohne dafür Versuchstiere nutzen zu müssen. Interessierten Wissenschaftlern zeigte Nijhof das Verfahren bei einem Workshop zu Beginn der Konferenz. Auf diese Weise können bestimmte Tierversuche auch an weiteren Universitäten künftig vermieden werden.

Peter-Henning Clausen machte jedoch deutlich, dass Forschung allein die Probleme nicht lösen könne – in den Entwicklungsländern müsse auch eine nachhaltige Entwicklung gewährleistet werden. „Vor 30 Jahren wären die Probleme viel leichter zu beherrschen gewesen“, sagte der Parasitologe. Er sei aber optimistisch, denn in der Entwicklungspolitik habe es mittlerweile ein Umdenken gegeben: „Heute gibt es kein Bundesministerium mehr, das nicht zusätzlich Gelder für die Zusammenarbeit mit Entwicklungsländer bereitstellt.“ Man habe erkannt, dass es auch im Interesse der reicheren Länder sei, Menschen in Entwicklungsländern eine Perspektive zu geben, gerade der Jugend und der Bevölkerung auf dem Land.

„Vernetzung ist überlebenswichtig“

Wichtig sei es, mit den Entwicklungsländern auf Augenhöhe zu bleiben, sagte Peter-Henning Clausen. „Wir leben nicht mehr in den Zeiten Albert Schweizers, in denen Entwicklungshelfer in die Kolonien gefahren sind und ihr Wissen vermittelt haben. Heute machen uns die Experten in den Regionen etwas vor.“ Bei der Konferenz habe man darum darauf geachtet, nicht aus der Ferne über die Probleme der tropischen Regionen zu sprechen, sondern mit den Menschen vor Ort in einen Dialog zu treten. „Wir können die Probleme nicht mehr alleine lösen“, sagt auch Willi Dühnen. Er ist Geschäftsführer von „Tierärzte ohne Grenzen“ und hat auf der Tagung eine Plenarsitzung zur ländlichen Entwicklung geleitet.

Mehr als die Hälfte der Teilnehmer kam aus tropischen Regionen – für die Organisatoren eine logistische Herausforderung. Die Einreisebestimmungen für Menschen aus dem globalen Süden sind sehr strikt und dazu noch für die einzelnen Länder unterschiedlich. Der Aufwand habe sich aber gelohnt, sagt Mitorganisator Maximilian Baumann, der an der Freien Universität zur internationalen Tiergesundheit arbeitet. Denn Vernetzung sei die richtige Antwort auf die Herausforderungen der globalisierten Welt. Und im Ernstfall könnte der direkte Draht zu Experten in anderen Ländern überlebenswichtig sein, etwa um Maßnahmen bei einer Pandemie zu koordinieren.