Mit Jeans im alten China

Ferner Osten und Berlin: Beim Eurasian Summit Humanities an der Freien Universität wurden Forschungskooperationen ausgelotet

20.07.2016

Eurasian Summit Gruppenfoto
Die Teilnehmer des Eurasian Summit Humanities vor dem Henry-Ford-Bau Bildquelle: Jonas Huggins
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„Reisende zwischen Strömen und Bergen“ von Fan Kuan. Das Bild hatte nicht nur auf die chinesische Landschaftsmalerei eine prägende Wirkung. Bildquelle: public domain, Bearbeitung: Kathrin Plank-Sabha Wikimedia Commons
Ling Chung
Prof. Dr. Ling Chung von der Universität von Macau Bildquelle: Jonas Huggins

Asien ist Dahlem ganz nah – jedenfalls in der Wissenschaft. Seit mehr als zehn Jahren schon arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Freien Universität und der Chinese University of Hong Kong in den Geisteswissenschaften zusammen. Nun soll die Kooperation mit Ostasien ausgeweitet werden: Beim Eurasian Summit Humanities, einem zweitägigen Workshop in Berlin, diskutierten sechs Vertreter führender Universitäten in Hong Kong, Macau und Taiwan mit Geisteswissenschaftlern der Freien Universität darüber, zu welchen Projekten sich Forschungskooperationen anbieten würden.

Vom alten Ägypten über Architektur, Literatur, Theater bis hin zu Philosophie: Die ganze Bandbreite der Geisteswissenschaften war durch Wissenschaftler bei dem Workshop vertreten. Jeder der rund ein Dutzend Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellte ein Thema aus seiner Expertise vor. Anschließend wurde diskutiert: Gibt es Verbindungen zwischen Ost und West? Eignen sich Vergleiche?

Ling Chung, Professorin für chinesische und amerikanische Literatur an der Universität von Macau führte als Beispiel die beiden US-amerikanischen Dichter Gary Snyder und Mike O’Connor an, die sich für klassische chinesische Kunst begeistern. Beide haben chinesische Gedichte ins Englische übersetzt und – inspiriert von der chinesischen Kunst – auch eigene Gedichte verfasst: etwa zu einem alten Gemälde, das sie im Nationalen Palastmuseum in Taipei gesehen haben.

Chinesische Landschaftsmalerei und amerikanische Poesie

Dieses Bild, gemalt vor rund tausend Jahren von Fan Kuan, ist eines der berühmtesten Exemplare chinesischer Landschaftsmalerei. „Reisende zwischen Strömen und Bergen“ sind darauf zu sehen: eine kleine Karawane, die verloren wirkt zwischen Bäumen und einem reißenden Fluss. Hinter einer Wand aus Nebel türmt sich ein Berg, der ganze zwei Drittel des Bildes einnimmt.

Snyder und O‘Connor sähen in dem Werk andere Dinge als die Chinesen, erklärte Ling Chung. Während der große Berg in der chinesischen Kunstgeschichte als Symbol für das metaphysische Konzept Qi verstanden werde, seien die amerikanischen Dichter davon ausgegangen, dass der Maler die Realität getreu abgebildet habe. In dem Gedicht, zu dem O’Connor durch das Gemälde inspiriert worden ist, beschreibt er eine Fantasiereise, die ihn in das Bild hineinführt: Er stellt sich vor, am Flussufer sein Lager aufzuschlagen, um dort seine Schuhe zu binden und seine Töpfe zu waschen.

Das sei eine bemerkenswerte Vermischung von alter chinesischer und zeitgenössischer amerikanischer Kultur, befand Ling Chung. Und trieb den Gedanken weiter: Der Reisende in O’Connors Gedicht trage bestimmt Jeans und verwende Töpfe aus Edelstahl. Es sind solche künstlerischen Begegnungen zwischen Ost und West, die Ling Chung faszinieren. „O’Connor und Snyder sind Pioniere einer kulturellen Integrationsbewegung“, sagte sie.

Stark vernetzt

Die Teilnehmer des Workshops diskutierten, wie man ein solches Thema untersuchen könne. Wie bei jeder Übersetzung gebe es auch in der Kunst Dinge, die sich nicht übertragen ließen, sowie Elemente, die durch eine Übersetzung hinzugefügt würden, sagte Sebastian Hsien-Hao Liao, Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der National Taiwan University. Für die Forschung seien besonders die hinzugefügten Elemente spannend.

Kooperationen mit Macau und Taiwan würden die internationale Vernetzung der Freien Universität noch weiter stärken . In den Geisteswissenschaften arbeiten Wissenschaftler aus Berlin im thematischen Netzwerk „Principles of Cultural Dynamics“ mit Forschern aus mehreren Kontinenten zusammen. Neben der langjährigen Kooperation mit Hong Kong bestehen Verbindungen zu Harvard, der Johns Hopkins University, zur Hebrew University of Jerusalem und zur École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.