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Blick von außen: Deutschland gestern und heute

30. Juni, 18 Uhr: Festvortrag der US-Germanistin Irene Kacandes im Rahmen des „Berlin Program“/ Alumni des Programms trafen sich in der vergangenen Woche zum Sommer-Workshop

29.06.2016

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Peter Polak-Springer zeigt die Ergebnisse der Analyse arabischsprachiger Kommentare zur "Willkommenskultur in den sozialen Medien Bildquelle: Jonas Huggins
Berlin Program Summer School Alumni
Präsentierten auf dem Sommer-Workshop ihre Forschungsergebnisse (v.l.): Jennifer Miller, Annette Timm, Aya Settawi und Peter Polak-Springer Bildquelle: Jonas Huggins

Beim fünften Sommer-Workshop des „Berlin Program for Advanced German and Euopean Studies“ an der Freien Universität beschäftigten sich mehr als drei Dutzend Geistes- und Sozialwissenschaftler aus verschiedenen Ländern aller Welt mit deutscher Vergangenheit und Gegenwart. Wie breit das Spektrum der besprochenen Themen während des dreitägigen Workshops war, verdeutlichte bereits der Titel: „Becoming TransGerman: Transnational, Transdisciplinary, Transgender, Transhuman“. Am 30. Juni hält die renommierte Germanistin Irene Kacandes einen Festvortrag zum Thema Erinnerunsgarbeit.

Deutsche Medien berichten häufig darüber, wie Deutsche auf Flüchtlinge aus den arabischen Kulturen blicken. Aber wie verändert die Flüchtlingskrise das Bild Deutschlands in der arabischen Welt? Dieser Frage geht der Geschichtswissenschaftler Peter Polak-Springer nach. Er lehrt an der Qatar University und analysiert Kommentare in arabischsprachigen Zeitungen und den sozialen Medien. Unterstützt wird der aus Polen stammende US-Amerikaner dabei von der ägyptischen Bachelor-Studentin Aya Settawi, die das umgangssprachliche Arabisch auf Facebook und Twitter verstehen kann.

Das Forscher-Duo aus Qatar präsentierte auf dem Sommer-Workshop des Berlin Program seine Ergebnisse. Für die „Willkommenskultur“, mit der in Deutschland zahlreiche Menschen Flüchtlingen begegneten, gebe es viel Lob, sagte Peter Polak-Springer. Es sei aber unklar, ob die Übersetzung des Begriffes als „Politik der herzlichen Umarmungen“, die sich in einer Zeitung fand, sarkastisch gemeint gewesen sei. Bei einem anderen Teil der Bevölkerung breite sich Skepsis aus. So machte in den sozialen Medien ein Video Furore, auf dem unter dem Gegröle mutmaßlicher Neo-Nazis Flüchtlinge von deutschen Polizisten dazu gezwungen werden mussten, ihren Bus zu verlassen.

Peter Polak-Springer ist, wie viele Teilnehmer des Sommer-Workshops, Alumnus des Berlin Program, das Doktoranden und Postdoktoranden US-amerikanischer und kanadischer Universitäten ein Forschungsjahr an der Freien Universität ermöglicht. Das Programm sei für ihn sehr attraktiv gewesen, nicht nur wegen der Finanzierung, sondern weil sich die Stipendiaten des Programms gut vernetzen könnten.

„Trans-Identitäten“

Veranstaltungen wie der Sommer-Workshop, der in diesem Jahr zum fünften Mal stattfand, seien Gelegenheiten, miteinander in Kontakt zu bleiben und sich neue Perspektiven zu verschaffen, findet auch Jennifer Miller, die an der University of Southern Illinois moderne dDeutsche Geschichte unterrichtet. „Der Workshop weckt mich auf, wirkt belebend“, sagt sie. Das helfe, die eigene Perspektive zu hinterfragen.

Im Panel zu „Trans-siIdentitäten“ verglich Jennifer Miller die Flüchtlinge von heute mit den Gastarbeitern im Deutschland der 1960er Jahre. Die Gastarbeiter seien damals gefragt gewesen, hätten sich eingeladen gefühlt. Ein Umzug nach Deutschland sei ein sozialer Aufstieg gewesen. Über langfristiges Bleiben, geschweige denn über Integration, habe man sich damals dagegen auch von politischer Seite keine Gedanken gemacht. Bei den Flüchtlingen heute sei es nun umgekehrt: Integration sei das erklärte Ziel der Politik, dennoch hätten die Flüchtlinge nicht das Gefühl, eingeladen worden zu sein.

Drei Tage lange präsentierten die Teilnehmer des Sommer-Workshops einander ihre Forschung. Den Abschluss bildete eine Ausstellung, die nachzeichnete, wie im Zeitraum von 1882 bis 1966 Wissen über Transsexualität von Deutschland nach Nordamerika gelangt ist. Annette Timm, Geschichtsprofessorin an der University of Calgary in Kanada, hat die Ausstellung kuratiert. Sie findet es wichtig, nach Deutschland zu reisen, um die aktuellen Debatten – wie die Flüchtlingsdebatte – aus erster Hand erleben zu können.

Geschichte verbindet

Alle Wissenschaftler haben ihre eigene Geschichte, warum sie zu deutschlandbezogenen Themen forschen. Annette Timm ist zwar in Kanada aufgewachsen, hat aber deutsche Eltern. „Meine Eltern haben Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen“, erzählte sie. „Es gab offenbar etwas, dem sie entkommen wollten. Ich wollte herausfinden, was das ist.“ Peter Polak-Springer ist in den USA aufgewachsen, seine Familie stammt aber aus dem polnischen Breslau, das bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zu Deutschland gehörte. „Die deutsche Identität der Stadt wurde zensiert, meine Familie hat darüber nie gesprochen“, sagte er. Das habe sein Interesse geweckt.

Auch Jennifer Miller fand ihren Zugang zu Deutschland über die Vergangenheit. Sie kommt aus dem US-amerikanischen Südstaat Alabama. Wie die Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg hätten viele Menschen in Alabama das Gefühl, eine dunkle Vergangenheit geerbt zu haben. Das verbinde sie mit Deutschland. „Ich hatte das Gefühl, ‚schuldig geboren‘ zu sein“, sagte sie. Seitdem erforscht die Historikerin die deutsche Nachkriegsgeschichte. „Deutschland ist ein unendlich faszinierendes Land“, sagte sie.

Das Berlin Program gibt es bereits seit 1986. Dabei kooperiert die Freie Universität mit der German Studies Association, einer interdisziplinären Vereinigung für Wissenschaftler vor allem aus den USA und aus Kanada, die sich mit Geschichte, Politik und Kultur des deutschen Sprachraumes beschäftigen. Mehr als 300 Stipendiaten haben bereits Dissertationen oder Buchvorhaben mit einem Forschungsjahr in Berlin in die Tat umsetzen können.

Weitere Informationen

Festvortrag „Memory Work for/in the 21st Century“

Am 30. Juni hält Irene Kacandes, Professorin für German Studies und Vergleichende Literaturwissenschaft am Dartmouth College, eine Festrede zu dem Thema: „Memory Work for/in the 21st Century“. Irene Kacandes beschäftigt sich mit der Frage, wie eine produktive Erinnerungsarbeit aussehen kann, die hilft, für die gegenwärtigen Herausforderungen von zahlreichen Konflikten, Kriegen, humanitären Krisen und globaler Migration Lösungen zu finden.

Nach dem Festvortrag folgt ein Kommentar vom Autor Maxi Obexer sowie eine Diskussion, moderiert von Paul Nolte, Geschichtsprofessor an der Freien Universität. Michael O’Toole und David Benforado sorgen mit Oud und Nay – Varianten der Laute und der Flöte – für eine musikalische Untermalung des Abends.

Zeit und Ort:

  • 30. Juni, 18.15 Uhr
  • Raum 009, Ehrenbergstr. 26/28, 14195 Berlin
  • Öffentlicher Nahverkehr:
    • S1 Lichterfelde West
    • U3 Thielplatz
    • Bus M11 Ehrenbergstr.
    • Bus M48 und 101 Unter den Eichen/Drakestr.

Die Vortragssprache ist Englisch. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Programm der Veranstaltung