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Eine gefährliche Beziehung

Ein Wirtschaftsprofessor der Freien Universität untersucht, wie die Krise des Finanzsektors auf die Realwirtschaft übergreift

23.03.2016

Kleinere Unternehmen sollten nicht zu abhängig von ihren Hausbanken sein, sagt Frank Fossen, Juniorprofessor für Volkswirtschaftslehre.
Kleinere Unternehmen sollten nicht zu abhängig von ihren Hausbanken sein, sagt Frank Fossen, Juniorprofessor für Volkswirtschaftslehre. Bildquelle: Jonas Huggins

In den USA bricht der Markt für Immobilienkredite zusammen – und kurze Zeit später herrscht auch bei deutschen Firmen eine Krise, die mit der Finanzwirtschaft nichts zu tun hatten. Frank Fossen, Juniorprofessor für Volkswirtschaftslehre, hat dieses Phänomen genauer untersucht. Seine Empfehlung: Kleinere Unternehmen sollten nicht zu abhängig von ihren Hausbanken sein.

Er hat sehr viele Zahlen gesichtet: Die Jahresabschlüsse von 85 Prozent aller Kapitalgesellschaften in Deutschland befinden sich im Datensatz von Frank Fossen. Dazu gehören hauptsächlich GmbHs, sehr viele kleine und mittlere Unternehmen – der Mittelstand also, über den in Deutschland zwar viel gesprochen wird, deren Bilanzen und Umsätze in der volkswirtschaftlichen Forschung dennoch wenig Beachtung finden: „Der Großteil der Literatur berücksichtigt nur börsennotierte Unternehmen“, sagt Frank Fossen.

Aus seiner Sicht ist das ein Fehler, denn nicht alles, was für große Aktiengesellschaften gelte, sei auch auf kleine Firmen anwendbar. So stieß Frank Fossen, der seit 2011 an der Freien Universität als Juniorprofessor forscht, auf eine problematische Beziehung: Anders als die Großen an der Börse sind kleine und mittlere Firmen häufig abhängig von ihren Hausbanken, wenn sie investieren wollen und nicht genügend liquide Mittel angespart haben.

Die Hausbank ist für eine Firma diejenige Bank, die fast alle ihrer Finanzen verwaltet– in ganz Kontinentaleuropa ein verbreitetes Modell. Für kleinere Firmen ist die Hausbank oft der einzige Kreditgeber. In Krisenzeiten ist das fatal: Kommt die Bank in finanzielle Schwierigkeiten, vergibt sie an die Firma möglicherweise keinen Kredit mehr. Ohne einen Kredit ist die Firma nicht in der Lage, Investitionen im gewünschten Ausmaß zu tätigen. Investitionen wiederum sind für wirtschaftliches Wachstum essentiell.

An der Freien Universität vernetzt

Damit hat Frank Fossen einen Weg aufgezeigt, wie die Krise des Finanzsektors überschwappt auf das produzierende oder das nichtfinanzielle Dienstleistungsgewerbe, die sogenannte Realwirtschaft. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen hat er in einem Diskussionspapier veröffentlicht, das er gemeinsam mit zwei weiteren Wissenschaftlern verfasst hat. Beide kennt er, seitdem er 2008 mit ihnen gemeinsam an der Freien Universität promovierte. Martin Simmler forscht nun in Oxford, während Nadja Dwenger Professorin für Finanzwissenschaft an der Universität Hohenheim ist.

Was seine Studie zeigt, ist nach der Finanzkrise 2007/08 so geschehen. Niemand kann garantieren, dass sich eine solche Krise in der Zukunft nicht wiederholen wird. Daher fragen sich Frank Fossen und seine Kollegen, wie im Krisenfall verhindert werden kann, dass auch die Realwirtschaft leidet. Dabei komme es vor allem auf den Zugang zu anderen Finanzierungsquellen an, betont er. Große Unternehmen seien eher in der Lage, sich Geld zu verschaffen, indem sie Aktien oder Unternehmensanleihen ausgeben. Für kleine Unternehmen sind diese Finanzierungsmöglichkeiten jedoch sehr schwer zugänglich.

Eine andere Lösung wäre eine striktere Bankenregulierung. Der Staat könnte ein Trennbankensystem einführen, das Banken in Investment- und Geschäftsbanken aufteilt. „Dann wäre die Art der Übertragung der Krise auf die Realwirtschaft, die wir dokumentieren, unterbrochen“, sagt Frank Fossen. „Wenn eine Investmentbank Verluste leidet, könnten die Geschäftsbank davon unberührt weiter Unternehmenskredite geben.“ Dieser Vorschlag wird in den USA und in Europa schon lange heiß diskutiert.

Hausbanken schaffen Vertrauen

Eine einfache Lösung gibt es aber nicht, sagt Frank Fossen. Denn mit beiden Vorschlägen gehen wichtige Vorteile verloren. Ein Universalbankensystem, in dem Investment- und Geschäftsbanken vereint sind, hilft, Risiken zu verteilen. Sollte etwa eine Vielzahl deutscher Firmen ihre Kredite nicht zurückzahlen können, könnte das eine reine Geschäftsbank in Schieflage bringen, erklärt Frank Fossen. Eine Universalbank könnte die Verluste dagegen ausgleichen, wenn eine andere Anlageform wie Investitionen in ausländische Wertpapiere gut läuft.

Auch das Hausbankensystem hat große Vorteile. Es erspart einer Firma viel Aufwand, wenn sie ihre Finanzgeschäfte nur bei einer Bank abwickelt. Wichtiger noch ist aber, dass die enge Beziehung zu den Kreditgebern Vertrauen schafft. Für die Bereitschaft, einen Kredit zu gewähren, ist eine robuste Einschätzung des Verlustrisikos von grundlegender Bedeutung. „Eine Hausbank hat oft besonders guten Einblick in die Firma und ist daher bereit, Kredite zu günstigeren Konditionen anzubieten“, erklärt Frank Fossen.