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Vergangenheit mit Zukunft

Tanz- und Theaterwissenschaftlerin Susanne Foellmer und ihre Mitarbeiterinnen forschen zu Archivierungsmöglichkeiten in den Darstellenden Künsten

14.10.2015

Wie lässt sich das an sich Flüchtige beispielsweise einer Tanzaufführung bewahren? Mit Fragen zur Archivierung von Darstellender Kunst beschäftigen sich Wissenschaftler der Freien Universität im Rahmen des Forschungsprojekts „Überreste“.
Wie lässt sich das an sich Flüchtige beispielsweise einer Tanzaufführung bewahren? Mit Fragen zur Archivierung von Darstellender Kunst beschäftigen sich Wissenschaftler der Freien Universität im Rahmen des Forschungsprojekts „Überreste“. Bildquelle: Hernan-Pinera / flickr
Susanne Foellmer ist Juniorprofessorin am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin.
Susanne Foellmer ist Juniorprofessorin am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin. Bildquelle: Studio Menarc

Wie lassen sich Tanz, Musiktheater und Performancekunst – die ursprünglich für die einmalige Aufführung gedacht sind – bewahren und archivieren? Mit diesem Thema beschäftigt sich das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt „ÜberReste. Strategien des Bleibens in den Darstellenden Künsten“ am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität. Am 15. Oktober findet dazu der Workshop „Documentation in the Performing Arts: Challenges and Procedures“ statt, am 16. und 17. Oktober das Symposium „Capturing Dance“.

Auf das Forschungsthema ist Juniorprofessorin Susanne Foellmer eher durch Zufall gestoßen: Bei dem Besuch einer Medici-Kapelle in Florenz ist ihr die Reliquien-Sammlung der berühmten Familie aufgefallen. „Über diese Reliquien – im Grunde Überbleibsel, Reste – kam ich zur Reste-Thematik, die mich nicht mehr losgelassen hat. Ich finde interessant, dass etwas, was als einmalig und singulär gedacht war, sich in sein Gegenteil verkehrt. Und dass es dann darum geht, wie wir es bewahren und weitertragen können.“

In den Darstellenden Künsten sind Reenactments und Rekonstruktionen – also Re-Inszenierungen theatraler Ereignisse –, Archive von Originalmaterialien, Aufführungsvideos oder andere Artefakte Formate, über die versucht wird, das Flüchtige zu sichern. Lässt sich Darstellende Kunst in andere Medien übertragen, und kann das Ergebnis als „Rest“ bezeichnet werden? Auch mit dieser Frage beschäftigt sich Susanne Foellmer.

Im Rahmen des Forschungsprojekts werden Tanz und Performancekunst einerseits theoretisch untersucht: Wie lassen sich Begriffe wie Reenactment, Redoing oder Rekonstruktion systematisieren? „Andererseits sehe ich mir grundlegendere Phänomene an“, sagt die Theaterwissenschaftlerin. „Was passiert zum Beispiel mit Tanz und Performance, wenn sie nicht mehr auf der Bühne stattfinden, sondern auf eine andere Art und Weise oder an einem anderen Ort, wenn sie etwa im musealen Kontext repräsentiert werden?“

Neue Zeitdimensionen durch Audio-Aufzeichnungen

In einem zweiten Themenfeld des Projekts beschäftigt sich Theaterwissenschaftlerin Cornelia Schmitz mit audiovisuellen Aufzeichnungen von Musiktheateraufführungen als Analyseinstrument. „Beim Musiktheater stellt sich die Frage der Überreste völlig anders“, sagt Schmitz. Gerade professionelle HD-Opern-Aufzeichnungen stellten die Hierarchie zwischen Original und Überrest immer wieder auf den Kopf. Das liege daran, dass oftmals die von Aufführungen produzierten Opern-DVDs mehr Gewicht und Bedeutung erhalten als die Aufführung selbst, die der DVD zugrunde lag.

Auch bei kleineren Musiktheateraufführungen müsse heute deren Dokumentation – also das zukünftige Rezipieren von noch gar nicht Existentem – von vornherein eingeplant werden. Dadurch gehe man ganz anders an die Arbeit heran, erklärt Schmitz. „Es wird an die Vergangenheit der Zukunft gedacht. Dadurch spielen Zeitdimensionen eine Rolle, die früher im künstlerischen Schaffen noch gar nicht mitbedacht wurden.“

Déjà-vu-Erlebnisse als Bleibemomente

In einem dritten Untersuchungsgebiet beschäftigt sich Katharina Schmidt mit dem Zitat im Tanz – das können beispielsweise Versatzstücke aus anderen Werken sein. Die Tanzwissenschaftlerin betrachtet das Zitat als eine Rezeptions- und Wahrnehmungsfigur, die während einer Vorstellung eine Art Déjà-vu-Erlebnis auslösen kann. Diese Bleibemomente würden von Choreografen nicht unbedingt willentlich herbeigeführt, indem sie beispielsweise andere Aufführungen zitieren; sie werden vielmehr vom Publikum als Erinnerung an ähnliche Momente wahrgenommen. Solche weitergetragenen Muster und Vergleichbarkeiten richteten sich dann wiederum in die Zukunft des Vergangenen, das sich dadurch fortsetze und neue Geflechte und Diskurse bilde.

Diskussion und Austausch

Die drei Wissenschaftlerinnen kooperieren mit Kollegen aus anderen Forschungsprojekten, veranstalten Workshops und nehmen an Tagungen teil. So wird Susanne Foellmer im Rahmen des Symposiums „Capturing Dance“, das am 16. und 17. Oktober in Berlin stattfindet, über ihre Forschung berichten. Sie freut sich auf Gespräche mit Wissenschaftlerkolleginnen und -kollegen: Franz Anton Cramer, Barbara Clausen, Barbara Formis und Eric P. Morrill.

„Capturing Dance“ wurde initiiert von Sigrid Gareis und der Tanzfabrik Berlin. Es findet im Rahmen des Projekts TANZFONDS ERBE statt. „Capturing Dance“ beleuchtet den Dokumentationsakt als künstlerische Praxis und fragt danach, inwieweit die Dokumentation einer Aufführung bereits in den künstlerischen Kreationsprozess eingeflochten ist.

Zwei der Referenten werden einen Tag zuvor bei einem vom Forschungsprojekt „ÜberReste“ organisierten Workshop zu Gast sein: der Theater- und Medienwissenschaftler Philip Auslander sowie die Filmemacherin Babette Mangolte. Thema der Veranstaltung ist der Tanz als Dokument und die Frage des Medienwechsels. Interessierte können sich über die aktuellen Projekte der Wissenschaftler informieren und mit ihnen persönlich ins Gespräch kommen. „Das Schöne an Wissenschaftlern wie Philip Auslander ist, dass sie sich dafür interessieren, was sich Studierende von der Veranstaltung wünschen“, sagt Foellmer. „Ein Workshop hat für sie das Ziel, Wissen zu vermitteln und in Austausch zu treten.“

Weitere Informationen

  • Workshop „Documentation in the Performing Arts: Challenges and Procedures“ (in englischer Sprache), 15. Oktober 2015, 14.30 Uhr, Hörsaal des Instituts für Theaterwissenschaft, Grunewaldstr. 35, 12165 Berlin. Unverbindliche Anmeldung über das DFG-Projekt „ÜberReste“, E-Mail: tongmao@zedat.fu-berlin.de
  • Symposium „Capturing Dance“ (in englischer Sprache), 16. Oktober, 16.30 Uhr, und 17. Oktober, 10 Uhr. Tanzfabrik/Uferstudios, Uferstr. 23, 13357 Berlin. Der Eintritt ist frei.