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Auf den Spuren von Deutschlands ältester Moschee

Archäologen der Freien Universität fanden Überreste des ersten muslimischen Gebetshauses

12.10.2015

Diese Postkarte aus dem Jahr 1916 zeigt die Holzmoschee im Halbmondlager bei Wünsdorf - ein Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs.
Diese Postkarte aus dem Jahr 1916 zeigt die Holzmoschee im Halbmondlager bei Wünsdorf - ein Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs. Bildquelle: Wilhelm Puder/Wikimedia Commons
Mit Beton übergossene Panzerteile und ein Ziegel aus einer Grube nahe einer Panzerwerkstatt.
Mit Beton übergossene Panzerteile und ein Ziegel aus einer Grube nahe einer Panzerwerkstatt. Bildquelle: Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landemuseum/Prof. Dr. Susan Pollock
Freilegen des Bodens rund um den Moscheebau. Im Vordergrund Fundamente einer Panzerhalle aus der NS-Zeit.
Freilegen des Bodens rund um den Moscheebau. Im Vordergrund Fundamente einer Panzerhalle aus der NS-Zeit. Bildquelle: Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landemuseum/Prof. Dr. Susan Pollock

Vor einhundert Jahren wurde die erste Moschee etwa 40 Kilometer südlich von Berlin in dem Ort Wünsdorf gebaut – doch der Holzbau stand nur fünfzehn Jahre. In Kooperation mit dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege haben Reinhard Bernbeck, Susan Pollock und ihr Team vom Institut für Vorderasiatische Archäologie in den vergangenen Wochen nach den Überresten der Mosche gesucht.

„Wir hatten eine Baubeschreibung der Moschee aus dem Jahr 1916, die sehr detailliert ist. Das hat uns die Arbeit erleichtert“, sagt Reinhard Bernbeck. Über mehrere Wochen haben Bernbeck und sein Team sowie Archäologen anderer Einrichtungen auf dem brandenburgischen Areal nach Spuren des Gebetshauses gesucht. Ein schwieriges Unterfangen, allein, weil die Moschee samt Minarett aus Holz bestand und bereits vor mehr als 80 Jahre abgerissen wurde.

Drähte, Bolzen und Fensterscherben gefunden

Trotzdem sind die Archäologen in etwa einem Meter Tiefe fündig geworden: „Die Holz-Kuppel wurde mit Eisenteilen und Bolzen verspannt. Die Verspannungsdrähte und Bolzen haben wir bei den Grabungen gefunden“, sagt Bernbeck. Auch Scherben der Moscheefenster in Grün- und Blauglas tauchten auf. Diese Funde lagen auf den Flächen südlich der Moschee. „Man kann daran ersehen, dass die Moschee systematisch demontiert wurde“, so der Archäologe. Die noch brauchbaren Holz- und Eisenteile, wie auch die sogenannten Rathenower Ziegel, mit denen man den Boden des Bethauses und den Vorhof der Moschee ausgelegt hatte, wurden weiterverwendet.

Bei Grabungsende konnte auch der Standort der Moschee genau identifiziert werden. „Vor Grabungsbeginn konnte man nur den Umkreis angeben, wo die Moschee gestanden hatte“, sagt Bernbeck. Ausgegraben wurde nach jetzigen Erkenntnissen der südliche Vorbau der Moschee, wo sich auch das Minarett befunden haben muss. Der Betsaal selbst und der nördlich vorgelagerte Vorhof liegen unter dem jetzigen Parkplatz und werden durch die anstehenden Bauarbeiten nicht weiter berührt.

Dennoch sind nur wenige Reste des Baus erhalten, denn das Gelände, auf dem die Moschee stand, wurde in den nachfolgenden Jahrzehnten sehr stark in Mitleidenschaft gezogen.

Mit dem „Halbmondlager“ wollte man aus den Kriegsgefangenen Verbündete machen

Die spannende Geschichte von Deutschlands erster Moschee ist gut dokumentiert. Das 1915 errichtete Gebetshaus war ein „Geschenk“ des deutschen Kaisers für die im Kriegslager inhaftierten Muslime des Ersten Weltkriegs. „Halbmondlager“ wurde das Gefangenenlager deshalb auch genannt. Nicht religiöse Toleranz, sondern militärisches und propagandistisches Kalkül steckte hinter dem Bau: Britische, französische und russische Kriegsgefangene islamischen Glaubens sollten in dem Lager dazu gebracht werden, gegen ihre Herkunftsstaaten zu kämpfen. Aber nur wenige Gefangene ließen sich als Überläufer gewinnen.

Gleichzeitig wurden die Kriegsgefangenen für die Wissenschaft missbraucht. Man nahm ihre Sprachen auf und interessierte sich für ihre Musik und Kultur – allerdings als „Völkerzirkus unserer Feinde“, wie der Ethnologe Leo Frobenius damals formulierte.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Moschee noch einige Jahre genutzt, bis sie schließlich in Vergessenheit geriet und um 1930 abgerissen wurde. Zu Zeiten des Nationalsozialismus errichteten die Nazis auf dem Gelände Kasernenkomplexe und Panzerunterstände. Von 1939 bis 1945 war in der Nähe des ehemaligen Gefangenenlagers der Sitz des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg, noch im April 1945, zog die Armee der Sowjetunion auf das Areal im brandenburgischen Landkreis Zossen. „Klein Moskau“ nannten die Einwohner das Sperrgelände, auf dem rund 35.000 sowjetische Streitkräfte mit ihren Familien stationiert waren.

Im Boden: Dinge des Alltags aus der sowjetischen Besatzungszeit

So sind es auch vor allem Zeugnisse der bewegten Militärgeschichte des Geländes, die die Archäologinnen und Archäologen der Freien Universität auf dem Areal fanden. Vieles davon stammt aus der sowjetischen Besatzungszeit: „Auf dem Gelände befand sich eine Panzerreparaturwerkstatt, entsprechend haben wir relativ viele Panzerteile gefunden. Außerdem Dinge des Alltags: Mahlzeitreste, Weckgläser, Bierflaschen und dergleichen.“ Noch bis 1994 war Wünsdorf Sitz des Oberkommandos der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Auf die Moschee indes verweist heute noch ein Straßenname und eine kleine Metallplakette. Nun sollen auf dem Gelände Container für Asylbewerber aufgestellt werden.