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Reißt aus!

26. Juni, 10.30 Uhr: erster deutschlandweiter Ambrosia-Aktionstag / Ein Gespräch mit dem Meteorologen Thomas Dümmel von der Freien Universität

24.06.2015

Die Ambrosiapflanze ist hochallergen und breitet sich in Deutschland immer weiter aus. Was dagegen hilft? Ausreißen. Zum Beispiel am 26. Juni ab 10.30 Uhr.
Die Ambrosiapflanze ist hochallergen und breitet sich in Deutschland immer weiter aus. Was dagegen hilft? Ausreißen. Zum Beispiel am 26. Juni ab 10.30 Uhr. Bildquelle: Institut für Meteorologie / Freie Universität Berlin

In der griechischen Mythologie wird aus ihr die „Speise der Götter“ gewonnen, die unsterblich macht. Heute hat die Ambrosia-Pflanze einen weniger guten Ruf: Vor 150 Jahren aus den USA eingeschleppt, ist sie hochallergen und breitet sich in Deutschland rasend schnell aus. Augenleiden, Heuschnupfen und Asthma können die Folge sein. „Die Pflanze ist eine tickende Zeitbombe“, sagt Diplom-Meteorologe Thomas Dümmel vom Institut für Meteorologie der Freien Universität. Er hat einen Ausreiß-Aktionstag organisiert: Gesucht werden Interessierte, die dabei helfen, die noch nicht blühende Pflanze auszureißen.

Herr Dümmel, wie lässt es sich erklären, dass Ambrosia im Laufe des vergangenen Jahrzehnts wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein scheint und seitdem ihr Unwesen treibt?

Vor etwa 150 Jahren wurde Ambrosia mit Getreidelieferungen aus den USA nach Europa eingeschleppt. Hier gehört die Pflanze inzwischen zu den Hauptallergenen. Sie siedelte sich vornehmlich in Südosteuropa an, da sie viel Wärme und späten Frost benötigt, um ihren kompletten Lebenszyklus durchlaufen und schließlich heimisch werden zu können. Vor allem durch verunreinigtes Vogelfutter aber landeten immer wieder Ambrosiasamen in deutschen Blumenbeeten. Infolge des Klimawandels und mehrerer heißer und feuchter Sommer in den vergangenen zehn Jahren schafften es die Pflanzen, sich über Jahre zu halten.

Vor Kurzem entdeckten wir eine zweite Art: die noch problematischere, mehrjährige Ambrosia, die über den Winter nicht komplett abstirbt und im nächsten Sommer aus den Wurzeln neu austreibt und blüht. Für sie sind heute vor allem mit Wurzelresten verunreinigte Erdtransporte für Bauprojekte verantwortlich.

Ambrosia gilt als besonders gefährlich für Allergiker – was macht die Pflanze so speziell?

Während Gräser oder Birke ab einer Konzentration von 30-50 Pollen pro Kubikmeter Luft Reaktionen bei einem Allergiker hervorrufen, reichen bei Ambrosia schon fünf bis zehn Pollen. Ein neuer Höchstwert wurde im Spätsommer 2014 erreicht mit 158 Ambrosiapollen pro Kubikmeter Luft. Die Pflanze ist also deutlich stärker und aggressiver und hat ein weitaus gefährlicheres Allergen als alle anderen heimischen Pflanzen in Deutschland.

Studien haben gezeigt, dass man durch Ambrosiapollen schneller zum Allergiker wird und auch, dass Asthma häufiger und durchaus in gefährlicherer Form auftritt. Hinzu kommt, dass Ambrosia länger als herkömmliche Allergene blüht, von Juli bis zum ersten Frost. Und nicht nur das: Mittlerweile gehören 90 Prozent der Ambrosien in Berlin zu den mehrjährig blühenden Pflanzen, die stets in riesigen Mengen vorkommen und kaum noch beseitigt werden können. Das ist eine tickende Zeitbombe.

Was also tun gegen die ansteigende Gesundheitsgefahr?

Nach den ersten starken Vorkommen in Deutschland nach den Hitzesommern 2003 und 2006 haben wir nach Ungarn und Südfrankreich geschaut, wo Ambrosia schon länger wütet. Bei den Auswirkungen und Folgekosten in diesen Ländern ist uns angst und bange geworden. Bis zu 70 Prozent der Allergiker in Ungarn leiden mittlerweile unter ihren Pollen. Das bedeutet für uns hierzulande: Wenn wir jetzt nicht systematisch gegen Ambrosia angehen, wird die Pflanze auch hier nicht mehr wegzubekommen sein.

Die Schweiz hat vorgemacht, wie es geht: Sie ergriff sehr schnell politische Maßnahmen, wie eine Melde- und Bekämpfungspflicht, die das Problem vollends beseitigten. Wir vom Institut für Meteorologie haben 2009 das „Berliner Aktionsprogramm gegen Ambrosia“ entwickelt, für das Ambrosia-Scouts und Bürger systematisch Pflanzen aufspüren, ihr Vorkommen in einen digitalen Ambrosia-Atlas einpflegen und sie anschließend vernichten. Es waren einige Erfolge zu verzeichnen, und die Politik sollte schleunigst mitaufspringen, Gelder investieren und Vergaberichtlinien für Bau-Aufträge verabschieden, die mit Ambrosia verunreinigte Erde bis 20 Zentimeter unter der Oberfläche verbieten.

Am Freitag ist der Berliner Aktionstag, am Samstag der bundesweite – was ist Ihr Ziel?

Wir wollen vor allem eines schaffen: Aufmerksamkeit. In Deutschland gibt es einfach noch kein Problembewusstsein bezüglich Ambrosia. Mit einer publikumswirksamen Aktion möchten wir in der Politik, Bevölkerung und den Medien das Thema ins Bewusstsein rufen und zeigen, dass sich das Problem verschärft, weil zu wenig getan wird. Hätten wir vor ein paar Jahren schon wie die Schweiz gehandelt, wäre das Ambrosia-Problem Geschichte.

Was passiert genau an diesem Aktionstag?

Es wird in mehreren Bundesländern große Ausreißaktionen geben. Außerdem wird in Informationsveranstaltungen aufgeklärt. In Berlin-Adlershof werden wir zusammen mit bezirklichen Ambrosia-Scouts und Freiwilligen einen Straßenzug exemplarisch von der Pflanze befreien.

Ist das nicht gefährlich?

Allergiker müssen sich keine Sorgen machen: Ambrosia blüht noch nicht und Menschen mit empfindlicher Haut stellen wir Handschuhe zur Verfügung.

Die Fragen stellte David Bedürftig

Weitere Informationen

Berliner und Berlinerinnen können am 26. Juni um 10.30 Uhr in 12489 Berlin-Adlershof, Karl-Ziegler-Straße, Ecke Ernst-Lau-Straße, am Ambrosia-Aktionstag teilnehmen.

Weitere Informationen zum „Berliner Aktionsprogramms".