Freie Universität Berlin


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Ja, nein – vielleicht?

Internationale Tagung zum Thema Unsicherheit vom 6. bis 8. November an der Freien Universität

03.11.2014

Unsicherheit schließt beides ein: Beschränkung und Freiheit. Um die verschiedenen Aspekte des Phänomens geht es während einer Tagung an der Freien Universität.
Unsicherheit schließt beides ein: Beschränkung und Freiheit. Um die verschiedenen Aspekte des Phänomens geht es während einer Tagung an der Freien Universität. Bildquelle: Annika Middeldorf

Unsicherheit gehört zum Leben, und wir tun gut daran, sie zu schätzen – das meint zumindest Christoph Wulf, Professor für Anthropologie und Erziehung an der Freien Universität. Der Wissenschaftler ist Gastgeber einer internationalen Tagung zum Thema Unsicherheit, bei der das Phänomen als Herausforderung und Chance begriffen wird. Die Vorträge sind öffentlich, der Eintritt ist frei. Um Anmeldung wird gebeten unter christoph.wulf@fu-berlin.de. Campus.leben sprach mit Christoph Wulf vor Beginn der Tagung.

Herr Professor Wulf, auf der Tagung wird das Thema Unsicherheit in verschiedenen Lebensbereichen beleuchtet: Es geht von der Unsicherheit im sozialen Miteinander bis hin zu ihrer Rolle in der Kunst. Warum empfinden wir überhaupt Unsicherheit?

Unsicherheit entsteht, weil Menschen im Gegensatz zum Tier nicht rein instinktgesteuert handeln. Tiere sind hinsichtlich ihrer Entscheidungen „verhaltenssicher“: Sie tun nur das, was ihr Instinkt sagt. Der Mensch hingegen kann abwägen und Entscheidungen treffen, er kann sich zwischen „Ja“ und „Nein“ entscheiden. Dieser freie Wille, die Fähigkeit zur Freiheit, ist aber immer auch mit Unsicherheiten verbunden. Zugespitzt lässt sich sagen: Freiheit gibt es nur im Verbund mit Unsicherheit.

Unsicherheit also als etwas Positives?

Nicht nur. Wenn Unsicherheit Angst auslöst, kann das unseren Alltag einschränken. Angst führt dazu, dass wir überreagieren und die Dinge um uns herum kontrollieren wollen. Die Folge davon ist Freiheitsverlust. Das Gefühl der Unsicherheit gehört zum Menschsein genauso dazu wie das Streben nach Sicherheit. Beides sind Grundbedingen menschlichen Lebens. Das sind zwei sehr konträre Pole, die sorgfältig balanciert werden müssen.

Warum ist das Streben nach Sicherheit in unserer Gesellschaft so verbreitet?

Sicherheit ist die Grundlage für das menschliche Miteinander. Erst geordnete Verhältnisse bringen uns beispielsweise dazu, eine Familie gründen zu wollen. Wir alle tun relativ viel, um diese Sicherheit zu schaffen: Wir versuchen Ereignisse, die wir nicht vorhergesehen haben, zu vermeiden oder flüchten in Alltags-Rituale, um Situationen gleich von Beginn an unter Kontrolle zu halten. Das alles führt letztlich zu einer sehr starken Durchstrukturierung des Lebens.

Wie viel Raum wir der Unsicherheit geben, ist eine Frage des individuellen, aber auch des gesellschaftlichen Lebens. Das Credo „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ ist weit verbreitet, führt aber letztlich dazu, dass wir die Komplexität menschlichen Handelns einschränken.

Unsicherheit ist demnach etwas Schützenwertes, dass es zu bewahren gilt?

Ja, zumindest in einem Gesamtrahmen, der uns eine gewisse Sicherheit gibt. Unsicherheiten zuzulassen, ermöglicht uns ein insgesamt intensiveres Leben und eröffnet uns neue Möglichkeiten. Wenn etwas Ungeplantes gelingt, wenn sich etwas Unvorhergesehenes ereignet, dann sind das sehr fruchtbare Momente. Brüche im Leben und das Ausprobieren von neuen Dingen bringen zwar Unsicherheit mit sich – sie bereichern unser Leben aber auch ungemein. Bei der Tagung geht es uns darum, die negative Konnotation von Unsicherheit zu überdenken. Wir wollen zeigen, dass Unsicherheit ein Teil des Lebens ist und Voraussetzung für Produktivität, Originalität, Zufriedenheit und auch Glück.

Die Fragen stellte Annika Middeldorf

Weitere Informationen

Unsicherheit - Internationale Tagung des Interdisziplinären Zentrums für Historische Anthropologie und Gesellschaft für Historische Anthropologie der Freien Universität Berlin

Zeit und Ort

  • Donnerstag, 6. November bis Sonnabend, 8. November 2014 (Programm)
  • Clubhaus der Freien Universität Berlin, Goethestraße 49, 14163 Berlin

Anmeldung: Professor Christoph Wulf christoph.wulf@fu-berlin.de