Freie Universität Berlin


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Globaler Kampf gegen Zoonosen

Im Auftrag der Vereinten Nationen erforschen Veterinärmediziner Übertragungswege von Erregern vom Tier auf den Menschen

28.08.2012

Auf dem Campus Berlin-Düppel finden Grundausbildungsgänge für Wissenschaftler aus Schwellen- und Entwicklungsländern statt.
Auf dem Campus Berlin-Düppel finden Grundausbildungsgänge für Wissenschaftler aus Schwellen- und Entwicklungsländern statt. Bildquelle: R. Fries

In Zeiten von Ehec, Sars oder Vogelgrippe wird das Wissen über Erreger, die von Tieren auf Menschen übertragen werden können, immer wichtiger: Weltweit erkranken jedes Jahr Hunderttausende Menschen an Infektionen, die von Tieren übertragen werden. Wissenschaftler der Freien Universität sollen nun im Auftrag der Vereinten Nationen dabei helfen, die Gefahr solcher weltweiten Infektionskrankheiten einzudämmen.

Die Wissenschaftler unterstützen die Welternährungsorganisation FAO künftig als Referenzzentrum in Fragen der Tiergesundheit und Lebensmittelhygiene – vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wenn beim Institut für Fleischhygiene und -technologie der Freien Universität in Dahlem der Paketdienst klingelt, kann gefährliche Fracht dabei sein: Keime aus dem Inland, aus Europa oder auch aus anderen Erdteilen, dicht versiegelt und unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen importiert. Es sind Humanpathogene, die die Wissenschaftler in Speziallaboren des Instituts untersuchen – also Keime, die auch dem Menschen gefährlich werden können.

Institutsleiter Professor Reinhard Fries wartet gerade auf Erreger aus Äthiopien: auf eine bestimmte Salmonellen-Art, an der jedes Jahr Hunderttausende Menschen weltweit erkranken. Salmonellen gehören zu den Zoonose-Erregern, um die sich am Institut für Fleischhygiene und -technologie alles dreht. Diese Keime können sich vom Tier auf den Menschen übertragen und dort schwere Infektionskrankheiten hervorrufen, sogenannte Zoonosen.

Durch Lebensmittelimporte Ansteckungsgefahr

Fries interessieren die Übertragungswege der Erreger, er will herausfinden, an welchen Stellen in der Lebensmittelkette es genau zu Infektionen kommt. In Zeiten des globalen Handels ist solche Forschung lebensnotwendig. Denn Lebensmittelimporte haben in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen. Wer heute im Supermarkt einkauft, bekommt Fische aus Japan, Sojasprossen aus Thailand, Kokosnüsse aus Afrika. Die Globalisierung erhöht auch das Risiko, durch Essen zu erkranken.

„Bei der Lebensmittelhygiene stehen wir weltweit gesehen vor riesigen Herausforderungen“, sagt Fries. Der grenzüberschreitende Handel sorge für die Verbreitung bisher unbekannter Keime und erschwere die Einhaltung und Kontrolle einheitlicher Hygienestandards. Denn oft fehle in den betreffenden Ländern die dafür erforderliche Infrastruktur. „Je mehr wir über Zoonose-Erreger wissen, desto besser können wir im Ernstfall reagieren. Viele Krankheiten und Todesfälle ließen sich so verhindern“.

Im Auftrag der FAO: Referenzzentrum "Öffentliche Tiergesundheit"

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO (Food and Agriculture Organization) mit Sitz in Rom will nun die Expertise der Forscher an der Freien Universität nutzen, um die Gefahr durch Zoonosen einzudämmen. Ein Verbund von vier Institutionen des Fachbereichs Veterinärmedizin ist von den Vereinten Nationen zu einem Referenzzentrum für öffentliche Tiergesundheit erhoben worden: Neben dem Institut für Fleischhygiene und -technologie gehören dazu das Institut für Lebensmittelhygiene, das Institut für Tierschutz und Tierverhalten und der Bereich Internationale Tiergesundheit. Der Zusammenschluss verzahnt das Angebot in Lehre und Weiterbildung an der Freien Universität auf dem Gebiet Veterinary PublicHealth (Öffentliche Tiergesundheit).

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der beteiligten Einrichtungen betreiben seit Jahren Feldforschungen in fast allen Teilen der Erde. Sie bereisen Länder wie Äthiopien, Nepal oder Sudan, um gemeinsam mit den dortigen Behörden die landwirtschaftlichen Bedingungen zu überprüfen und Hinweise für Verbesserungen zu geben. Wie steht es um die Tierhaltung? Was wird verfüttert? Welche Keime tragen die Tiere? Wie sind die Wasserqualität oder die Schlachtbedingungen, woher kommen die Tiere, und wohin gehen sie?

Forschen an der Schnittstelle von Mensch und Tier

Ziel der Forscher ist es, die Lebensmittelhygiene zu optimieren und so eine mögliche Übertragung von tierischen Krankheitserregern auf den Menschen zu verhindern oder zumindest einzudämmen. „Wir forschen an der Schnittstelle zwischen Mensch und Tier“, sagt Fries. Während der Fokus der Experten aus Dahlem auf der Prävention bei der Lebensmittelherstellung liegt, widmet sich ein zweites von der FAO in Deutschland ausgezeichnetes Referenzzentrum – das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (Friedrich-Löffler-Institut) auf der Insel Riems – der Bekämpfung von Tierseuchen.

Die Wissenschaftler der Freien Universität haben schon heute zahlreiche Studien in Arbeit. Unter anderem untersuchen sie, auf welchem Weg tierische Parasiten oder Krankheitserreger in den menschlichen Körper gelangen, wo eine Infektion weitaus schlimmere Folgen haben kann als beim Tier. Beispiel Nepal: Dort sind viele Schweine von krankmachenden Parasiten befallen. Während die Erkrankung die Tiere nicht beeinträchtigt, können die Parasiten bei Menschen schwere Infektionen auslösen.

Die Veterinärmediziner sollen vor allem Behörden in Schwellen- und Entwicklungsländern beraten und bei Laboruntersuchungen unterstützen. Fries plant, Kontrollverfahren für Nutztiere in armen und ländlichen Regionen zu entwickeln, damit die Menschen vor Ort langfristig selbst für bessere Hygiene sorgen können. Dort werden die Wissenschaftler aus Berlin auch Schulungen anbieten, etwa für Landwirte oder Tierärzte. Mangelt es in betroffenen Ländern an Laboren oder Mikroskopen, werden die Erreger nach Berlin verschickt und untersucht. Langfristig gehe es aber darum, eine Infrastruktur vor Ort aufzubauen, sagt Fries: „Denn nur das kann wirklich von Nutzen sein.“