Von Insekten lernen

Der Evolutionsbiologe Jens Rolff lässt sich in seinen Forschungen von der Natur inspirieren

20.07.2012

Insekten produzieren antimikrobielle Peptide, die von ihrer Substanz her den in der Medizin verwendeten Antibiotika ähneln.
Insekten produzieren antimikrobielle Peptide, die von ihrer Substanz her den in der Medizin verwendeten Antibiotika ähneln. Bildquelle: bagal / pixelio.de
Lässt sich in seinen Forschungen von der Natur inspirieren: der Evolutionsbiologe Jens Rolff.
Lässt sich in seinen Forschungen von der Natur inspirieren: der Evolutionsbiologe Jens Rolff. Bildquelle: Privat

Nach zwölf Jahren an der Universität Sheffield ist Jens Rolff Anfang des Jahres an die Freie Universität zurückgekehrt – der Hochschule, an der er vor geraumer Zeit sein Studium begonnen hatte. In den Neunzigerjahren saß der gebürtige Berliner noch als Student im Hörsaal, heute steht er als Professor am Pult. Aus Großbritannien mitgebracht hat er nicht nur Schaffenslust, sondern auch einen European Research Council Forschungspreis, reichlich Expertise und internationale Mitarbeiter. Der Evolutionsbiologe ist voller Tatendrang: „Bei uns im Haus herrscht Aufbruchstimmung“, sagt Rolff. Das Forschungsinteresse des Biologen richtet sich auf Substanzen, die von Insekten zur Abwehr von Bakterien und Parasiten produziert werden.

Am Anfang habe der Gedanke gestanden, dass Insekten angesichts ihrer Artenvielfalt als die erfolgreichste Tierart überhaupt gelten und dementsprechend über wirkungsvolle Abwehrmechanismen gegen Krankheiten verfügen müssten, erklärt Jens Rolff. In der Tat: Insekten produzieren antimikrobielle Peptide, die von ihrer Substanz her den in der Medizin verwendeten Antibiotika ähneln.

Dabei erzeugen die Kleintiere gleich mehrere Stoffe, denn während ein einziges „Insektenantibiotikum“ nach etwa zwei Wochen Evolution im Labor resistente Bakterien hervorruft, seien die Substanzen in Kombination miteinander viel widerstandsfähiger. „Indem wir im Labor beobachten, wie erfolgreich die verschiedenen antimikrobiellen Peptide bei Insekten miteinander interagieren, können wir Menschen uns von der Natur inspirieren lassen“, legt der Professor mit Blick auf die Humanmedizin dar.

Nichts ergibt Sinn ohne die Evolutionsbiologie

Wenn Jens Rolff erklären möchte, was ihn an der Evolutionsbiologie so begeistert, zitiert er den US-amerikanischen Genetiker und Evolutionsbiologen Theodosius Dobzhansky: „Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn, wenn man es nicht  im Licht der Evolution betrachtet.“ Vor diesem Hintergrund gab es für Jens Rolff nur eine Wahl: die Grundlagenforschung.

Nach seiner Promotion in Braunschweig zog es den jungen Wissenschaftler nach Großbritannien – das Land, in dem die weltweit führende Evolutions-Forschung betrieben wird. Das Institut in Sheffield gehört zu den Top 10 seines Faches.

In Deutschland  fristete die Evolutionsbiologie in den Neunzigerjahren dagegen ein Nischendasein. Für die Rückkehr in die Hauptstadt hat  sich der Wissenschaftler jedoch nicht nur aufgrund der höheren Lebensqualität in Deutschland entschieden.

Nein, auch die Forschungslandschaft, so die Ansicht des Heimkehrers, habe sich erfolgreich entwickelt und sei wesentlich interessanter geworden. Unter anderem seine Tätigkeit in einem Gutachtergremium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) böte ihm viele Kontaktmöglichkeiten zur sprießenden Gemeinde  der Evolutionsbiologen in Deutschland.

Von den Briten lernen

Berlin hat sich Jens Rolff zufolge zu einer toleranten und weltoffenen Metropole entwickelt. Mit Grauen erinnert sich der Biologe an die Neunzigerjahre, als der Kalte Krieg der Stadt noch in den Knochen saß. In mancherlei Hinsicht guckt der Professor jedoch auch wehmütig nach England .

Besonders am lockeren Umgangston der Insulaner hat er Gefallen gefunden: „Von den flachen Hierarchien der Briten können wir in Deutschland eine Menge lernen.“ In England zähle nicht der Titel und das Alter einer Person, sondern was diese Person wirklich könne. In Deutschland müsse er sich erst wieder an den formaleren Ton gewöhnen.