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Wissenschaftler der Freien Universität untersuchen Phänomen des Vergebens

05.04.2012

Was steckt hinter der Kunst des Vergebens? Dieser Frage gehen Wissenschaftler des Exzellenzclusters „Languages of Emotion“ nach.
Was steckt hinter der Kunst des Vergebens? Dieser Frage gehen Wissenschaftler des Exzellenzclusters „Languages of Emotion“ nach. Bildquelle: Reinhard Sandbothe / pixelio.de
Die Soziologin Sonja Fücker ist Mitarbeiterin des Projekts "Vergebung".
Die Soziologin Sonja Fücker ist Mitarbeiterin des Projekts "Vergebung".

„Anklagen ist menschlich, vergeben ist göttlich“, heißt es, oder „Vergeben, nicht vergessen“: Der Volksmund führt das Phänomen des Vergebens in vielerlei Redewendungen, mit dem gleichnamigen Roman des schwedischen Autors Stieg Larsson schaffte der Begriff es weltweit auf die Bestseller-Listen. Nun untersuchen Wissenschaftler im Rahmen des am Exzellenzcluster „Languages of Emotion“ angesiedelten Vorhabens „Vergebung. Konzeptuelle und empirische Analysen“ die unterschiedlichen Facetten des Phänomens. Ein Gespräch mit der am Projekt beteiligten Soziologin Sonja Fücker.

Wie ist die Studie „Vergebung. Konzeptuelle und empirische Analysen“ zustande gekommen?

Es handelt sich um ein interdisziplinäres Projekt, in dem Soziologen und Psychologen zusammenarbeiten. In der psychologischen Verhaltensforschung hat der Akt der Vergebung als Forschungsthema schon eine Tradition von etwa 20 Jahren. Dort werden überwiegend Fragebogenstudien durchgeführt, experimentelle Untersuchungen sind vergleichsweise selten.

In den Sozialwissenschaften hingegen gibt es zum Phänomen der Vergebung kaum grundlegende Forschung, weder in empirischer noch in theoretischer Hinsicht. Das war sozusagen der Aufhänger für Christian von Scheve, Juniorprofessor für Soziologie am Cluster „Languages of Emotion“, und die promovierte Psychologin Angela Merkl, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Charité, das Projekt zu initiieren.

Was wollen Sie mithilfe der Studie herausfinden?

Es wäre wünschenswert, wenn wir eine Art Typologie aufstellen könnten, nach welchen Grundsätzen und Prinzipien Menschen entscheiden, ob sie jemandem vergeben oder nicht und welche verschiedenen kulturellen Faktoren dabei eine Rolle spielen: etwa religiöse und rechtliche Konzepte, unterschiedliche Moralauffassungen oder soziale Normen. Wir hoffen auch herausfinden zu können, wie das Zusammenspiel zwischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und kulturellen Orientierungsmustern einerseits und individuellen, vor allem emotionalen Befindlichkeiten andererseits aussieht.   

Was interessiert Sie persönlich am Phänomen Vergebung?

Als Soziologin habe ich mich zuvor stark mit Reziprozitätsprozessen beschäftigt, das heißt mit dem Prinzip des ‚Gebens und Nehmens’. In dem Wort Vergebung steckt ja auch der Begriff des „Gebens“, also eine Form der „Gabe“. Das hat mein Interesse geweckt: Handelt es sich beim Vergeben um eine einseitige Handlung oder stecken in der Entscheidung zu vergeben auch Erwartungen an anschließendes Verhalten und setzt es demzufolge voraus, dass Menschen interagieren?

Das Thema Vergebung wird sehr kontrovers diskutiert: Es gibt Forscher, die der Auffassung sind, dass die Entscheidung, jemandem zu vergeben, ein innerer Prozess ist und man diese dem „Empfänger“ nicht einmal mitteilen muss. Andere vertreten die Meinung, dass gerade diese Kommunikation von Bedeutung ist und das Bekunden von Reue und das „Um-Vergebung-gebeten-werden" relevant für den gelingenden Vergebungsprozess sind. Für die Soziologie sind gerade das spannende Fragen, weil es hier ja immer um die sozialen Aspekte von Verhalten und Handeln geht, also um die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens.

Wie ist die Studie aufgebaut?

Die Studie ist in drei Bereiche gegliedert: eine Interviewstudie, mehrere psychologische Experimente und eine repräsentative Längsschnittstudie, bei der etwa 20.000 Menschen zu ihrer persönlichen „Vergebungstendenz“ befragt wurden: ob sie eher nachtragend sind, wenn sie verletzt wurden, oder schnell darüber hinwegkommen und vergeben können. 

Gibt es schon Ergebnisse dieser Umfrage?

Erste Auswertungen zeigen, dass sowohl das Geschlecht als auch das Alter die persönliche Tendenz beeinflussen, nachsichtig mit Fehltritten anderer Menschen umgehen zu können oder eben nicht. Männer und ältere Menschen können eher vergeben als Frauen und junge Menschen. Viele Menschen vergeben aus rationalen Gründen, also nicht emotional und „aus dem Bauch heraus“. Das Vergeben ist demzufolge an die Bedingung geknüpft, das Handeln und Verhalten Anderer zu verstehen. In der Soziologie nennt man das „Intersubjektivität“, in der Psychologie wird von „Empathie“ gesprochen: das Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, sich an die Stelle des Anderen versetzen zu können, beeinflussen die Entscheidung zu vergeben ausschlaggebend.

Wie interviewen Sie die Probanden?

Wir fragen nach persönlichen Erfahrungen, etwa welches besonders einschneidende Erlebnis mit dem Vergeben oder Nicht-Vergeben verbunden wird. Auf der gesellschaftlichen Ebene möchten wir wissen, welche grundlegenden Bedeutungen mit Vergeben verbunden werden, inwiefern es für Menschen ein Kriterium für menschliches Miteinander ist, ob Vergeben als erstrebenswertes Verhalten gedeutet wird und welche Abgrenzungen zur Bedeutung von Rache – als Gegenstück zur Vergebung – gezogen werden. Und natürlich fragen wir in Anlehnung an unsere Forschungsagenda „Languages of Emotion“ nach den emotionalen Verläufen: Wie hat sich die oder der Interviewte gefühlt, wenn sie oder er vergibt oder nicht, war es eine Bauch- oder eine Kopfentscheidung.

Welche psychologischen Experimente wurden bereits durchgeführt?

Für eines unserer Experimente verwendeten wir eine leicht veränderte Variante eines weit verbreiteten Designs zur Messung von Aggression. Dabei können sich Probanden in einem Spiel nacheinander gegenseitig äußerst unangenehme und laute Töne per Kopfhörer zusetzen. Machen Probanden von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch, obwohl ihnen selbst vorher ein solcher Ton zugefügt wurde, interpretieren wir diesen Verzicht auf Vergeltung als Vergebung. Nun stellten wir uns die Frage: Wenn Vergebung einen Prozess beschreibt, der daraus bestehen kann, von Rachegelüsten abzusehen, um sich stattdessen „nachsichtig" zu verhalten - wie funktioniert die Bewältigung von Furcht, Ärger oder Wut zu Gunsten positiver Emotionen?

Wo können die Ergebnisse Ihrer Studie konkret angewendet werden?

Wünschenswert wäre es, wenn die Ergebnisse unserer Studie im Bereich der gesellschaftlichen Integration Anwendung finden könnten. Sollte es also verschiedene Konzepte von Vergebung geben, könnte man untersuchen, welche Bedeutungen das für den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft wie Deutschland haben kann – indem das Vergeben als Indikator für menschliches Miteinander steht.

Das Gespräch führte Melanie Hansen.

Studienteilnehmer gesucht:

Die Projektleitung ist noch auf der Suche nach Personen, die daran interessiert sind, über ihre Erfahrungen, Einstellungen und Erlebnisse zum Thema Vergebung im Rahmen eines jeweils etwa 30-minütigen Interviews zu sprechen. Die Interviews finden in Form eines offenen Gesprächs an der Freien Universität Berlin oder nach Vereinbarung an einem anderen Ort statt. Interessenten können per E-Mail Kontakt aufnehmen. Die Teilnehmer werden nach diversen Kriterien ausgewählt. Bei Interesse an einer Teilnahme senden Sie bitte eine E-Mail an forgive@zedat.fu-berlin.de.