Ein Preuße, der spaltet

Keine Klischees: Wissenschaftler der Freien Universität betrachten Friedrich den Großen in neuem Licht

19.03.2012

Das Porträt von Klaus Asche wird erstmalig in B. Sösemanns "Friedrich der Große in Europa - gefeiert und umstritten" veröffentlicht.
Das Porträt von Klaus Asche wird erstmalig in B. Sösemanns "Friedrich der Große in Europa - gefeiert und umstritten" veröffentlicht. Bildquelle: Privat
Friedrich, der Allgegenwärtige: "Der König überall" lautet der Titel des Gemäldes von Robert Warthemüller, das ab dem 21. März in der  Ausstellung "Friedrich der Große  – verehrt, verklärt, verdammt …" zu sehen sein wird.
Friedrich, der Allgegenwärtige: "Der König überall" lautet der Titel des Gemäldes von Robert Warthemüller, das ab dem 21. März in der Ausstellung "Friedrich der Große – verehrt, verklärt, verdammt …" zu sehen sein wird. Bildquelle: Arne Psille

Die einen preisen Friedrich den Großen als Aufklärer, Gutmenschen und Philosophen, die anderen beschimpfen ihn als Despoten, der ausschließlich eigene Interessen im Blick hatte. Professor Bernd Sösemann, Historiker an der Freien Universität Berlin, ist Mitherausgeber eines kürzlich erschienenen Buchs, in dessen Beiträgen der preußische Monarch in neuem Licht und aus europäischer Perspektive betrachtet wird. In dieser Woche wird zudem die Ausstellung „Friedrich der Große – verehrt, verklärt, verdammt ...“ im Deutschen Historischen Museum eröffnet.

Für den Historiker Bernd Sösemann vom Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin greifen herkömmliche Etiketten zu kurz. In Publikationen und langjähriger Forschungsarbeit legte er die Konturen eines klugen, gerissenen Staatsmannes frei, dessen charakterliche Eigenheiten sich nicht allein in „gut“ und „böse“ aufteilen lassen. „Friedrich war eine vielschichtige Persönlichkeit, ein scharfer Denker und Ironiker“, sagt der Wissenschaftler. Und weil Ironie, wie schon Søren Kierkegaard wusste, sich einer klaren Deutung widersetzt, lassen Friedrich-Forscher inzwischen die unterschiedlichen Facetten dieser Ausnahmepersönlichkeit in ihre Bewertung einfließen.

Europäischer Blick auf den Preußenkönig

Bernd Sösemann ist es gelungen, für die Publikation „Friedrich der Große in Europa. Geschichte einer wechselvollen Beziehung“ 47 prominente Wissenschaftler aus sieben Staaten zusammenzutrommeln – unter ihnen Bernhard Kroener, Christopher Clark, Ute Frevert, Eberhard Lämmert, Hans Ottomeyer, Barbara Stollberg-Rilinger, Edoardo Tortarolo. Sie betrachten Friedrich den Großen aus der Perspektive des 18. Jahrhunderts: Wie wirkte der Preußenkönig auf Polen und Russen, Franzosen und Österreicher, und wie dachte er über sich selbst? Wie wirkten sich die verkündete Pressefreiheit und das Folterverbot aus? Welches Ansehen hatte das Militär im In- und Ausland; welche Rolle spielten Flugblatt und Zeitung dabei?

Anfang März erschienen: „Friedrich der Große in Europa. Geschichte einer wechselvollen Beziehung“ (Franz Steiner Verlag)

Im Rahmen des Projekts fanden zahlreiche Tagungen und Vortragsreihen statt, bei denen die beteiligten Wissenschaftler ihre Thesen in gemeinsamen Sitzungen diskutieren konnten. Die Ergebnisse werden jetzt in einer zweibändigen Publikation von gut tausend Seiten präsentiert, die sich nicht nur an die wissenschaftliche Welt, sondern auch an eine breite Öffentlichkeit richtet.

„Wir haben nicht nur exzellente Beiträge von Kultur- und Wirtschafts-, Rechts- und Musikhistorikern, Soziologen und Literaturwissenschaftlern sammeln können, sondern bieten auch unveröffentlichte Texte und Abbildungen.“ Dem Wissenschaftler, der das von den Stiftungen Fritz Thyssen und Gerda Henkel finanzierte Projekt leitete und jetzt die beiden Bände gemeinsam mit dem Altphilologen Gregor Vogt-Spira herausgibt, war daran gelegen, innovative Fragestellungen zu verfolgen und klischeehafte Einschätzungen zu vermeiden. „Wenn Sie über Friedrich den Großen reden, können sie viel behaupten. Es kommt immer darauf an, auf welche Zeit, welches Werk oder welche Briefstelle sich ihre Zitate beziehen.“

Historischer Fund

Diese Ambivalenz spiegelt sich auch in der Rezeptionsgeschichte: Nicht nur Konservative – und besonders die Nationalsozialisten – haben den „Alten Fritz“ instrumentalisiert, sondern auch linksdiktatoriale Systeme wie der Stalinismus. Diese Erkenntnis belegt Sösemanns abschließender Beitrag mit einem neuen historischen Fund. „Ich habe ein Flugblatt der Sowjets aus dem Winter 1941/42 entdeckt, das Deutsche zum Überlaufen auffordert und sich auf Friedrich den Großen beruft. Auf der Zeichnung sehen wir Hitler mit blankem Gesäß und Friedrich, der auf den Diktator eindrischt, während Bismarck die Szene freudig beobachtet. Die implizite Botschaft lautet: ‚Deutscher Soldat! Es gibt zwei große Staatsmänner, die du verehrst: Friedrich den Großen und Bismarck. Und diese beiden haben immer wieder gesagt, für das Deutsche Reich ist ein Bündnis mit Russland am besten. Dein verrückter Hitler hat sich gegen Russland gewendet. Das wird sein Untergang sein.’“

Weitere Publikation

Zusätzlich zu den beiden Büchern erscheint ein ebenfalls von Bernd Sösemann im F. Steiner Verlag herausgegebener Band mit dem Titel „Friedrich der Große – gefeiert und umstritten“, der sich mit weiteren kontroversen Themen beschäftigt – wie der Sicht Österreichs auf Preußen, den Illustrationen Adolph Menzels oder einem globalen Vergleich zwischen Preußen und China.

Weitere Informationen

Die Sonderausstellung wird am Mittwoch, 21. März 2012, im Deutschen Historischen Museum Berlin eröffnet und ist bis zum 29. Juli zu sehen.