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Warum der Mensch nicht auf allen Vieren kriecht

An der Freien Universität entsteht ein Dokumentarfilm über die Evolution des aufrechten Gangs

17.02.2011

Biologiestudentin Sandra Bolz stellte sich als "Versuchsobjekt" aufs Laufband.
Biologiestudentin Sandra Bolz stellte sich als "Versuchsobjekt" aufs Laufband. Bildquelle: Sabrina Wendling
Auch die Bewegungen von Jack Russel Terrier Rusty wurden aufgezeichnet.
Auch die Bewegungen von Jack Russel Terrier Rusty wurden aufgezeichnet. Bildquelle: Sabrina Wendling

Der Mensch ist grundsätzlich träge. Er sitzt lieber als er steht, als Baby krabbelt er und muss sich an die Zweibeinigkeit erst gewöhnen. Wie kam es überhaupt, dass der Mensch beziehungsweise sein Vorfahre, der Affe, sich aufgerichtet hat? Mit der Frage nach der Evolution des aufrechten Gangs beschäftigt sich Carsten Niemitz, emeritierter Professor für Humanbiologie und Anthropologie der Freien Universität. Ein Filmteam dreht derzeit für arte und den WDR mit dem renommierten Evolutionsforscher eine Dokumentation über die gewandelten Laufgewohnheiten des menschlichen Vorfahren. Der Film soll im Herbst 2011 ausgestrahlt werden.

Carsten Niemitz vertritt seine eigene These darüber, weshalb sich der Affe entschied, aufrecht zu gehen. „Bisher verbreitet sind wissenschaftliche Theorien, die besagen, der Affe habe stets in den Bäumen gelebt und sich dann im Laufe seiner weiteren Entwicklung als Bewohner der Savanne aufgerichtet“, sagt Carsten Niemitz. „Dabei gibt es mittlerweile Beweise dafür, dass sich die Affen gar nicht vorrangig in Bäumen, sondern an Uferzonen von Flüssen oder Seen aufhielten – und um sich dort mit Nahrung zu versorgen, mussten sie in das Wasser hineingehen. Im Gegensatz zu allen anderen Vierfüßern richten sich aber alle Primaten hierbei mit den Hinterbeinen auf.“

Mensch, Hund und Pferd im Vergleich

Zusammen mit seinen Mitarbeitern hat Carsten Niemitz die Bewegungen von Mensch, Hund und Pferd aufgezeichnet, um seine These zu belegen. Für die Fernsehkamera illustrierte er die Versuche erneut. Biologie-Studentin Sandra Bolz packte ihre Sportkleidung zusammen und stellte sich als Versuchsobjekt auf ein Laufband. Über einen Computerbildschirm verfolgte Niemitz die Schwing-Bewegungen von Kopf, Schultern und Wirbelsäule, die als Kurven in ein Koordinatensystem übertragen wurden.

Hund Rusty kümmerte es nur wenig, dass sich sein Herrchen damit beschäftigt, weshalb die Menschen aufrecht gehen. Der Jack Russell Terrier lag entspannt auf allen Vieren auf einer Jacke und machte ein Nickerchen. Noch ahnte er nicht, dass er später für die Dreharbeiten auch das Laufband besteigen müsste und auch seine Bewegungen aufgezeichnet würden. „Ohne den Vergleich mit dem Vierfüßer kann man die Evolution nicht verstehen“, sagt Niemitz.

"Den Menschen zog es immer schon ans Wasser"

Für Produzent Jo Siegler ist Carsten Niemitz „der Genius der Geschichte“. Er hat schon mehrfach mit dem Evolutionsforscher Niemitz gedreht und ist von seiner Theorie fasziniert. Für den Dokumentarfilm wird Siegler außerdem noch nach Paris und London reisen, um weitere Positionen zur Evolution des aufrechten Gangs einzuholen.

Dass die Menschen auch heutzutage noch so sehr die Nähe zum Wasser suchen, ist für Carsten Niemitz kein Zufall: Sei es das Haus mit Seeblick, die Streitigkeiten um einen Uferweg am Potsdamer Griebnitzsee, der Urlaub am Meer, das eigene Segelboot. „Indem sie ins Wasser gingen, konnten sich die Affen ernähren, in den Ufergegenden gab es Bäume, auf die man sich vor Angriffen anderer Tiere schützen konnte, und sie boten Schlafräume – den Menschen und seinen Vorfahren zog es immer schon ans Wasser.“