Freie Universität Berlin


Service-Navigation

Wie intelligent ist eine Kiefer?

Der Biologe Ivo Beyaert erforscht kluge Bäume und Pflanzen

15.02.2011

Wie clever ist eine Kiefer? Dieser Frage gehen die Wissenschaftler der Arbeitsgruppe „Angewandte Zoologie / Ökologie der Tiere“ nach.
Wie clever ist eine Kiefer? Dieser Frage gehen die Wissenschaftler der Arbeitsgruppe „Angewandte Zoologie / Ökologie der Tiere“ nach. Bildquelle: morguefile

Von den Menschen sagt man oft, sie seien intelligente Lebewesen. In der Tierwelt gilt zumindest der Fuchs als schlau. Aber was ist mit Pflanzen? Sind sie auch klug? Haben sie vielleicht sogar ein Gehirn? Und Gefühle? Wie verarbeiten sie Reize aus ihrem Umfeld? Ivo Beyaert erforscht am Institut für Biologie der Freien Universität Berlin, wie clever die Kiefer ist.

Was macht so ein Baum eigentlich den ganzen Tag? Er steht angewurzelt da. Der Wind pustet durch seine Blätter, und Vögel lassen sich auf seinen Ästen nieder. „Man könnte denken, so ein Baum ist ganz schön passiv“, sagt Ivo Beyaert, „aber das stimmt nicht.“ Stattdessen spielt sich im Bauminneren eine ganze Menge ab: Der Baum kann auf seine Umgebung reagieren und hat sogar ein sensibles Gespür für seine natürlichen Feinde. Hungrige Insekten werden vom Baum „bemerkt“, und der Baum wehrt sich!

In der Arbeitsgruppe „Angewandte Zoologie / Ökologie der Tiere“ am Institut für Biologie der Freien Universität Berlin erforschen Professorin Monika Hilker und ihre Mitarbeiter die Wirkung von Eiablagen von Insekten auf Kiefern, Ulmen und auch Kohlpflanzen. Was zumindest den Laien überrascht: Bäume können sich sogar gegen die Eier von Insekten wehren und damit verhindern, dass die aus den Eiern schlüpfenden Larven den Baum später schädigen können.

Natürliches Waffenarsenal

Bäume besitzen ein natürliches Waffenarsenal zur Bekämpfung ihrer Feinde. Ivo Beyaert beschäftigt sich insbesondere mit der Waldkiefer. „Pflanzen haben selten nur einen Plan A, es gibt immer auch einen Plan B“, sagt er. Die erste Waffe: Giftstoffe. „Die Kiefer verfügt über Terpene, die in entsprechenden Konzentrationen auf Insekten auch als Giftstoffe wirken können“, erklärt Beyaert. „Das Harz von Kiefern besteht auch aus Terpenen. Harz kann Insekten, die den Baum angreifen wollen, schnell abtöten, indem es sie einfach völlig einklebt.“

Trotz dieser klebrigen, harzigen Waffen können viele Insekten wie Borkenkäfer, einige Schmetterlingsraupen und auch Blattwespen mit den Terpenen der Kiefer umgehen. Sie haben sich auf verschiedene Weise daran angepasst. Deshalb holt die Kiefer zum Gegenschlag aus: Plan B tritt in Kraft. Wenn etwa Blattwespen Eier an den Kiefernadeln ablegen, beginnt die Kiefer, sich gegen diese Eier zu wehren. Denn die Eier stellen eine große Gefahr für die Kiefer dar, da die aus den Eiern schlüpfenden Larven große Mengen an Kiefernnadeln vertilgen würden. Die Kiefer beginnt in Reaktion auf die Eiablagen ihren Duft so zu verändern, dass dadurch natürliche Feinde der Blattwespen angelockt werden: die Erzwespen.

Kommunikation durch Düfte

Die Erzwespen sind viel kleiner als die Blattwespen und gehören zu den parasitischen Hautflüglern. Sie legen ihre Eier – aus menschlicher Sicht hinterlistig, aus biologischer Sicht vernünftig – in die Eier der Blattwespen hinein. Weil der Nachwuchs der Erzwespen stärker ist als die heranwachsenden Blattwespen, werden letztere in den meisten Fällen verdrängt und schlüpfen gar nicht erst. „Kiefer und Erzwespe handeln nicht aus Mitgefühl, sondern weil sie beide etwas voneinander haben: Die Kiefer wehrt die Blattwespen ab, indem sie Parasiten der Blattwespen anlockt, und die parasitischen Erzwespen haben eine Brutstätte“, sagt Beyaert. Eine reine Win-Win-Situation aus betriebswirtschaftlicher Perspektive.

Aber wie funktioniert diese Kommunikation durch Düfte? Wenn die Blattwespen ihre Eier in den Kiefernadeln abgelegt haben, erkennt die Kiefer das, und ein Alarmsystem wird ausgelöst, das schließlich über eine ganze Kaskade von Reaktionsketten in der Kiefer zu dem veränderten Kiefernduft führt. Das „Erkennen der Eier“ erfolgt über ein Sekret, das an den Blattwespeneiern klebt.

Ein kluger Baum

Die Frage nach der Intelligenz eines Baumes ist mindestens ebenso komplex wie die nach der Intelligenz des Menschen. Sie wirft  eine Reihe nicht ganz ernst gemeinter, aber doch brennender weiterer Fragen auf: Wachsen Pflanzen besser, wenn sie täglich einen Guten-Morgen-Gruß und einen Gute-Nacht-Kuss bekommen? Empfindet ein Apfel Schmerzen, wenn er mit menschlicher Gewalt vom Baum gepflückt und zu Kompott verarbeitet wird? Mögen Blumen Musik? Wie finden es Bäume, wenn sie als Schattenspender beim Picknick benutzt werden?

Ivo Beyaert windet sich etwas, dann aber formuliert er seine eigene Intelligenz-Definition: „Intelligenz bei Pflanzen würde meiner Meinung nach bedeuten, dass sie auf Unvorhergesehenes komplex und effektiv reagieren können“, sagt er, „die Kiefer ist also vielleicht nicht intelligent, aber zumindest ein kluger Baum.“