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Andere Länder, andere Mittel

Neu eingerichtete Arbeitsstelle Medizinethnologie an der Freien Universität

03.06.2010

Das Taufritual einer Heilungskirche in Dar Es Salam, Tansania
Das Taufritual einer Heilungskirche in Dar Es Salam, Tansania Bildquelle: Hansjörg Dilger
Professor Hansjörg Dilger leitet die Arbeitsstelle Medizinethnologie an der Freien Universität
Professor Hansjörg Dilger leitet die Arbeitsstelle Medizinethnologie an der Freien Universität Bildquelle: Marisa Maza
Wandbilder fungieren wie Kampagnenplakate und thematisieren die häusliche Krankenpflege in urbanen Räumen Tansanias
Wandbilder fungieren wie Kampagnenplakate und thematisieren die häusliche Krankenpflege in urbanen Räumen Tansanias Bildquelle: Hansjörg Dilger

Wie werden in Tansania Menschen behandelt, die mit HIV/AIDS leben? Was bedeutet Kranksein in Deutschland für sogenannte illegale Einwanderer? Wie erleben in Berlin lebende Chinesinnen ihre Schwangerschaft? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich die Medizinethnologie. Am Institut für Ethnologie der Freien Universität wurde speziell hierfür eine Arbeitsstelle eingerichtet, die sich in der Langen Nacht der Wissenschaften am 5. Juni erstmals der Öffentlichkeit vorstellt.

Die Mitarbeiter der Arbeitsstelle Medizinethnologie untersuchen weltweit und aus ethnologischer Perspektive Phänomene, die mit Krankheit, Gesundheit und Heilung verknüpft sind. Sie erforschen beispielsweise, warum bestimmte Präventionsmaßnahmen zu HIV/AIDS in afrikanischen Gesellschaften nicht greifen. Ihre Ergebnisse können als eine Art kulturelle Wegweiser dienen und entscheidende Abkürzungen für medizinische Lösungswege bedeuten.

Kulturelle Besonderheiten werden im globalen Kontext betrachtet

„Die Stärke der Ethnologie im Vergleich zu anderen Kultur- und Sozialwissenschaften ist, dass sie dank  ihrer Methoden detaillierte Einblicke in andere Lebenswelten ermöglicht und diese erklären kann“, sagt Professor Hansjörg Dilger, Leiter der Arbeitsstelle. Damit kann sie im Idealfall neue Herangehensweisen bei der Lösung gegenwärtiger Probleme aufzeigen. Während in der klassischen Ethnologie, auch Völkerkunde genannt, vor allem „traditionelle“ außereuropäische Kulturen untersucht wurden, beschäftigt sich die moderne Ethnologie neben kulturhistorischen Fragestellungen verstärkt mit aktuellen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen – und das in einem globalen Kontext. Beliebte Forschungsfelder sind hier die Wirtschaft und Medizin.

In den USA und Großbritannien zählt die „Medical Anthropology“ (Medizinethnologie) zu den stärksten Forschungsrichtungen innerhalb der Sozial- und Kulturanthropologie. Im deutschsprachigen Raum hat sich die Medizinethnologie hingegen erst in den vergangenen Jahren als eigenständige Subdisziplin des Faches etabliert. Eine spezielle, global ausgerichtete Arbeitsstelle innerhalb eines ethnologischen Instituts, wie sie nun an der Freien Universität eingerichtet wurde, ist an deutschen Hochschulen bislang einzigartig.

Forschung zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen

„Wir betreiben Grundlagenforschung, wählen die Forschungsschwerpunkte aber auch praxisbezogen und versuchen dabei, theoretische Zugänge und Zusammenhänge zu erarbeiten“, sagt Hansjörg Dilger. Die Wissenschaftler der Arbeitsstelle nehmen dabei zwei Blickwinkel ein: Zum einen erforschen sie die Vorstellungen, Praktiken und Institutionen von Medizin und Gesundheit in „nicht-westlichen" Gesellschaften, insbesondere in Afrika und Asien. Gleichzeitig beobachten sie, wie wir – Menschen im europäischen und nordamerikanischen Kulturkreis - gesellschaftliche Gegebenheiten aus anderen Kulturen wahrnehmen, bewerten oder auch nutzen.

Ein thematischer Schwerpunkt ist neben dem Umgang mit globalen Epidemien wie HIV/AIDS der Zusammenhang von Migration und Gesundheit: Wie kommen Patienten aus anderen Kulturkreisen mit einem für sie fremden Gesundheitssystem zurecht? Werden die oft religiös basierten Ideen und Praktiken von Heilung aus der Heimat in der Fremde weiterhin angewandt und wenn ja, wie? Im Forschungsfokus steht zudem die Entwicklung von Märkten für Heilpflanzen und Medikamente, die über Staatsgrenzen hinweg miteinander verflochten sind.

Arbeitsstelle dient als Plattform für Experten und Öffentlichkeit

Kolloquien und Arbeitskreise der neuen Einrichtung sollen nun den fachlichen Austausch zwischen dem wissenschaftlichen Nachwuchs und etablierten Experten fördern. Geplant sind Veranstaltungen und Projekte, die internationale Netzwerke schaffen. Die neue Einrichtung soll gleichermaßen Anlaufstelle und Plattform für Fachleute und für die breite Öffentlichkeit sein.

„Wir wünschen uns fachübergreifende Projekte innerhalb der Universität und themenspezifische Kooperationen mit externen Institutionen“, sagt Dilger. Hierfür böte sich an der Freien Universität die Zusammenarbeit mit der Medizin, den Politikwissenschaften oder auch dem Masterstudiengang „Public Health“ am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie an, darüber hinaus werde ein gezielter Austausch mit Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit oder politischen Entscheidungsträgern in den Forschungsregionen angestrebt.