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Strategien zum Erfolg

Zu Joseph Haydns 200. Todestag

30.05.2009

Der österreichische Komponist Joseph Haydn war nicht nur musikalisch hochbegabt, sondern auch ein kluger Musikmarktstratege.
Der österreichische Komponist Joseph Haydn war nicht nur musikalisch hochbegabt, sondern auch ein kluger Musikmarktstratege. Bildquelle: Joseph Haydn 1791, Ölgemälde von Thomas Hardy (fotografische Reproduktion)

Der österreichische Komponist und Musiker wurde 1732 als Sohn eines niederösterreichischen Wagners geboren und starb am 31. Mai 1809 in Wien. Eine Würdigung aus Anlass des 200. Todestages von Joseph Haydn.

Joseph Haydn hat sich zum fürstlichen Kapellmeister emporgearbeitet und lange Jahrzehnte für die Familie Esterházy in Eisenstadt vor den Toren Wiens sowie in Westungarn seinen Dienst versehen. In dieser Zeit häufte er ein gewaltiges Oeuvre an Opern, Kirchen- und Kammermusik, Konzerten und Sinfonien an. 1790 wurde er etwas überraschend in Pension geschickt. Der rüstige, bis dahin eigentlich nie aus seiner Provinz herausgekommene Endfünfziger zeigte sich unternehmungslustig. Es zog ihn nach England. Freund Mozart riet ihm davon ab, weil er die Sprache nicht beherrsche; lieber solle er zum König von Neapel gehen, für dessen persönlichen Gebrauch Haydn schon Lyra-Konzerte geschrieben hatte. Bald nach Haydns Übersetzen auf die Insel verstarb der fast 25 Jahre jüngere Mozart, während der Ruheständler sich in kürzester Zeit in den Stand versetzte, englische Texte zu vertonen.

Erfolgsverwöhnt und erfolgsgewohnt

Die Aktivitäten in der Musikmetropole London verhalfen Haydn vollends dazu, als der Erste unter den damaligen Tonsetzern Europas angesehen zu werden. Die ausgedehnten England-Aufenthalte inspirierten ihn, ob nun die ästhetische Theorie, das lebendige, massive Chorwesen, die machtvolle musikalische Öffentlichkeit und das nachhaltige Prestige der händelschen Oratorien. Das alles konnte er danach in Wien mit der  Schöpfung und den Jahreszeiten kapitalisieren – mit Werken, die sogleich einschlugen. Neben Adel und Kirche achtete er nun auch auf das Volk als Zielgruppe. Bis zuletzt war der Erfolgsgewohnte auf Erfolg erpicht.

Mehrfachverwertung: Haydns „Volcks-Lied“ wird deutsche Hymne

Zu Haydns größtem Coup wurde ein kleines Klavierlied, das er 1797 zum Geburtstag seines Kaisers geschrieben hat und simultan in einer Fassung für Gesang und Orchester als „Volcks-Lied“ in der Monarchie zirkulieren ließ. Schon der Text „Gott! Erhalte Franz den Kaiser“ imitiert das Vorbild „God Save Great George Our King“. Im Jahr darauf führte der musikalische Marktstratege das Lied einer Zweitverwertung zu und nahm es zum Thema für den Variationensatz eines neuen Streichquartetts. Auch diese Rechnung ging auf: Das Quartett wurde sein wohl berühmtestes und fortan „Kaiserquartett“ genannt.

Nicht plan- und nicht absehbar für Haydn waren die Wirrungen, in die die Melodie seines getragenen Liedes postum geraten ist. Mit dem martialischen Text „Deutschland, Deutschland über alles“ kam sie Mitte des 19. Jahrhunderts zum antimonarchischen Einsatz, zu Beginn der Weimarer Republik gelangte sie in den Dienst des Deutschen Reiches, wo sie wenige Jahre später in eine Zwangsehe mit dem Parteilied des Horst Wessel gezwängt wurde, um dann in der Bundesrepublik Deutschland weiteren Staatsdienst zu verrichten, inzwischen unter Amputation der ersten beiden Strophen des Liedtextes von Hoffmann von Fallersleben.

Bis heute meinen viele Musikliebhaber, dass die Melodie unsere Nationalhymne etwas Besonderes sei, weil sie aus der noblen Gattung Streichquartett stamme. Der listige Komponist, voller Esprit, hat selbst dieses bildungsbürgerliche Wunschdenken bedacht.