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Mit Diphterie gegen den Krebs

Biochemiker der Freien Universität und der Hebrew University kooperieren in der Tumorforschung

20.04.2009

Professor Volker A. Erdmann forscht seit geraumer Zeit am Institut für Chemie und Biochemie über RNA-Moleküle
Professor Volker A. Erdmann forscht seit geraumer Zeit am Institut für Chemie und Biochemie über RNA-Moleküle Bildquelle: Freie Universität Berlin
Professor Avraham Hochberg von der Hebrew University hielt im Februar einen Vortrag an der Freien Universität
Professor Avraham Hochberg von der Hebrew University hielt im Februar einen Vortrag an der Freien Universität Bildquelle: Freie Universität Berlin

Wann und warum wird eine gesunde Zelle zur Tumorzelle? Eine entscheidende Rolle dabei spielen Ribonukleinsäuren: sogenannte RNA-Moleküle, die genetische Informationen weitertragen. Professor Volker A. Erdmann ist überzeugt, dass hier der Schlüssel liegt, um die Krankheit Krebs zu besiegen.

Zurück ins Jahr 1996. Es begann mit einem Forschungsprojekt zur Frühdiagnose von Harnblasenkrebs. Und einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft initiierten trilateralen Projekt, das Wissenschaftler und Mediziner aus Deutschland, Israel und Palästina miteinander verband. Erdmann, Biochemiker an der Freien Universität Berlin, der das Projekt koordinierte, beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit mit RNA-Molekülen – jenen „heimlichen Regulatoren der Zelle“, wie Erdmann sie nennt, die das Geschehen in einer Zelle steuern. „Damals schon wurde über politische Konfliktgrenzen hinweg der Grundstein für eine raschere Tumorerkennung und somit verbesserte Therapiechancen gelegt“, sagt Erdmann.

Erdmann arbeitete eng mit Avraham Hochberg, Professor an der Hebrew University of Jerusalem, zusammen, den er vor rund vierzig Jahren bei einem Forschungsaufenthalt an der University of Wisconsin in den USA kennengelernt hatte. Jetzt bauen die beiden gemeinsam mit Professor Jan Barciszewski von der Polnischen Akademie der Wissenschaften aus Posen eine RNA-Datenbank auf. Der Hintergrund hierfür ist, dass spezielle RNA-Moleküle, die in Fachkreisen als Hoffnungsträger der Medizin gehandelt werden, häufig in Tumorzellen auftauchen. „Je mehr man über diese Moleküle weiß, desto größer ist die Chance, dass man eines Tages erfährt, warum sich eine gesunde Zelle in eine Tumorzelle umwandelt“, sagt Erdmann.

Im Februar besuchte Hochberg die Freie Universität und stellte im HahnMeitner-Bau eine neue Krebs-Therapiemethode vor. Er fand heraus, dass in rund 80 verschiedenen Tumoren immer wieder ein bestimmtes RNA-Molekül, das sogenannte H19-Molekül auftauchte. Es mussten also regulatorische Elemente existieren, so Hochbergs Vermutung, die dafür sorgten, dass dieses Molekül eine Verbindung mit Tumorzellen eingeht. Hochberg kam zu dem Schluss, diese regulatorischen Mechanismen nutzen zu müssen, um Tumorzellen ganz gezielt zu bekämpfen. Schleust man nämlich das vom Diphterie-Erreger hergestellte Eiweißmolekül, das üblicherweise Schleimhautschichten im Nasen- und Rachenraum zerstört, in eine Tumorzelle ein, tötet es die Zelle ab. Hochberg hatte den idealen Weg gefunden, damit sich Tumorzellen selbst vernichten: einen zum „Tumorkiller“ umfunktionierten Giftstoff, der gesunden Zellen nichts anhaben kann – sofern man gegen Diphterie geimpft ist. „Das ist ein simples Verfahren, effizient und sehr preiswert einzusetzen“, schwärmt Erdmann von Hochbergs Methode.

Die speziellen RNA-Moleküle stehen erst seit kurzem im biochemischen Rampenlicht. So ist zum Beispiel die Zahl von diesen entdeckten „Wundermolekülen“ in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen. Erdmann und Barciszewski konnten 2007 bereits mehr als 30 000 in ihrer Datenbank aufführen. Das neuartige Verfahren zur Tumortherapie befindet sich in Israel und in den USA schon in der zweiten klinischen Testphase. Die Ergebnisse sind viel versprechend: Bei rund 60 Patienten mit Blasen-, Brust-, Gehirn-, Leber- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs konnten die Tumorzellen nicht nur erfolgreich bekämpft werden – es zeigten sich auch keinerlei Nebenwirkungen. „Es ist zu hoffen, dass das von Hochberg entwickelte Verfahren in naher Zukunft die dritte klinische Testphase mit demselben Erfolg übersteht, sodass für Patienten möglichst bald ein ganz neues Krebsmittel zur Verfügung stehen würde“, sagt Erdmann.

Hochberg und Erdmann wollen dem H19-Molekül weiter auf den Grund gehen. Ihr Ziel ist es, das Diagnoseverfahren, das sie vor 13 Jahren mit dem trilateralen DFG-Projekt begonnen hatten, so zu verfeinern, dass sie mit Hilfe von Industriepartnern diesen Diagnosetest für die Früherkennung von Tumorerkrankungen bald auf den Markt bringen können.