Geschichte und Geschichten

Anlässlich des Jubiläums der Freien Universität erscheint eine Wissenschaftsgeschichte, herausgegeben von ehemaligen Studenten

04.12.2008

Am 4. Dezember 1948 war es geschafft: Mit der offiziellen Eröffnungsfeier der Freien Universität im Titania-Palast konnte die Universität ihren Betrieb aufnehmen.
Am 4. Dezember 1948 war es geschafft: Mit der offiziellen Eröffnungsfeier der Freien Universität im Titania-Palast konnte die Universität ihren Betrieb aufnehmen. Bildquelle: Landesbildstelle Berlin

Es sind 258 Seiten bedruckten Papiers zwischen zwei schlichten orange-grünen Hardcover-Deckeln. Und doch ist es mehr als nur ein Buch, das anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Freien Universität erschienen ist. „Die Freie Universität Berlin 1948 – 2007: Von der Gründung bis zum Exzellenzwettbewerb“ lautet der sachliche Titel. Das Besondere dieses Buches liegt auch nicht allein an seinem Inhalt – 60 Jahren Geschichte der Freien Universität. Sondern vor allem an seinem Entstehungsprozess – und seinen Herausgebern.

Stanislaw Karol Kubicki und Siegward Lönnendonker sind beide ehemalige Studenten der Freien Universität, die in ihrer Studienzeit beide im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte schrieben. Stanislaw Kubicki als „Student Nummer Eins“ – er war 1948 nicht nur an der Gründung der Freien Universität beteiligt, sondern auch der Erste, der sich immatrikulierte. Siegward Lönnendonker, der 1970 an der Freien Universität sein Studium der Soziologie, Politologie und Psychologie abschloss, erlebte die sechziger Jahre an der Freien Universität.

Er begriff früh die politische und gesellschaftliche Bedeutung der Studentenbewegungen an der Universität und begann, sie zu dokumentieren. „Ich sammelte Sitzungsprotokolle, Flugblätter, Publikationen – einfach alles. Die Zeitgeschichtler sollten später nicht allein auf Polizeiakten angewiesen sein.“, sagt Lönnendonker. Damit legte er den Grundstock für das heutige APO-Archiv – einem weltweit einzigartigen Archiv. „Besonders beliebt war das nicht. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es viele der Linken damals nicht für wichtig befanden, ihre Pläne zu dokumentieren – oder es ihnen später unangenehm war, sie später schwarz auf weiß vorgelegt zu bekommen.“

Von den Anfängen bis in die Gegenwart

Kubicki und Lönnendonker stehen für zwei der wichtigsten Punkte der Geschichte der Freien Universität. Dennoch kam der Anstoß zu diesem Buch, das nur der erste Band einer sechsteiligen Wissenschaftsgeschichte ist, nicht von ihnen. „Anfang der 90er Jahre rief der damalige Leiter des Außenamtes Horst Hartwich eine Diskussionsrunde zwischen Gründungsstudenten und ‘68ern‘ ins Leben, um gemeinsam wichtige Themen und Ereignisse der Universitätsgeschichte zu diskutieren“, erzählt Lönnendonker. Im Haus von Hartwich trafen dann hochschulpolitisch höchst unterschiedlich orientierte Menschen aufeinander – Konservative und Linke, 48er und 68er. Trotz ihrer unterschiedlichen Ansichten konnten sie sich in Jahren langer Diskussionen, die sich in diesem Buch wiederfinden, auf eine gemeinsame Darstellung der Universitätsgeschichte einigen. „Das war sehr amüsant: Kubicki hat Humor  - wie ich auch, glaube ich jedenfalls. Da konnte man dann auch mal mit einem Augenzwinkern die eigenen Positionen von früher ansehen und Fehler einräumen“, sagt Lönnendonker.

Verschiedene Meinungen - ein Ziel

Von der „Übersiedlung“ der Humboldtschen Ideale von der „Lindenuniversität“ an die neugegründete Freie Universität über den wissenschaftlichen Aufstieg der 50er bis hin zu den Vorlesungsboykotten und -streiks um 1968, bis zum Exzellenzwettbewerb wurde der Bogen gespannt. Dabei kam es ihnen darauf an, den Bruch zu dokumentieren, den die sowjetischen und die deutschen Kommunisten mit der 1810 gegründeten „Friedrich-Wilhelms-Universität“ vollzogenen.  Lönnendonker steuert zusammen mit Tilman Fichter außerdem eine Übersicht über die verschiedenen linken Gruppierungen an der Freien Universität und in der Bundesrepublik bei. Durch einen Anhang mit wichtigen Dokumenten wie der Erprobungsklausel oder dem Exzellenzwettbewerb ist daraus fast ein Nachschlagewerk geworden.

Bis zum Schluss rangen die Mitglieder des Redaktionskollegiums um die nach ihrer Sicht richtige Darstellung der Geschichte. „Das ging oft bis an die Grenzen der Belastbarkeit – aber alle waren sehr engagiert dabei, das war toll.“ Nach den ersten drei Bänden der Geschichte ist für das Redaktionskollegium und die Herausgeber Kubicki und Lönnendonker jedoch erst „Halbzeit“ – drei Bände über die Wissenschaftsgeschichte fehlen noch.  „Erst wenn alle sechs Bände fertig sind, bin ich richtig froh!“, sagt Lönnendonker.