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Moleküle auf Weltraumtour

Russische Sojus-Rakete brachte RNA-Proben zur Weltraumstation ISS

25.10.2008

Die etwa fünf Zentimeter langen Plastikschläuche; Verpackung für die RNA-Moleküle
Die etwa fünf Zentimeter langen Plastikschläuche; Verpackung für die RNA-Moleküle Bildquelle: Freie Universität Berlin / Stephan Töpper
Prof. Volker A. Erdmann, Gründer des RNA-Netzwerks
Prof. Volker A. Erdmann, Gründer des RNA-Netzwerks Bildquelle: Freie Universität Berlin

Der Weltraumtourist Richard Gariott, der sich für umgerechnet 20 Millionen Euro einen Platz in der russischen Sojus-Rakete sicherte, hat 50 Proben mit Ribonukleinsäuren (RNA) aus dem Labor der Biochemiker der Freien Universität Berlin in den Weltraum gebracht.

Ein durchsichtiger Plastikschlauch, fünf Zentimeter lang, ein Millimeter im Durchmesser - gefüllt mit winzigen, tiefgefrorenen Molekülen. Der Name des Moleküls: Ribonukleinsäure, RNS, oder der englischen Bezeichnung folgend RNA abgekürzt. Insgesamt 50 dieser Mini-Schläuche reisten im Oktober rund 50.000 Kilometer weit: von Berlin nach Alabama, dann weiter nach Kasachstan. Von dort transportierte eine russische Sojus-Rakete die Berliner Proben zur Internationalen Raumstation ISS in den Weltraum.

Der enorme Aufwand, ein Molekül quer über den Globus und ins Weltall zu befördern, muss es wohl wert sein. Ribonukleinsäure stand lange im Schatten ihrer bekannteren Schwester, der Desoxyribonukleinsäure (DNA), die Erbinformationen speichert und seit den 1950er Jahren als Quelle allen Lebens galt. Volker A. Erdmann, Professor für Biochemie an der Freien Universität, hat früh erkannt, dass Ribonukleinsäuren viel mehr leisten als ihnen zugetraut wurde. Zur Erforschung des Alleskönner-Moleküls gründete er 1998 das RNA-Netzwerk, das seither mit 60 Millionen Euro vom Berliner Senat, dem Bundesforschungsministerium und Industriepartnern gefördert worden ist.

Den richtigen Schalter finden

"Unser Ziel ist es, die Struktur und Funktion der Ribonukleinsäuren zu erforschen, um herauszufinden, welches Molekül zum Beispiel die Umwandlung von einer normalen Zelle in eine Tumorzelle bewirkt", sagt Erdmann. Solche Erkenntnisse können entscheidende Informationen liefern, um Krebserkrankungen gar nicht erst entstehen zu lassen. Wenn man den "Schalter" kennt, der eine gesunde Zelle zur Tumorzelle macht, könne man bereits im Vorfeld dafür sorgen, dass dieser Schalter niemals angeknipst wird.

Die RNA-Moleküle steuerten das Geschehen in einer Zelle wie Dirigenten, sagt Erdmann. Sie kopieren Erbinformationen und wandeln diese in Proteine um, in die Grundbausteine der Zelle. Warum aber schickt man die RNA-Moleküle auf eine so weite Reise? "Wir wollen etwas über die atomaren Strukturen wissen." Deshalb werden die RNA-Moleküle kristallisiert. Ist der Kristall wohlgeordnet, erhält man auch geordnete Informationen - ein großer Schritt in Richtung neuer Diagnostika und Pharmazeutika.

Der Inhalt der Plastikschläuche wird nach ihrer Rückkehr unter dem Mikroskop untersucht. Aber noch nicht gleich: Erdmann schickt sie erst innereuropäisch zum Vermessen nach Triest weiter. Danach endet die Tour der Moleküle bei den Biochemikern in Berlin.