Von wegen Lügenpresse!

OSI-Club diskutiert in einer Vortragsreihe mit Wissenschaftlern und Praktikern über bedrohten Journalismus und Gefallsucht von Medien

15.04.2016

Im Visier der Medien: Populisten und Rechtsextreme - die ihrerseits die Medien angreifen. Der Presse wird oft die Rolle der „vierten Gewalt“ im Staate zugeschrieben.
Im Visier der Medien: Populisten und Rechtsextreme - die ihrerseits die Medien angreifen. Der Presse wird oft die Rolle der „vierten Gewalt“ im Staate zugeschrieben. Bildquelle: stockphoto/roibu

Nicht nur vielen Journalisten lief es kalt den Rücken herunter, als Teilnehmer einer Pegida-Demonstration in Dresden erstmals skandierten: „Halt die Fresse, Lügenpresse“. Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus wurden wach. Mittlerweile gehört das Schlagwort ebenso wie das der „Pinocchio-Presse“ zum festen Bestandteil des Wortschatzes der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD). Manche Journalisten mögen verunsichert sein, vor allem wenn sie ihren Beruf als Teil einer wichtigen demokratischen Institution verstehen: Oftmals wird die Presse als vierte Gewalt im Staate bezeichnet, in einem demokratischen System der Gewaltenteilung neben der ausübenden, der gesetzgebenden und der rechtsprechenden Gewalt. Ist ihre Berichterstattung zu einseitig? Gibt es einen deutschen Reflex im Journalismus, der bei Rechtspopulismus das Maß aus den Augen verliert? Einfache Antworten hierauf sind schwierig. Deshalb hat der OSI-Club, die Alumni-Vereinigung am Otto-Suhr-Institut (OSI) für Politikwissenschaft der Freien Universität, seine diesjährigen Sommervorlesungen aus Wissenschaft und Medien unter den Titel „Lügenpresse – Analysen und Ansichten zur Renaissance eines Kampfbegriffes" gestellt. Die Vorlesungsreihe, die seit nunmehr zehn Jahren angeboten wird, findet in diesem Jahr vom 25. April bis 20. Juni statt (immer montags, 18 bis 20 Uhr, Hörsaal A des OSI, Ihnestraße 21, 14195 Berlin).

Jeder ist willkommen, nicht nur Absolventen; der Eintritt ist frei. Zu Wort kommen renommierte Wissenschaftler wie Frank Überall, Professor an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln und Berlin. Überall, seit Ende 2015 auch Bundesvorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes, hat sich das Verhältnis von Politik und Journalismus zum Lebensthema gemacht. Unter dem Titel „Bedrohter Journalismus! Braucht die systemrelevante Institution einen ideellen Rettungsschirm?“ will er in seinem Vortrag am 30. Mai ein Umdenken fordern und das Bewusstsein für den Wert des Journalismus in der Demokratie stärken.

Ebenfalls aus der Wissenschaft kommt am 13. Juni Stephan Ruß-Mohl, Professor für Journalistik an der Universität Lugano und davor 16 Jahre in gleicher Funktion an der Freien Universität Berlin. Seit Jahren gilt er als Mahner vor dem schleichenden Verfall journalistischer Glaubwürdigkeit. Die Verantwortung dafür sieht Ruß-Mohl vor allem bei den Medienmachern selbst.

Zu den referierenden Journalisten der Ringvorlesung gehören am 20. Juni Stefan Niggemeier, bekannter Blogger (Bildblog. de, übermedien.de), der sich durch kritischen Medienjournalismus einen Namen gemacht hat, und am 2. Mai Wolfgang Herles, einer der schärfsten Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland. „Der Populismus der Politik und die Gefallsucht der Medien schaukeln einander auf“, sagt er. Seine Vorlesung trägt den Titel „Wie ARD und ZDF ihren Auftrag verfehlen“.

Die Rolle der Presse national und international

Schließlich vergleichen drei Referenten die Rolle der Presse in Deutschland mit jener in anderen Ländern. Einen besonderen Impuls erwartet Christian Walther, Vorsitzender des OSI-Clubs, vom Auftritt von Alison Smale am 9. Mai. Die Britin hat 30 Jahre lang für Auslandsbüros unterschiedlicher Medien gearbeitet und stets einen Fokus auf Deutschland und Osteuropa gehabt. Sie arbeitete für renommierte Agenturen, war Chefredakteurin der International Herald Tribune und leitet derzeit das Büro der New York Times für Deutschland, Zentral- und Osteuropa in Berlin. Sie wird auf die US-amerikanische Ausprägung des „Lügenpresse“- Diskurses schauen, der unter dem Schlagwort „Mainstream Media“ geführt wird.

Auch Britta Hilpert, die die Vorlesungsreihe am 25. April eröffnet, weiß um den zwiespältigen Blick über die Grenzen: Einerseits beruhige er, sagt die ehemalige Leiterin des ZDF-Studios Moskau, denn uns gehe es noch vergleichsweise gut, wenn man nach Polen, Ungarn oder gar Russland schaue. Andererseits könne er auch verunsichern, wenn die Frage aktuell werde, ob dergleichen auch in Deutschland geschehen kann. Hilpert, die seit 2009 ZDF-Studioleiterin Brandenburg ist, hat als Reporterin ihre eigenen Erfahrungen mit der AfD in Brandenburg gemacht. Ehrenamtlich engagiert sie sich als Vorsitzende der Organisation „Reporter ohne Grenzen“.

Dass sich Enttäuschung über die Diskrepanz zwischen „erlebter Realität“ und „Medienrealität“ auch in der arabischen Welt nicht grundsätzlich von der in Europa unterscheide, ist die These von Aktham Suliman am 6. Juni. Suliman studierte Islam-, Politik-, und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität. Er arbeitete unter anderem für die Deutsche Welle, Al Dschazira, die BBC und Skynews. „Wir werden über polemische Kritik an Medien ebenso reden wie über differenzierte interne Kritik im Journalismus“, verspricht Christian Walther. Bei den Referentenanfragen sei in diesem Jahr zu spüren gewesen, wie nahe das Thema vielen Journalisten und Wissenschaftlern gehe. Was nicht verwundert, erinnert man sich an das verbreitete Unbehagen angesichts der „Lügenpresse“- Rufe.