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„Es geht um Nationalstolz und die Angst, das Gesicht zu verlieren“

Am 8. Juni hält Oscar-Preisträger Bill Guttentag einen Vortrag an der Freien Universität, am 9. Juni zeigt er seinen Film „Nanking“

08.06.2015

Bill Guttentags Film „Nanking“ dokumentiert die Kriegsverbrechen der japanischen Besatzer in der chinesischen Hauptstadt Nanking Ende 1937 und Anfang 1938, bei denen nahezu 370.000 Menschen ermordet wurden.
Bill Guttentags Film „Nanking“ dokumentiert die Kriegsverbrechen der japanischen Besatzer in der chinesischen Hauptstadt Nanking Ende 1937 und Anfang 1938, bei denen nahezu 370.000 Menschen ermordet wurden. Bildquelle: 2007 Agape Partners Multimedia, LLC
Oscar-Preisträger Bill Guttentag ist am 8. und 9. Juni zu Gast an der Freien Universität. Er hält einen Vortrag und zeigt seine Dokumentation "Nanking".
Oscar-Preisträger Bill Guttentag ist am 8. und 9. Juni zu Gast an der Freien Universität. Er hält einen Vortrag und zeigt seine Dokumentation "Nanking". Bildquelle: Marina Brodskaya

In seinem Vortrag spricht der amerikanische Drehbuchautor, Regisseur und Filmproduzent über die Filmindustrie in Hollywood. Im Mittelpunkt seiner Dokumentation „Nanking“, die am 9. Juni gezeigt wird, stehen die Kriegsverbrechen der japanischen Besatzer in der chinesischen Hauptstadt Nanking Ende 1937 und Anfang 1938, bei denen nahezu 370.000 Menschen ermordet wurden. Zehntausende Frauen – die Schätzungen reichen von 20.000 bis 80.000 – wurden vergewaltigt. Das Ausmaß der Verbrechen wird bis heute von Japan nicht anerkannt; die Art der Erwähnung in japanischen Schulbüchern führte erst vor wenigen Monaten zu einem Streit mit China. Im Anschluss an die Vorführung findet eine Podiumsdiskussion mit Bill Guttentag statt. Campus.leben sprach vorab mit dem Regisseur.

Herr Guttentag, wie kamen Sie auf die Idee, einen Dokumentarfilm über Nanking zu machen?

Die Idee kam ursprünglich von Ted Leonsis, damals in leitender Position bei AOL, nachdem er den Bestseller „The Rape of Nanking: The Forgotten Holocaust of World War II“, ein Sachbuch von Iris Chang, gelesen hatte. Zunächst fand ich, dass die Begriffe „Schändung Nankings“ und „Holocaust“ nicht in ein und demselben Satz stehen sollten. Aber dann las ich das Buch und war gefesselt. Ich wollte dazu beitragen, dass sich mehr Menschen dieser großen Tragödie bewusst werden.

Vor kurzem hat eine deutsche Zeitung (Der Tagesspiegel) darüber berichtet, dass Japan seine Geschichtslehrbücher umschreibt und bestreitet, dass es während des Zweiten Weltkriegs ein Massaker in Nanking gegeben hat. Was halten Sie davon?

Ich finde es faszinierend, dass dieses Ereignis auch nach 75 Jahren noch Schlagzeilen macht. Es geht hier vor allem um Nationalstolz und darum, das Gesicht nicht zu verlieren. Als ich in China war und an dem Film gearbeitet habe, haben die Leute – was die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs angeht – immer auf Deutschland verwiesen. Sie stellten die rhetorische Frage „Warum kann Japan nicht wie Deutschland sein?“

Wurde ihr Film jemals in Japan gezeigt?

Das ist eine interessante Frage. Der Film wurde buchstäblich überall auf der Welt gezeigt, nur in Japan nicht. Die Kinobetreiber fürchteten, bedroht zu werden und hielten es für zu riskant. Es ist nicht die Absicht des Films, sich gegen Japan zu richten. Zudem spricht Japan nicht mit einer Stimme. Besonders die jüngere Generation ist offener, wenn es um den Zweiten Weltkrieg geht.

Warum ist es Ihnen wichtig, Ihren Film in Deutschland und vor allem an der Freien Universität zu zeigen?

Es ist wichtig, den Film an verschiedenen Orten zu zeigen und ihn mit dem Publikum zu teilen. Wenn man einen Film macht, hofft man, dass es ein universeller Film wird. Ich bin sehr gespannt auf die Reaktionen und Meinungen in Deutschland.

Es gibt auch eine Verbindung zu Deutschland in dem Film. Der Schauspieler Jürgen Prochnow spielt John Rabe, eine Schlüsselfigur. John Rabe war deutscher Geschäftsmann in Nanking und arbeitete für Siemens. Er war Mitglied der NSDAP und rettete dank seiner privilegierten Position und mit viel Mut zahlreiche Menschen. Als er nach dem Krieg verarmte, unterstützte ihn die Bevölkerung von Nanking.

Ich freue mich sehr, den Film einer jüngeren Generation in Berlin zu zeigen. Dabei interessieren mich besonders die Fragen der Studierenden. Außerdem bin ich gespannt, mehr über den Zeitgeist und aktuelle Geschehnisse in Deutschland zu erfahren.

Die Fragen stellte Caroline Rued-Engel

Weitere Informationen

Zeit und Ort

Vortrag Bill Guttentags über Hollywood-Filmindustrie:

  • 8. Juni, 13 bis 16 Uhr
  • Hörsaal 101, Garystraße 21, 14195 Berlin, 14195 Berlin (U-Bhf. Thielplatz oder Dahlem-Dorf, U3)

Filmvorführung „Nanking“ (deutsche Fassung) und Podiumsdiskussion:

  • 9. Juni, 18 Uhr, Henry-Ford-Bau, Max-Kade-Auditorium, Garystraße 35, 14195 Berlin (U-Bhf. Thielplatz oder Dahlem-Dorf, U3)

An der Diskussion am 9. Juni nehmen die Professorin für Theaterwissenschaft, Gertrud Koch, die Sinologie-Professorin Mechthild Leutner sowie der Jura-Professor Klaus Hoffmann-Holland teil, alle von der Freien Universität Berlin. Die Moderation übernimmt der Wirtschaftswissenschaftler Professor Irwin L. Collier vom John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität.

Der Eintritt zu beiden Veranstaltungen ist frei, eine Anmeldung nicht erforderlich.