Arbeit ohne Ende

Wissenschaftler am Management-Department erforschen Mechanismen, die zur Entstehung und Verfestigung von überlangen Arbeitszeiten in Unternehmen führen

13.05.2015

Ständige Verfügbarkeit ist für viele Arbeitnehmer und in vielen Branchen eine Selbstverständlichkeit - auch wenn sie zu Krankheit und Erschöpfung führen kann. Wie lassen sich die dafür verantwortlichen Unternehmensstrukturen verändern?
Ständige Verfügbarkeit ist für viele Arbeitnehmer und in vielen Branchen eine Selbstverständlichkeit - auch wenn sie zu Krankheit und Erschöpfung führen kann. Wie lassen sich die dafür verantwortlichen Unternehmensstrukturen verändern? Bildquelle: Fotolia/Seamartini

Krankschreibung, Burnout, Kündigung – zu langes Arbeiten belastet auf Dauer die Gesundheit, das Privatleben und die Motivation von Arbeitnehmern. Trotz besseren Wissens fällt es vielen schwer, ihr Verhalten zu ändern: „Unsere Forschung zeigt, dass man kürzere Arbeitszeiten nicht einfach verordnen kann“, sagt Blagoy Blagoev, Doktorand am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität. Wie festgefahrene Arbeitszeitstrukturen in Organisationen entstehen und welche Gegenmaßnahmen ergriffen werden können, untersuchen Professor Georg Schreyögg und Blagoy Blagoev im Rahmen des DFG-Projekts „Zur Persistenz der Politik überlanger Arbeitszeiten in deutschen Top-Beratungsgesellschaften“.

Immer wieder werde in Medien und Öffentlichkeit betont, dass viele Arbeitsverhältnisse heutzutage von extremer Beschleunigung und überlangen Arbeitszeiten geprägt seien, sagt Blagoy Blagoev. „In Europa und den USA sind in den letzten Jahren deshalb verschiedenste Work-Life-Balance-Programme auf dem Vormarsch.“ Firmen reagierten damit auf Kritik an belastenden Arbeitsbedingungen, die im schlimmsten Fall zu Burnout und monatelangen Krankschreibungen führten.

Wider besseren Wissens

„In den USA werden den Mitarbeitern inzwischen teilweise Prämien gezahlt, wenn sie ihren Urlaub nehmen“, sagt Blagoev. Daran zeige sich, dass überlange Arbeitszeiten als Problem und Gesundheitsrisiko erkannt würden. Dennoch habe sich an den Arbeitsbedingungen insgesamt eher wenig geändert. „Die meisten Maßnahmen, die einer Überlastung der Mitarbeiter vorbeugen sollen, werden im Alltag nicht gelebt“, sagt Blagoev. In seiner Doktorarbeit suchte der Wirtschaftswissenschaftler nach einer Erklärung, weshalb die in vielen Firmen eingeführten Maßnahmen zur Verbesserung der Work-Life-Balance scheiterten.

Ständige Verfügbarkeit ist zum Normalfall geworden

„Ich habe mich für meine Untersuchung für den Unternehmensberatungssektor entschieden, weil hier die Kultur überlanger Arbeitszeiten besonders ausgeprägt ist“, sagt Blagoev. Die ständige Verfügbarkeit der Mitarbeiter werde in dieser Branche seit geraumer Zeit als Zeichen von Exzellenz und Loyalität gewertet. „Sechzehn Stunden Arbeit am Tag, Einsätze am Wochenende und vier Übernachtungen im Hotel pro Woche sind in vielen Firmen der Normalfall“, sagt Blagoev. Häufig würden die Arbeitsbedingungen dabei von den Betroffenen gar nicht als außergewöhnlich wahrgenommen: „Für viele zählt ein Feierabend um 22 Uhr als Idealfall.“ Für Externe seien diese Strukturen sehr auffällig, intern gebe es aber einen hohen Grad an Selbstverständlichkeit – nicht selten werde gar mit Stolz darüber berichtet, wie hart man gearbeitet habe.

Ineffizientes Arbeiten

Als problematisch habe sich im Laufe der Untersuchung nicht die Menge an Arbeit herausgestellt, sondern die Strukturen, in die sie eingebettet war. „Arbeitszeit wurde nicht effizient genutzt und zum Teil sogar abgesessen“, sagt Blagoev. Für den Einzelnen sei es aber kaum möglich, früher nach Hause zu gehen. Das liege daran, dass etwa firmeninterne Besprechungen regelmäßig in die späten Abendstunden gelegt würden, da die meisten Berater tagsüber in den von ihnen betreuten Unternehmen seien. „Viele Praktiken haben wenig mit effizientem Arbeiten zu tun, werden aber trotzdem angewandt, weil sie sich so eingebürgert haben und offenbar von den Kollegen und Vorgesetzten erwartet werden.“

Weg in die Sackgasse

Als Grundlage für seine Forschung diente dem Wirtschaftswissenschaftler die Theorie der organisationalen Pfadabhängigkeit, die am Graduiertenkolleg „Pfade organisatorischer Prozesse“ zu einem Phasen-Modell weiterentwickelt wurde. „Organisationale Pfadabhängigkeit bedeutet, dass sich im Laufe der Zeit, getrieben durch sich selbstverstärkende Prozesse, bestimmte Routinen herausbilden, die sich anschließend nicht oder nur schwer verändern lassen“, erklärt Blagoev. „Man spricht dann davon, dass diese Routinen in ein Lock-in, eine Sackgasse, geraten sind.“ Dadurch entwickele sich eine ganz eigene, innere Dynamik, an die sich Mitarbeiter anpassten und aus der sie sich irgendwann kaum mehr befreien könnten.

Den Pfad brechen

Ein solches Lock-in habe sich offenbar auch in der von ihm untersuchten Firma entwickelt. „Vieles spricht dafür, dass Pfadabhängigkeit der Grund dafür ist, dass dort an überlangen Arbeitszeiten trotz ihrer negativen Auswirkungen festgehalten wird.“ Dies zeige sich auch daran, dass Versuche, das Zeitregime zu ändern, bislang gescheitert seien. „Um positive Veränderung herbeizuführen, muss man versuchen, die verfestigten Pfade zu brechen“, erklärt Blagoev. Dazu bedürfe es spezieller Mittel und Methoden, welche die selbstverstärkende Logik des Systems adressierten. „Einfache Änderungsprogramme sind zum Scheitern verurteilt.“

Das untersuchte Unternehmen sei in Hinblick auf überlange Arbeitszeiten keineswegs ein Einzelfall, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler. Vielmehr handele es sich um ein Problem, das in vielen Topberatungsunternehmen bestehe. Es sei deshalb naheliegend, anzunehmen, dass die Ursachen auf einer höheren Ebene angesiedelt seien. „Um Lösungsvorschläge machen zu können, ist es von essentieller Bedeutung, die übergeordneten Prozesse zu untersuchen und auf die Dynamik der gesamten Branche zu schauen.“

Beratungsgesellschaften in Deutschland im Visier

Im Rahmen des kürzlich angelaufenen DFG-Projekts „Zur Persistenz der Politik überlanger Arbeitszeiten in deutschen Top-Beratungsgesellschaften“ nehmen Professor Georg Schreyögg und Blagoy Blagoev daher nun das gesamte Feld der wichtigsten Beratungsgesellschaften in Deutschland ins Visier. „Unsere These ist, dass eine Branchenpfadabhängigkeit besteht“, sagt Blagoev. Demnach können einzelne Beratungsfirmen in Deutschland aktuell wenig an der Politik überlanger Arbeitszeiten ändern, weil dies aus der jeweiligen Einzelperspektive massive Wettbewerbsnachteile zur Folge hätte. „Wir hoffen, im Rahmen unserer Forschung konkrete Handlungsvorschläge ausarbeiten zu können, wie Firmen oder sogar die ganze Branche sich aus diesem Dilemma befreien können.“