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Die internationale Gastprofessur Geschlechterforschung soll zum dritten Mal besetzt werden / Vorschläge bis 30. April möglich

14.04.2015

Internationaler Frauentag 2008 in Korgnegane, Provinz Bougouriba in Burkina Faso (Westafrika).
Internationaler Frauentag 2008 in Korgnegane, Provinz Bougouriba in Burkina Faso (Westafrika). Bildquelle: Wikipedia / Hugues
Dr. Anita Runge, Geschäftsführerin des GenderNet an der Freien Universität, wünscht sich in der Genderforschung einen stärkeren Austausch zwischen Wissenschaftlern aus westlichen und nicht-westlichen Ländern, etwa Asien, Südamerika oder Afrika.
Dr. Anita Runge, Geschäftsführerin des GenderNet an der Freien Universität, wünscht sich in der Genderforschung einen stärkeren Austausch zwischen Wissenschaftlern aus westlichen und nicht-westlichen Ländern, etwa Asien, Südamerika oder Afrika. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Sie hat das Vorlesungsverzeichnis der Freien Universität Berlin noch ein bisschen vielfältiger gemacht: die internationale Gastprofessur für Geschlechterforschung („Dahlem International Network Professorship for Gender Studies“). Und auch die Geschlechterforschung selbst hat durch die Einrichtung und ihre Vertreterinnen neue Impulse erfahren. Nach der kanadischen Politikwissenschaftlerin Verónica Schild und der iranischen Archäologin Leila Papoli Yazdi wird die Professur nun zum dritten Mal ausgeschrieben. Ein Interview mit Anita Runge, Geschäftsführerin des GenderNet, einem Kommunikations- und Innovationsnetzwerk der Geschlechterforschung und Gleichstellung an der Freien Universität, über ideale Kandidatinnen und Kandidaten.

Frau Runge, wer wird für die Besetzung der internationalen Gastprofessur für Geschlechterforschung gesucht?

Über die Fachbereiche, Institute und großen Drittmittelprojekte der Freien Universität Berlin können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Ländern und allen Disziplinen vorgeschlagen werden. Da die gesuchte Person jedoch mit Kolleginnen und Kollegen an der Freien Universität kooperieren soll, sollte die Kategorie Geschlecht ein zentraler Bestandteil ihrer Forschungen sein, und sie sollte in ihrer wissenschaftlichen Arbeit möglichst einen Bezug zu aktuellen Fragestellungen der Geschlechterforschung an der Freien Universität haben.

Das heißt, dass Personen aus allen Fächern in Frage kommen, also auch aus den Naturwissenschaften?

Ja, auch im Bereich der Naturwissenschaften gibt es Anknüpfungspunkte. In der Physik lehrt beispielsweise die Wissenschaftshistorikerin Elvira Scheich, die sich mit Geschlechterverhältnissen und -asymmetrien in den Naturwissenschaften beschäftigt. In der Mathematikdidaktik forscht Anina Mischau unter anderem zu der Frage, wie mathematische Inhalte didaktisch so aufbereitet und vermittelt werden können, dass sich Jungen und Mädchen gleichermaßen angesprochen fühlen und erfolgreich zum Studienabschluss geführt werden.

Wie sieht es in der Medizin aus?

Eine Gastprofessur in Kooperation mit dem Institut für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) der Charité – dem gemeinsamen medizinischen Fachbereich von Freier Universität und Humboldt-Universität – oder der an der Freien Universität angesiedelten Focus Area „Disease in Human Aging“ (DynAge) wäre ebenfalls wünschenswert. Allerdings sind Wissenschaftlerinnen in naturwissenschaftlichen Disziplinen, vor allem, wenn sie zu den wenigen gehören, die in diesem Bereich Geschlechterforschung betreiben, international oft schon recht gut vernetzt; da besteht bei den Geistes- und Sozialwissenschaften, zumindest in einigen Teilbereichen, eher Nachholbedarf.

Woran liegt das?

Vor allem Sprachbarrieren verhindern die wechselseitige Wahrnehmung. Forschung, die nicht auf Englisch erscheint, wird oft nicht rezipiert. Die kanadische Politikwissenschaftlerin Verónica Schild, die die Gastprofessur im Wintersemester 2013/14 als Erste besetzt hat, hat dies in ihrer Antrittsvorlesung thematisiert. Die Kanadierin mit deutschen Wurzeln forscht hauptsächlich zu Lateinamerika und arbeitet beim Forschungsnetzwerk „Miseal“ mit, an dem auch die Freie Universität beteiligt ist. Sie ist in drei Kulturen zu Hause – in der angloamerikanischen, der spanischen und der deutschen Sprach- und Wissenschaftskultur. Insofern sieht sie die Probleme einer durch die englische Wissenschaftssprache dominierten internationalen Kooperation sehr deutlich und ist eine gute Vermittlerin.

Was erhoffen Sie sich darüber hinaus?

Dass es mit Kolleginnen und Kollegen aus nicht-westlichen Ländern, etwa aus Asien, Südamerika oder Afrika, zu einem intensiven Austausch kommt – und dass sich die überwiegend westlich geprägte Geschlechterforschung dadurch in ihren vermeintlichen Gewissheiten irritieren lässt. Das ist auch für die Geschlechterforschung an der Freien Universität gewünscht und sehr wichtig.

Was sind solche Reibungspunkte?

Die Archäologin Leila Papoli Yazdi, die im vergangenen Wintersemester an der Freien Universität forschte und lehrte, gehört als Expertin für Körpergeschichte im Iran zu den Wissenschaftlern, deren Arbeitsmöglichkeiten eingeschränkt wurden. Für sie bot die Gastprofessur die Möglichkeit, frei zu arbeiten. Sie hat diese Chance genutzt und dabei die Grenze zwischen Wissenschaft, Kunst oder Performance immer wieder überschritten: zum Beispiel in ihrer als (Selbst-)Inszenierung gestalteten Antrittsvorlesung. Oder auch in der Ausstellung „Category O“ mit Postern, Videos und Soundexperimenten, die sie zusammen mit Studierenden vorbereitet hat. Diese Grenzgänge haben zu interessanten, teilweise auch kontroversen Reaktionen und Diskussionen geführt.

Oftmals wird Geschlechterforschung immer noch eher von Frauen betrieben. Wie sieht es mit den Wissenschaftlern aus?

Selbstverständlich können auch Wissenschaftler vorgeschlagen werden für die Besetzung der „Dahlem International Network Professorship for Gender Studies“. Entscheidend sind die besonderen Qualifikationen und Kooperationsmöglichkeiten, die sich aus den wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkten der vorgeschlagenen Personen ergeben. Inzwischen engagiert sich eine Reihe von Kollegen in der Geschlechterforschung, nicht zuletzt in der kritischen Männlichkeitsforschung, die ja ein wichtiges Feld in der Geschlechterforschung darstellt. Wir hoffen, dass für die „Dahlem International Network Professorship for Gender Studies“ Personen aus verschiedensten Ländern und mit vielfältigen, spannenden Forschungsschwerpunkten nominiert werden.

Die Fragen stellte Nina Diezemann

Weitere Informationen

„Dahlem International Network Professorship for Gender Studies“

Über die „Internationale Gastprofessur für Geschlechterforschung" sollen hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Ausland mit ausgewiesener Expertise in der Geschlechterforschung angesprochen werden. Vorschlagsberechtigt sind Professorinnen und Professoren der Freien Universität, insbesondere Leiterinnen und Leiter von Projekten der Geschlechterforschung und Sprecherinnen und Sprecher interdisziplinärer Verbundforschungsprojekte.

Die Anträge müssten bis zum 30. April 2015 bei der Stabsgruppe Internationale Netzwerkuniversität eingereicht werden.

Weitere Informationen und die aktuelle Ausschreibung