Freie Universität Berlin


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Heimatsprache Deutsch

Seit 2001 geben Studierende der Freien Universität Flüchtlingen und Asylbewerbern ehrenamtlich Deutschunterricht

13.02.2015

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ – wusste schon Erich Kästner. In einer Serie stellt campus.leben ehrenamtliches Engagement von Beschäftigten und Studierenden der Freien Universität vor.
„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ – wusste schon Erich Kästner. In einer Serie stellt campus.leben ehrenamtliches Engagement von Beschäftigten und Studierenden der Freien Universität vor. Bildquelle: Fotolia
Kai Brokopf von Multitude e.V. beim Deutschunterricht in der Zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge (ZASt) in Spandau.
Kai Brokopf von Multitude e.V. beim Deutschunterricht in der Zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge (ZASt) in Spandau. Bildquelle: Annika Middeldorf

„Deutsch zu lernen, ist Voraussetzung, um am gesellschaftlichen Leben in Deutschland teilnehmen zu können“, sagt Kai Brokopf. Der Lehramtsstudent der Freien Universität ist einer von etwa 100 Ehrenamtlichen der Initiative „Multitude e.V.“, die Flüchtlingen in Berlin kostenlose Deutschkurse anbietet. Den Vorgängerverein „Deutsch im Asyl“ hatten 2001 zwei Romanistik-Studentinnen der Freien Universität gegründet.

Wie heißt du? Woher kommst du? Wie alt bist du? Für jeden Fremdsprachenlerner sind das typische Einstiegsübungen. Auch Kai Brokopfs Klasse lernt an einem Mittwochabend im Berliner Ortsteil Siemensstadt diese Sätze. Bloß: Seine Deutschlerner wollen keine Fremdsprache lernen, sondern ihre neue „Heimatsprache“: Brokopfs Schülerinnen und Schüler leben in der Zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge (ZASt) in der Motardstraße. Viele von ihnen haben eine strapaziöse Irrfahrt hinter sich, alle eine bewegende Vorgeschichte.

Nun soll Deutschland ihre Heimat werden. Der Verein „Multitude“ versucht, beim Ankommen zu helfen, zumindest was die Sprache betrifft: Vier Mal in der Woche gibt es in Siemensstadt und in drei weiteren Berliner Flüchtlingsheimen zwei Stunden lang kostenfreien Deutschunterricht.

Willkommenszeichen für Flüchtlinge

„Wir sind jeden Abend vier bis acht ehrenamtliche Lehrende, die zwischen 15 und 40 Geflüchtete unterrichten“, sagt Kai Brokopf. Der 27-Jährige studiert Spanisch und Geschichte auf Lehramt an der Freien Universität. Vor knapp zwei Jahren ist er über einen Zeitungsartikel auf „Multitude“ aufmerksam geworden. Mittlerweile unterrichtet er nicht nur, sondern schult auch neue ehrenamtliche Deutschlehrer des Vereins didaktisch.

Neben dem Ziel, Flüchtlinge durch Deutschunterricht am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen und ihnen zu einem selbstbestimmen Leben zu verhelfen, gibt es für die ehrenamtlichen Lehrer einen weiteren Grund, sich zu engagieren: „Wir möchten ein Willkommenszeichen für die Flüchtlinge setzen“, erklärt Brokopf.

Aus der Initiative „Deutsch im Asyl" wurde „Multitude e. V."

Entstanden ist „Multitude e. V.“ aus der Initiative „Deutsch im Asyl“. Katharina Kräling, damals Studentin und heute Dozentin am Institut für Romanistik an der Freien Universität, gründete die Initiative 2001 mit ihrer Kommilitonin Judith Albrecht, damals Ethnologiestudentin. „Anstoß für uns waren Medienberichte, in denen es um Einzelschicksale von Asylbewerbern ging“, erzählt Kräling. „Die waren vom gesellschaftlichen Leben ganz weit weg – nicht nur, weil sie nicht arbeiten oder studieren durften, sondern auch, weil sie kein Deutsch verstanden und sprachen.“

So entstand die Idee zum kostenfreien Deutschunterricht in Berliner Asylbewerber- und Flüchtlingsheimen. Nachdem manche bürokratische Hürde überwunden war, fand vor fast 13 Jahren im Flüchtlingsheim in Siemensstadt der erste Unterricht statt.

Für viele Heimbewohner seien die engagierten Deutschlehrer die einzigen Deutschen gewesen, mit denen sie Kontakt gehabt hätten, erzählt Katharina Kräling. Schnell schlossen sich der Initiative weitere Engagierte an. „Einige von uns haben Asylbewerber und Flüchtlinge bei Behördengängen begleitet, außerdem haben wir deutsche Feste und solche aus den jeweiligen Kulturkreisen der Bewohner gemeinsam gefeiert.“v

Man gewinnt doppelt

„Das Ehrenamt ist natürlich zunächst altruistisch angelegt. Aber man gewinnt auch immer selbst etwas dabei“, sagt die Dozentin. Auch wenn das Schicksal der Heimbewohner sie manchmal ratlos gemacht und traurig gestimmt habe – durch ihr Engagement für die Initiative „Deutsch im Asyl“ habe sie einen anderen Blick auf die eigene Gesellschaft gewonnen und neue Freunde gefunden. „Die Initiative hat gezeigt, dass es Formen der gesellschaftlichen Teilhabe und Gestaltung gibt, die etwas bewegen und verändern können.“

Interessierte, die bei „Multitude e. V.“ mitwirken wollen, bräuchten übrigens keine Lehrerfahrung oder didaktische Ausbildung, sagt Kai Brokopf: „Wichtiger ist uns Kontinuität und Verlässlichkeit.“

Weitere Informationen

Wer sich bei Multitude e. V. als Deutschlehrer engagieren möchte, findet auf der Website des Vereins weitere Informationen. Regelmäßig finden „Einstiegstreffen“ statt. Wer nicht unterrichten möchte, kann sich auch in der Kinderbetreuung einbringen.

Im ersten Teil der Ehrenamts-Serie sprach campus.leben mit Regina Adolphs, Leiterin der Personalabteilung der Freien Universität, über das Ehrenamt als „kollegiale Hilfe“. Um Kurse für ehrenamtliche Lese- und Lernpaten am Weiterbildungszentrum und die Möglichkeit für ehrenamtliches Engagement beim Familienbüro der Freien Universität ging es im zweiten und dritten Teil der Serie. Im nächsten Teil stellt campus.leben zwei ehrenamtliche Helfer des Botanischen Garten und Botanischen Museums vor.