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Den gemeinsamen Ton finden

Musik- und Physikstudent gründet einen Pop- und Jazz-Chor für Studierende aller Berliner Hochschulen

10.11.2014

Etwa 200 Sängerinnen und Sänger kamen zu den ersten Schnupperproben von Unität, dem Chor des Studentenwerks Berlin. Mit "Lean on Me" von Bill Withers ging es los ...
Etwa 200 Sängerinnen und Sänger kamen zu den ersten Schnupperproben von Unität, dem Chor des Studentenwerks Berlin. Mit "Lean on Me" von Bill Withers ging es los ... Bildquelle: Verena Blindow
... und schließlich studierten Bass, Tenor, Alt und Sopran gemeinsam "Viva la Vida" von Coldplay ein.
... und schließlich studierten Bass, Tenor, Alt und Sopran gemeinsam "Viva la Vida" von Coldplay ein. Bildquelle: Verena Blindow
Nach jahrelanger Erfahrung als Chorleiter möchte Sven Ratzel mit "Unität" jetzt sein eigenes Chorprojekt umsetzen.
Nach jahrelanger Erfahrung als Chorleiter möchte Sven Ratzel mit "Unität" jetzt sein eigenes Chorprojekt umsetzen. Bildquelle: Johannes Püschel

Chöre gibt es viele in Berlin, aber Sven Ratzel hat eine Lücke entdeckt: ein hochschulübergreifender Chor für Studierende mit einem breiten Repertoire aus Pop- und Jazz-Stücken. Kurzerhand gründete Sven Ratzel, der Musik an der Universität der Künste und Physik an der Freien Universität Berlin studiert, selbst diesen Chor. Vielfältige Erfahrung als Chorleiter hat er bereits gesammelt, beim Studentenwerk Berlin, das Raum, Instrumente und ein begrenztes Budget zur Verfügung stellt, findet Sven Ratzel Unterstützer. Der Erfolg gibt dem Studenten recht: Zu den ersten Proben von „Unität“ kamen mehr als 200 Sängerinnen und Sänger. Unter ihnen campus.leben-Autorin Verena Blindow. Eine Chorprobe als Selbstversuch.

„Mmmm …“ Ich presse meine Lippen aufeinander und erzeuge den kehligen Ton, der an den Vibrationsalarm eines Handys erinnert. Um mich herum summt es auch, ein vielstimmiges Gebrumm, das Zwerchfell und Mund beben lässt. Gemeinsam mit mehr als 200 anderen jungen Menschen stehe ich im Foyer der TU-Mensa. In der Mitte des Halbkreises steht Chorleiter Sven Ratzel. Er blickt wachsam durch seine Hornbrille und deutet mit den Händen die Tonhöhe an, die wir summen sollen. „Singen ist Körperarbeit!“, hat er gleich zu Beginn der Probe verkündet und ein paar Aufwärmübungen hinterhergeschoben. Er selbst steht auch nicht still, ist ständig in Bewegung. Für die nächste Übung sollen wir langsam durch den Raum laufen und uns den Ton unseres Nachbarn genau anhören. „Vergleicht ihn mit eurer eigenen Stimme“, lautet die Anweisung des Chorleiters. „Nur keine Scheu.“

Ein wenig Scheu habe ich doch. Meine Chorerfahrung liegt bei null, und mit meinen Sangeskünsten konnte ich bislang höchstens meinen Duschkopf beeindrucken. Entsprechend nervös laufe ich summend zwischen den Studenten umher. „Merkt ihr, wie sich der Ton verändert?“, fragt Sven Ratzel gespannt. Ich merke gar nichts, nur, dass meine Lippen langsam taub werden. Doch bevor ich dazu komme, die Chorleiterqualitäten des schwarz gelockten Physik- und Musikstudenten ernsthaft anzuzweifeln, stellen sich alle Chormitglieder im Halbkreis auf und stimmen gemeinsam einen Ton an. Und jetzt höre ich es doch: Das Summen hat sich verändert, es ist gleichmäßig geworden. Aus dem „Mmm“ wird langsam ein klares „Aah“. „Wir haben unseren Ton gefunden!“, triumphiert Sven Ratzel. „Der Unitäts-Ton ist ein H!“

Die Gemeinschaft im Namen

„Unität“, so heißt dieser neue Chor. Was so viel bedeutet wie Einheit, Übereinstimmung, oder auch: Einzigartigkeit. Damit passt der Name perfekt zu dem Projekt, das vor ziemlich genau einem Jahr in einem Uni-Café geboren wurde. Die Idee entstand während eines Gesprächs zwischen Sven Ratzel und Katharina Hajek, die neu in der Stadt war und Lust hatte, in einem „coolen Chor“ zu singen. Einen solchen schien es nicht zu geben, und Sven Ratzel wollte ohnehin endlich ein eigenes Chorprojekt auf die Beinen stellen. Damit war die Idee zu „Unität“ geboren. Beim Studentenwerk Berlin stießen sie damit auf offene Ohren. „Besonders gut kam die Idee an, durch den Chor Studierende aller Berliner Unis zu verbinden“, erinnert sich Sven Ratzel.

Das Gemeinschaftsgefühl, das durch das Singen entsteht, trägt Unität ebenfalls im Namen. Was das in der Praxis bedeutet, begreife ich, als wir endlich zu dem Teil der Probe kommen, auf den ich hingefiebert hatte: Das erste Lied! Es ist Lean on Me von Bill Withers. Der Chor wird in zwei Gruppen geteilt, die abwechselnd Text und Begleitung singen sollen, und ich merke, wie ich langsam in Schwung komme. Wie von selbst bewege ich mich im Takt. Meine Stimme wird lauter und kräftiger. Ohne dass es ihnen klar ist, machen mir die vielen anderen Sänger Mut. Lean on me, when you’re not strong.

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Chorleiter Sven Ratzel (Mitte) zeigte bei der Probe vollen Körpereinsatz - und steckte damit einige seiner Schützlinge an.
Chorleiter Sven Ratzel (Mitte) zeigte bei der Probe vollen Körpereinsatz - und steckte damit einige seiner Schützlinge an. Bildquelle: Verena Blindow
Wer gut singen will, muss üben. Das hat auch campus.leben-Mitarbeiterin Verena Blindow gemerkt, als sie sich die Noten nach der Probe noch einmal anschaute.
Wer gut singen will, muss üben. Das hat auch campus.leben-Mitarbeiterin Verena Blindow gemerkt, als sie sich die Noten nach der Probe noch einmal anschaute. Bildquelle: Stephan Töpper

Ein Chor zum Mitmachen

Sven Ratzel betont, dass dieser Chor ein Experiment sei. Er habe noch so viele Ideen. „Ich möchte ausprobieren, wie Unität zusammen mit einer Band klingt“, sagt der 32-Jährige strahlend. „Also wenn jemand von euch ein Instrument spielt und Lust darauf hat, nur zu!“ Der Kopf der zukünftigen Band, Daniel Markovski, begleitet uns auf dem Keyboard. Außerdem werden helfende Hände gebraucht, um die Technik vor den Proben aufzubauen. „Unität ist ein Mitmach-Chor“, sagt Sven Ratzel.

Er selbst singt von Kindesbeinen an in Chören und hat auch als Chorleiter einige Erfahrung gesammelt: Aktuell betreut er neben Unität vier weitere Chöre. Katharina Hajek kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit und die Organisation. Außerdem gehören Keyboarder Daniel Markovski und Stimmtrainer Johannes Püschel fest zum Team. Jeder Sänger beteiligt sich mit einem Mitgliederbeitrag von 25 Euro, „denn Noten und Arrangements kosten Geld“, erklärt Kommunikationsstudentin Katharina Hajek.

Alt und Sopran, Bass und Tenor

Im Foyer der Mensa in der Hardenbergstraße in Berlin-Charlottenburg sind wieder alle in Bewegung. Der Chorleiter möchte jetzt alle Sängerinnen und Sänger in die verschiedenen Stimmen einteilen. Ich weiß nicht, ob ich Alt oder Sopran bin, merke aber, dass es anderen ähnlich geht: „Wenn ihr nicht genau wisst, welche Stimme ihr seid, dann stellt euch einfach zwischen beide Gruppen“, sagt Sven Ratzel. Gesagt, getan.

Schnell zeigt sich, dass es in diesem Chor deutlich mehr Frauen als Männer gibt. Besonders der Bass ist dünn besetzt. Sven Ratzel hofft, dass im Laufe der Zeit mehr Männer dazukommen. „Eigentlich ist so ein Chor doch der beste Ort, um Frauen kennenzulernen“, sagt er augenzwinkernd. Die Probe nimmt er aber trotz aller Scherze sehr ernst und widmet sich jeder Stimme einzeln, damit alles richtig klingt. Wieder zeigt sich, wozu die Übungen gut sind: Als alle gemeinsam eine kurze Melodie singen, scheint der ganze Raum zu vibrieren.

Es folgt eine Pause. Inzwischen ist mehr als eine Stunde vergangen. Für die Probe sind insgesamt zweieinhalb Stunden angesetzt, von 18.30 bis 21 Uhr. Ich bin ein wenig erschöpft und habe Hunger. Um mich herum bilden sich kleine Grüppchen, Wasserflaschen und Snacks werden ausgepackt, Eindrücke ausgetauscht: „Und, wie fandst du es bisher?“ Lautes Gekicher, Wochenendpläne. Viele sind mit Freunden oder Kommilitonen hier. Der Chorleiter ist umringt von Menschen, die etwas von ihm wollen. Andere sind emsig dabei, die Stühle aus der Cafeteria ins Foyer zu tragen. Die zweite Probenhälfte soll im Sitzen stattfinden. Die Sitzgelegenheiten sind bald knapp, aber ich ergattere einen Barhocker, den ich in die hinterste Reihe der Alt-Sängerinnen stelle. Meine Stimmlage, wie ich inzwischen weiß.

Singen ist Körperarbeit

Langsam kehrt wieder Ruhe ein. Notenblätter werden hervorgekramt: Viva la Vida von der britischen Band Coldplay. Nach und nach singen die einzelnen Stimmen Strophen und Refrain. Das Lied handelt von einem König, der ausgedient hat. Zum ersten Mal verstehe ich den Text, obwohl ich das Lied schon oft gehört habe. Es ist nicht einfach, Rhythmus und Melodie wechseln immer wieder. Um mich herum sehe ich konzentrierte und fröhliche Gesichter. Alle scheinen Spaß am Singen zu haben. Der Chorleiter achtet auf jede Kleinigkeit und lässt schwierige Stellen mehrfach wiederholen, bis sie richtig klingen. Seinen Kugelschreiber nutzt er dabei als Taktstock. Dann singen wir mehrstimmig. Ich bekomme eine Gänsehaut.

Gegen halb neun treiben mich Hunger und Müdigkeit nach Hause, noch ist kein Probenende in Sicht. Während Sven Ratzel mit einer Stimme übte, mussten alle anderen warten. Singen heißt eben auch Geduld haben. In meinem Kopf vermischen sich die verschiedenen Gefühle und Eindrücke des Abends. Euphorie, Anspannung, Spaß und Konzentration. Dabei muss ich die ganze Zeit grinsen, wohl wegen der vielen Glückshormone, die durch meinen Körper sausen. Noch Tage später erinnern mich die beiden Ohrwürmer an diese Probe – und machen Lust auf alle, die noch kommen werden.

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Weitere Informationen

Unität – Chor für alle

  • Zeit und Ort: Mittwochs, 18.30 bis 21 Uhr im Mensafoyer, Hardenbergstraße 34, 10623 Berlin
  • Teilnehmen können Studentinnen und Studenten aller Berliner Universitäten und Beschäftigte des Studentenwerks Berlin
  • Teilnahmegebühr: 25 Euro pro Semester
  • Anmeldung bis Ende November 2014 unter unitaetberlin@gmail.com
  • Weitere Informationen: www.facebook.com/unitaetberlin