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Auch ein Berliner Historiker: Zum Tod von Hans-Ulrich Wehler

Ein Nachruf seines Schülers Paul Nolte

08.07.2014

Prof. Dr. Hans-Ulrich Wehler prägte durch seine Forschung die Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik Deutschland. 1970 lehrte er am John-F.-Kennedy-Institut der Freie Universität Berlin.
Prof. Dr. Hans-Ulrich Wehler prägte durch seine Forschung die Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik Deutschland. 1970 lehrte er am John-F.-Kennedy-Institut der Freie Universität Berlin. Bildquelle: Universität Bielefeld

Am 5. Juli 2014 ist der Historiker Hans-Ulrich Wehler an seinem jahrzehntelangen Wohn- und Arbeitsort Bielefeld im Alter von 82 Jahren verstorben. Wehler war nicht irgendein Vertreter seines Faches, der modernen Geschichte vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, sondern eine ganz außergewöhnliche intellektuelle Persönlichkeit – man hat ihn schon als den bedeutendsten und einflussreichsten deutschen Historiker der Nachkriegszeit und der Bundesrepublik überhaupt bezeichnet. Für kurze Zeit wirkte er auch an der Freien Universität.

Am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien erhielt Hans-Ulrich Wehler 1970 seine erste Professur, die er jedoch schon ein Jahr später zugunsten eines Rufes an die neugegründete Universität Bielefeld wieder verließ.

Dennoch wirft seine Station in Berlin ein Schlaglicht auf seine Karriere und auf eine Geschichtswissenschaft, deren Aufbrüche und Umbrüche Hans-Ulrich Wehler seit der Mitte der sechziger Jahre entscheidend geprägt hat: Amerika hat ihn, wie viele seiner Generation im Übergang vom Nationalsozialismus in die Bundesrepublik, persönlich, politisch und akademisch tief beeinflusst. 1952/53 gehörte er zu den frühen Fulbright-Stipendiaten, aber von bedingungsloser Verehrung des großen westlichen Alliierten war er weit entfernt, wenn er kritisch nach den Ursprüngen des amerikanischen Imperialismus im späten 19. Jahrhundert fragte.

Diese Forschungen brachten ihn auch ans John-F.-Kennedy-Institut – freilich zugleich deshalb, weil er andernorts und in seinem Hauptarbeitsgebiet, der deutschen Geschichte des Kaiserreichs, nicht zum Zuge kam: Wegen seiner linksliberalen politischen Neigungen und seiner früh erkennbaren Lust an polemischer Zuspitzung eckte er an; wegen seiner Bevorzugung einer theoriegeleiteten Geschichte, die auch eine vorbehaltlose Aneignung ökonomischer und marxistischer Ansätze einschloss, glaubte man, ihn von Lehrstühlen fernhalten zu müssen.

In Bielefeld konnte Hans-Ulrich Wehler seine Vorstellungen von einer neuen, an westlichen Vorbildern orientierten, kritisch-sozialwissenschaftlichen Historie umsetzen: Etwa mit der Gründung der Zeitschrift „Geschichte und Gesellschaft“ 1975 und mit der Arbeit an seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“, die er schließlich 2008 mit fünf Bänden und etwa viertausend Seiten abschloss. Geschichte sollte nicht mehr von den politischen Ereignissen, sondern von den gesellschaftlichen Strukturen und Prozessen her verstanden werden. Das gilt manchen heute schon wieder als antiquiert, weil sie an subjektiven Erfahrungen interessiert sind statt an übergreifenden Strukturen, an „Kultur“ oder „Wissen“ statt an der Gesellschaft.

Gewiss, das Fach entwickelt sich weiter, aber Wehler und seinen Mitstreitern ist für die deutsche Geschichtswissenschaft wesentlich das zu verdanken, was in Frankreich die Schule der „Annales“ vorgemacht hatte: die Einsicht, dass alle Dimensionen menschlichen Lebens eine Geschichte haben und zur Geschichte gehören; dafür stand bei ihm der Begriff der „Gesellschaft“.

Gleichwohl konnte man ihn immer auch als einen politischen Historiker bezeichnen: Seine Arbeiten kreisen, Max Weber folgend, um Gefüge von Macht und Herrschaft; sein Erklärungsproblem blieb politisch motiviert: Wie war der Nationalsozialismus gerade in Deutschland möglich, und was sind die sozialen Bedingungen einer liberalen Demokratie? Diese Frage führte Hans-Ulrich Wehler seit den achtziger Jahren dazu, vor allem seit dem „Historikerstreit“, sich immer öfter in aktuelle gesellschaftliche und politische Debatten einzumischen, bis hin zu seinen jüngsten Attacken gegen neue soziale Ungleichheiten der Gegenwart. So war er längst einer der bedeutendsten öffentlichen Intellektuellen des Landes, dessen Name im historischen Rückblick in einem Atemzug mit Jürgen Habermas oder Ralf Dahrendorf genannt werden muss. Ab jetzt wird seine kritische Stimme fehlen.

Paul Nolte