Freie Universität Berlin


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Wissenschaft als Fußball-Orakel

Die Professoren Jürgen Gerhards, Michael Mutz und Gert Wagner haben eine wissenschaftliche Methode entwickelt, um das WM-Ergebnis vorherzusagen

05.06.2014

Wer macht das Tor? Passende Prognosen zu solchen Fragen sind beim „kicktipp"-Spiel der Freien Universität gefragt. Erfolgreichen Tippern winkt ein Tipp-Kick-Spiel.
Wer macht das Tor? Passende Prognosen zu solchen Fragen sind beim „kicktipp"-Spiel der Freien Universität gefragt. Erfolgreichen Tippern winkt ein Tipp-Kick-Spiel. Bildquelle: Stephan Töpper

Manche hielten es mit Krake Paul, andere mit dem Affen Eli. Orakel haben zur Vorhersage von Sportergebnissen jedenfalls Hochkonjunktur. Wer wissenschaftlich fundierte Prognosen schätzt, findet sie bei Jürgen Gerhards von der Freien Universität Berlin und seinen Kollegen Michael Mutz (Universität Göttingen) und Gert Wagner (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung). Bereits vier Mal haben die Forscher erfolgreich den Sieger einer Fußball-Europameisterschaft oder -Weltmeisterschaft vorhergesagt. Ob sie auch in diesem Jahr recht behalten werden? Campus.leben im Gespräch mit dem Soziologie-Professor Jürgen Gerhards über Faktoren, die zu Gewinnern machen, den „Ronaldo-Effekt“ und Geheimtipps für die WM.

Herr Professor Gerhards, Sie und Ihre Kollegen Michael Mutz und Gert Wagner haben eine wissenschaftliche Methode entwickelt, um Ergebnisse von Fußballspielen vorherzusagen. Wie funktioniert sie?

Zunächst hängt es davon ab, ob es sich um Ligaspiele oder Nationalmannschaftsspiele handelt. Für den Ligafußball haben wir vier Parameter ausfindig gemacht, nach denen wir Mannschaften bewerten und ihren Erfolg prognostizieren. Der wichtigste ist der Marktwert. Profifußball hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend „vermarktlicht“ und globalisiert. Die Spieler stehen ständig unter Beobachtung, ihr jeweiliger Wert wird nach ihrem Leistungsvermögen eingeschätzt. Deswegen ist der Marktwert der Spieler einer Mannschaft ein wichtiger Faktor, um den Erfolg eines Teams einzuschätzen. Wir nehmen die Summe der Werte der einzelnen Spieler und ermitteln so einen Mannschaftswert.

Andere Faktoren sind bei Nationalmannschaften weniger wichtig. Etwa der Faktor der kulturellen und sprachlichen Heterogenität der Mannschaft – der beispielsweise in Ligamannschaften dazu führen kann, dass kulturell heterogen zusammengesetzte Mannschaften größere Abstimmungsprobleme haben und eine Mannschaft deswegen weniger erfolgreich ist. Das spielt bei Nationalmannschaften natürlich keine Rolle.

Ein dritter Faktor ist das Wechselverhalten der Mannschaft, der Kauf und Verkauf von neuen Spielern. Eine zu hohe Fluktuation im Kader wirkt sich negativ auf die Routine und damit auf den Erfolg einer Mannschaft aus. Für Nationaltrainer kann es wichtig sein, „Achsen“ zu bilden. Also beispielsweise eine „Achse“ mit Bayern- und eine mit Dortmund-Spielern, weil diese aufeinander eingespielt sind.

Der letzte Faktor ist die Ungleichheit innerhalb des Kaders. Nehmen wir an, eine Fußballmannschaft hätte nur zwei Spieler. Und beide hätten einen Marktwert von 5 Millionen Euro. Dann läge der Mannschaftswert bei 10 Millionen Euro. Spielten diese beiden gegen eine weitere Mannschaft, deren Spieler einen Wert von 1 Million und neun Millionen Euro hätten, hätte die erste Mannschaft trotz des gleichen Marktwerts höhere Gewinnchancen, weil die Mannschaft ausgeglichener ist. Das wird beispielsweise bei Portugal deutlich. Hier gibt es den „Ronaldo-Effekt“. Christiano Ronaldo lässt mit seinem Marktwert von 100 Millionen Euro die Mannschaft stärker erscheinen, als sie ist.

Was interessiert Sie als Wissenschaftler an derartigen Prognosen?

Die Idee, den Ausgang von Fußballspielen auf diese Weise vorherzusagen, entstand aus einer Partylaune heraus. Aber der Spaß hat einen wissenschaftlich ernsthaften Hintergrund, denn die Faktoren, mit denen wir arbeiten, lassen sich auch auf andere Bereiche übertragen. Nehmen wir den Transfer von Spielern. Auch bei Forscherteams gilt, dass man eine gute Mischung aus Routine einerseits und Veränderung andererseits benötigt. Manche Organisationen denken „Jetzt hole ich mir noch einen weiteren guten Forscher von außerhalb, dann habe ich das perfekte Team“. Aber hier gibt es einen Grenznutzen, weil zu häufige Wechsel eingespielte Routinen stören können.

Was ist Ihr WM-Tipp – auf welche Mannschaften sollte man setzen?

Im Unterschied zu früheren Weltmeisterschaften wird es dieses Jahr echt spannend. Das wird eine knappe Kiste, weil sich die Marktwerte der Mannschaften angenähert haben. Wir haben diesmal fünf Mannschaften, nämlich Spanien, Deutschland, Brasilien, Argentinien und Frankreich, die ziemlich nah beieinander liegen, wobei Deutschland und Spanien die höchsten Marktwerte auf die Waage bringen. Belgien hat sehr gut aufgeschlossen und gilt zu Recht als Außenseiterfavorit. Die Gruppenauslosung ist zudem für die nach der Marktwertmethode bestimmten Favoriten sehr glücklich, weil sie nach unserer Berechnung erst ziemlich spät im Turnier aufeinandertreffen werden. Wir tippen für das Endspiel auf Spanien gegen Deutschland. Im Viertelfinale könnte nach unserer Kalkulation Deutschland wahrscheinlich gegen Frankreich spielen, da sollte es für die Franzosen nicht mehr weitergehen. Das sagen jedenfalls die Zahlen. Im Halbfinale könnte dann das Team von Löw auf Brasilien treffen. Auch hier sollte die deutsche Mannschaft die Nase vorn haben. Allerdings entscheiden beim Fußball, gerade in K.O.-Spielen, auch zufällige Faktoren – Gott sei Dank, sonst wäre es ja langweilig.

Die Fragen stellte Krishan van der Kooi

Eine Anwendung der hier vorgestellten Prognose-Methode findet sich im jüngsten Heft der „Zeitschrift für Soziologie“.

Weitere Informationen

„Kicktipp"-Spiel der Freien Universität

Die Freie Universität veranstaltet ihr eigenes Tippspiel zur WM in Brasilien.

Auf der „kicktipp“-Plattform können Fußballbegeisterte sich anmelden, um anschließend ihre Prognosen einzutragen.

Den drei Bestplatzierten winken je ein Tipp-Kick-Spiel und zwei Spielfiguren in den Trikots der Lieblingsmannschaften.