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„Politik ist klein, grau und schweißtreibend“

Neue Diskussion aus der Reihe „Wissenschaft trifft Politik" zum Thema „Wie viel Show verträgt die Politik?“

12.09.2013

v.l.n.r.: Stephan-Andreas Casdorff (Tagesspiegel), Wolfgang Thierse (SPD), Monika Grütters (CDU), Margreth Lünenborg und Oskar Niedermayer (beide Freie Universität)
v.l.n.r.: Stephan-Andreas Casdorff (Tagesspiegel), Wolfgang Thierse (SPD), Monika Grütters (CDU), Margreth Lünenborg und Oskar Niedermayer (beide Freie Universität) Bildquelle: Kai-Uwe Heinrich

Am 22. September ist Bundestagswahl – befürchtet wird eine niedrige Beteiligung. Wie aber lassen sich Wähler mobilisieren? Wie gelingt es, Interesse an Politik zu wecken, Inhalte zu vermitteln und Alternativen sichtbar zu machen? In einer vom Tagesspiegel, der Schwarzkopf-Stiftung und der Freien Universität veranstalteten Gesprächsrunde diskutierten Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) und die CDU-Bundestagsabgeordnete Monika Grütters mit der Kommunikationswissenschaftlerin Margreth Lünenborg und dem Politologen Oskar Niedermayer von der Freien Universität: über den Sinn und Zweck von TV-Duellen, den Unterhaltungswert von Bundestagssdebatten und die Rolle der Medien im Wahlkampf.

Während der ausgesprochen kurzweiligen Diskussion war an diesem Abend Langeweile immer wieder Gesprächsthema: Langeweile im Parlament und auch im Wahlkampf. Für den Parteienforscher Professor Oskar Niedermayer vom Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität ist dieser Bundestagswahlkampf zwar arm an Konflikten, aber nicht an Themen: „Wir hatten zum Beispiel das Thema NSA und Datenspionage. Das hat nur die Bevölkerung kalt gelassen und war insofern das falsche Wahlkampfthema“.

Eine ständige Emotionalisierung in politischen Debatten wie in Wahlkampfzeiten könne man gar nicht aushalten, sagte der scheidende Bundestagsvizepräsident. Für Thierse ist die alltägliche politische Arbeit und Auseinandersetzung „klein, grau und schweißtreibend“. Meistens ginge es auch nicht „um Himmel und Hölle“.

Dass über die komplexen Prozesse hinter den Parlamentskulissen – die „Herstellungspolitik“, wie es Niedermayer nannte – nicht berichtet wird, ist für die Kommunikationswissenschafts-Professorin Margreth Lünenborg nachvollziehbar. Massenmediale Berichterstattung sei notwendig und Unterhaltung könne nicht schaden. Das halte die Kommunikation über ein Thema am Laufen. Daher sei auch über Stefan Raabs Exkurs in den politischen Journalismus im TV-Duell viel geredet worden.   

Wenn sich schon die Emotionen nicht an den Inhalten entzünden, wie steht es dann mit den Personen, wollte Moderator Stephan-Andreas Casdorff, Chefredakteur des Tagesspiegels, wissen. Ist eine gute Performance wichtiger als ein starkes inhaltliches Konzept? „Die Erwartungen an einen Politiker sind mittlerweile enorm“, sagte Monika Grütters, die ihren siebten Wahlkampf bestreitet. Von Speed-Dating bis hin zu diversen Quizspielen sei schon alles dabei gewesen. Grütters beklagte, dass Politiker immer mehr in die Rolle eines Entertainers gedrängt würden. Irgendwann müsse Schluss sein, so Grütters, die offen bekannte, dass sie sich im Vorfeld des Wahlkampfs hatte coachen lassen.

Selbst das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück, das fast 18 Millionen Menschen auf vier Fernsehsendern verfolgt haben, konnte die Wahlkampf-Langeweile nicht wirklich vertreiben. „Das war ein normiertes, standardisiertes Format mit Inszenierungsritualen und kein wirkliches Duell“, sagte Margreth Lünenborg.

Für Oskar Niedermayer besteht die Schwierigkeit in diesem Wahlkampf darin, dass fast alle Parteien ähnliche Ziele verfolgen und sich nur darin unterscheiden, welchen Weg sie dafür einschlagen wollen. Das mache einen Wahlkampf eben weniger aufgeladen.

Welche Rezepte gibt es nun gegen die Langeweile? Wolfgang Thierse ließ sich vom Beispiel des britischen Unterhauses inspirieren, wo sich einmal wöchentlich der Regierungschef auf engstem Raum der Kritik der Abgeordneten stellt. Oder doch eine Art rhetorischer Qualitäts-Check, den Stephan-Andreas Casdorff halbernst ins Spiel brachte? Darauf angesprochen lud Thierse den Tagesspiegel-Mann zu einer Fraktionssitzung der SPD ein. „Das ist der Ort, wo wir einander zuhören, die Kollegen argumentativ kennenlernen und uns im kommunikativen Miteinander auch bewerten.“