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„Wir sind hier im Lager, nicht im Westen“

Der Roman „Lagerfeuer“ von Alumna Julia Franck demnächst als Adaption im Kino

08.07.2013

Der Roman "Lagerfeuer" von Julia Franck wurde als Kinofilm adaptiert
Der Roman "Lagerfeuer" von Julia Franck wurde als Kinofilm adaptiert Bildquelle: Stephan Töpper
Im Gespräch: Julia Franck (mitte), Christian Schwochow (links) und Alexander C. T. Geppert (rechts)
Im Gespräch: Julia Franck (mitte), Christian Schwochow (links) und Alexander C. T. Geppert (rechts) Bildquelle: Stephan Töpper
Das ehemalige Notaufnahmelager Marienfelde, das heute als Übergangswohnheim für Flüchtlinge und Asylbewerberinnen und Asylbewerber genutzt wird.
Das ehemalige Notaufnahmelager Marienfelde, das heute als Übergangswohnheim für Flüchtlinge und Asylbewerberinnen und Asylbewerber genutzt wird. Bildquelle: Stephan Töpper

Rund 1,3 Millionen DDR-Flüchtlinge und -Übersiedler durchliefen von 1953 bis 1990 in Marienfelde das Notaufnahmeverfahren. Im Notaufnahmelager Marienfelde wurden sie aufgenommen und betreut, bevor sie in die elf Länder der alten Bundesrepublik weitergeleitet wurden. Der 2003 erschienene Roman „Lagerfeuer“ von Julia Franck erzählt die Geschichte von vier Menschen, deren Leben eng mit dem 1953 gegründeten Notaufnahmelager verbunden ist. Das Buch der Schriftstellerin und Alumna der Freien Universität ist im vergangenen Herbst verfilmt worden. Nun trafen sich Julia Franck und Regisseur Christian Schwochow an dem Ort zum Gespräch, der zwischen DDR-Flucht und Ankunft in West-Berlin lag.

Vier Erzähler: Da ist Nelly Senff, die mit ihren beiden Kindern aus der DDR nach West-Berlin geflüchtet ist. Im Notaufnahmelager Marienfelde trifft sie den Schauspieler Hans Pischke, der schon seit längerer Zeit an diesem Ort des Transits lebt. Dann sind da die Polin Krystyna Jablonowska und John Bird, ein Mitarbeiter des US-amerikanischen Geheimdienstes. Sie alle verbindet dieser Ort im West-Berliner Süden, der für viele Flüchtlinge eigentlich kein Platz der Freiheit war. „Wir sind hier im Lager, nicht im Westen“, heißt es im Buch.

„Welche Bedeutung hat dieser Übergangsort und welche Rolle spielten autobiografische Erfahrungen?“, fragte der Historiker Alexander C. T. Geppert, der eine Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe an der Freien Universität Berlin leitet und der das Gespräch moderierte.

Für Julia Franck, die als Kind in der DDR aufwuchs und 1978 selbst einige Monate im Notaufnahmelager Marienfelde verbrachte, sind die Ungewissheit und die Bruchstellen in den Lebenswegen der Menschen wichtige Themen des Romans. Die Enge im Notaufnahmelager, die fehlende Trennung von Privatsphäre und Öffentlichkeit sind Erinnerungen, die nicht nur Julia Franck umtrieben, sondern die auch Zeitzeugen aus dem Publikum in der anschließenden Diskussion schilderten. „Die Frage der Identität, des Dazugehörens hat mich sehr beschäftigt“, sagte die Schriftstellerin und wunderte sich, dass noch 25 Jahre nach dem Mauerfall vielen Schriftstellern der „DDR-Stempel“ aufgedrückt werde.

„Das Buch hat mich sehr berührt“, sagte Christian Schwochow, der ebenfalls in der DDR aufwuchs und mit 11 Jahren in die Bundesrepublik kam. „Diesen Roman muss ich verfilmen“, sagte Schwochow und erinnerte sich dabei an den Moment, in dem er zum ersten Mal „Lagerfeuer“ gelesen hatte. Über eine gemeinsame Bekannte kontaktierte er Julia Franck, die an der Freien Universität Jura, Altamerikanistik, Neuere deutsche Literatur und Philosophie studiert hat, und fragte, ob die Filmrechte für ihren Roman noch zu haben seien. Sie waren zu haben.

Einfach war das Vorhaben jedoch nicht. „Es gibt wenig äußeren Plot, es ist ein leiser Text“, sagte Schwochow, der für seine Regie-Arbeit bei der Verfilmung von Uwe Tellkamps „Der Turm“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden ist. Die Geschichten, die vornehmlich aus der Innenperspektive der vier Protagonisten erzählt werden, mussten für die filmische Umsetzung dramatisiert werden. „Wir haben uns im Film auf eine Erzählerin konzentriert, auf Nelly Senff“, sagte Schwochow.

Am Originalschauplatz in Marienfelde konnte nicht gedreht werden – dieser Ort beherbergt nicht nur eine Gedenkstätte, sondern wird mittlerweile als Übergangswohnheim für Flüchtlinge und Asylbewerberinnen und Asylbewerber genutzt. Ein Großteil des Lager-Innenlebens musste deshalb in einer früheren Bundeswehrkaserne in Nordrhein-Westfalen gedreht werden.

Und noch etwas wurde geändert. Aus dem Roman „Lagerfeuer“ ist der Film „Westen“ geworden. „Ich glaube, es tut dem Film  gut, dass er sich vom Roman unterscheidet“, sagte Julia Franck. Der Film kommt voraussichtlich Ende des Jahres in die deutschen Kinos.

Weitere Informationen

„Westen“ (nach dem Roman „Lagerfeuer“ von Julia Franck)

Regie: Christian Schwochow

Drehbuch: Heide Schwochow (frei nach dem Roman von Julia Franck)

Produzenten:

  • Thomas Kufus, zero one film
  • Katrin Schlösser, ö Filmproduktion
  • Christoph Friedel, TERZ Filmproduktion

In den Hauptrollen:

  • NELLY - Jördis Triebel
  • ALEXEJ - Tristan Goebel
  • HANS - Alexander Scheer
  • JOHN BIRD - Jacky Ido
  • KRYSTYNA - Anja Antonowicz