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Modellschönheit mit Macken

Im Februar vor 40 Jahren konnte die sogenannte Rostlaube bezogen werden

13.02.2013

Die "Rostlaube" vor der Sanierung.
Die "Rostlaube" vor der Sanierung. Bildquelle: Reinhard Friedrich
Der Rohbau der "Rostlaube" vor über 40 Jahren
Der Rohbau der "Rostlaube" vor über 40 Jahren Bildquelle: FU Berlin
Die Rostlaube vor der Sanierung, die von 2001 bis 2005 durchgeführt wurde.
Die Rostlaube vor der Sanierung, die von 2001 bis 2005 durchgeführt wurde. Bildquelle: David Ausserhofer
Politische Graffitis an der Außenfassade der Rostlaube.
Politische Graffitis an der Außenfassade der Rostlaube. Bildquelle: Enrico Straub
Die "Rostlaube" im Dezember 2005 - ein Teil der neuen Fassade ist schon zu sehen.
Die "Rostlaube" im Dezember 2005 - ein Teil der neuen Fassade ist schon zu sehen. Bildquelle: Iren Böhme / FU Berlin
Das „Berlin Brain“ entsteht: 2005 wurde die vom britischen Architekten Lord Norman Foster entworfene Bibliothek, die einem Gehirn nachempfunden ist, eingebaut.
Das „Berlin Brain“ entsteht: 2005 wurde die vom britischen Architekten Lord Norman Foster entworfene Bibliothek, die einem Gehirn nachempfunden ist, eingebaut. Bildquelle: Iren Böhme / Freie Universität Berlin
Die Philologische Bibliothek wurde 2006 mit dem "Architekturpreis Berlin" ausgezeichnet.
Die Philologische Bibliothek wurde 2006 mit dem "Architekturpreis Berlin" ausgezeichnet. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Es ist der größte Gebäudekomplex der Freien Universität: eine Lernstadt an der Habelschwerdter Allee 45 für teilweise bis zu 20.000 Studierende und Wissenschaftler, die sich täglich in den Bibliotheken, der Mensa, in den Seminarräumen und Büros aufhalten. Vor 50 Jahren, als das Grundstück bebaut werden sollte, standen hier Apfelbäume. Mit dem innovativen Entwurf eines jungen Pariser Architekturbüros, das die Ausschreibung für das „Obstbau-Gelände“ gewonnen hatte, begann die wechselhafte Geschichte der „Rostlaube“, wie der Gebäudekomplex schon kurz nach seiner Fertigstellung zehn Jahre später etwas spöttisch genannt wurde.

Der Wettbewerbsbeitrag von George Candilis, Alexis Josic, Shadrach Woods und Manfred Schiedhelm – zwei von ihnen waren Mitarbeiter des schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier – wurde von der Jury und den Medien euphorisch gefeiert. Er biete Raum für „eine noch nicht voraussehbare Vielfalt akademischen Lebens“, hieß es in der Begründung der Auswahlkommission. „Eine Modellschönheit, die einfach prämiert werden muss“, lobte die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Ein Baukastensystem französischer Schule

Jean Prouvé, der die Fassadenelemente mit der Außenhaut aus Corten-Stahl gestaltete, sah seinen Beitrag in der Tradition der französischen Pioniere des Eisenbaus wie Gustave Eiffel, dem Erbauer des Eiffelturms, und vergleichbar mit den Autodesigns von Citroën und Renault. Die Architekten bauten nach einem Baukastensystem, durch das das Gebäude theoretisch sowohl in die Höhe als auch in die Breite wachsen können sollte. Der „antihierarchisch“ angelegte Bau sollte auch im Innern den wechselnden akademischen Bedürfnissen angepasst werden können. Die vielen Gänge sollten zum Begegnungsort der Fächer werden, lichte Seminarräume zum Mitdenken einladen. Die Architekten verstanden ihren Entwurf als gebaute Bildungsutopie.

Die Begeisterung für die künftige Architektur-Ikone schwand allerdings schon während der Bauphase. Die Fakultäten beharrten auf voneinander abgegrenzten Instituten. Bereits Probebauten zeigten, dass der Corten-Stahl nicht nur – wie gewünscht – rostete, sondern durchrostete. Zudem erwiesen sich die hübschen, nischenartigen Einbauregale in der Fassade als weniger belastbar als gedacht.

Doch weil die Villen, in denen die Institute damals dezentral untergebracht waren, aus den Nähten platzen, wurde der Neubau vorangetrieben und das Gebäude am 13. Februar 1973 übergeben – mit dreijähriger Verspätung.

Schalensessel und revolutionäre Rauchverbote

Die drei Fachbereiche Germanistik, Romanistik und Geschichte zogen ein. Irmela von der Lühe, damals wissenschaftliche Assistentin für Mediävistik, heute Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin, gehörte zu denen, die ihre Villen 1973 nur ungern verließen, in denen man, wie sie heute sagt, an einem „exklusiven Ort“ eine „besondere Lebensform“ pflegen konnte. Das neue Gebäude war für sie mit Teppichen, bunten Schalensesseln und Schreibtischen mit Hängeregistraturen zwar schick, habe aber auch kalt, sachlich und nüchtern gewirkt.

Schon bald rostete es und regnete durchs Dach, erinnert sie sich: „Jetzt stellen Sie sich mal ein Seminar vor mit 150 Leuten vor, es tropft herein, Rauchschwaden ziehen durch den Raum, und man diskutiert nicht über das Seminarthema, sondern erst einmal nur über die Frage, ob man das Seminarthema überhaupt diskutieren soll, wenn doch in Italien Klassenkampf herrscht und in Nicaragua Hunger!“ Nachdem der Gegenstand des Seminars geklärt war, wurde über Rauchverbote diskutiert und abgestimmt. Das galt als Zeichen revolutionären, demokratischen Denkens. Kippen wurden auf den bunten Teppichböden ausgedrückt. Die nüchternen Wände, die zum freien Denken einladen sollten, füllten sich mit Flugblättern, Plakaten und Parolen. Begeisterung weckte bei der jungen Germanistin vor allem die neue Bibliothek, die die Buchbestände aus den vielen kleinen Villenzimmern in einem hellen Raum zusammenführte – auch wenn man sich beim Aufstehen die Nase an den eleganten Leselampen stieß.

Mit 100.000 Quadratmetern größtes Gebäude

Schon 1977, vier Jahre nach der Eröffnung, war die „Rostlaube“ sanierungsbedürftig. Passend für eine vom Fahrzeugdesign inspirierte Fassade schrieb der „Spiegel“ damals: „Karzinomen gleich fressen sich Rostherde durch das Gehäuse – stellenweise schon wie an den Kotflügeln vergammelnder Autos“. Der heute „Silberlaube“ genannte zweite Bauabschnitt des Gebäudes nach Entwürfen Manfred Schiedhelms wurde deshalb 1978 mit rostfreiem Aluminium verkleidet.

Noch heute ist das fast 100.000 Quatratmeter große Gebäude mit seinen 2.300 Zimmern nicht nur das größte, das die Technische Abteilung der Freien Universität betreut, sondern auch dasjenige, das die meisten Akten produziert hat.

Neuer Glanz und „The Berlin Brain“

Nach der Sanierung 2001 bis 2007, bei der das Architekturbüro des britischen Architekten Lord Norman Foster eine neue, einem Gehirn nachempfundene Bibliothek eingebaut hat und in deren Zuge auch der beim Bau der „Rostlaube" verwendete Asbest beseitigt wurde, ist der Zustand der Siebziger- und Achtzigerjahre kaum noch vorstellbar. Die Philologische Bibliothek bietet nicht nur eine herausragende fächerübergreifende Sammlung geisteswissenschaftlicher Werke zu Forschungszwecken, sie ist auch einer der beliebtesten Lernorte auf dem Dahlemer Campus.

Die denkmalgeschützte „Rostlaube“ erhielt im Zuge des Bibliotheksneubaus eine neue Außenhaut aus Bronze, blieb aber mit ihren bunten Teppichen und Türen, Gärtchen, Nischen und Wendeltreppen ähnlich ausgestattet wie bei der Eröffnung vor 40 Jahren. Auch der Erweiterungsbau für die sogenannten „Kleinen Fächer“ wie Altertumswissenschaften oder Altorientalistik sowie eine naturwissenschaftliche Bibliothek, orientieren sich an der architektonischen Idee von Candilis, Josic, Woods und Schiedhelm. Der Bau schließt an die „Silberlaube“ an und soll 2014 eröffnet werden.

Heute sitzen in den hellen Gängen der „Rostlaube“, in den wie ein Gitternetz verlaufenden „Straßen“,  Studierende mit Laptops auf den Knien. Sie surfen über das Universitätsnetz im Internet, in das das man sich überall im Gebäude einwählen kann. Auch das ist eine Facette der „noch nicht voraussehbaren Vielfalt akademischen Lebens“, für die der Entwurf 1963 prämiiert wurde.