Freie Universität Berlin


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Gegen das Vergessen

90-jähriger Zeitzeuge erinnert sich / Ausstellung „'Russenlager' und Zwangsarbeit" noch bis zum 6. Dezember an der Freien Universität Berlin

16.11.2012

Die Ausstellung "'Russenlager' und Zwangsarbeit. Bilder und Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener" ist noch bis zum 6. Dezember in der Rost- und Silberlaube zu sehen.
Die Ausstellung "'Russenlager' und Zwangsarbeit. Bilder und Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener" ist noch bis zum 6. Dezember in der Rost- und Silberlaube zu sehen. Bildquelle: KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V.
Erzählen gegen das Vergessen: Boris Popow, 90 Jahre alt, berichtet jungen Menschen von seinen Erlebnissen als sowjetischer Kriegsgefangener in deutschen Lagern während des Zweiten Weltkriegs.
Erzählen gegen das Vergessen: Boris Popow, 90 Jahre alt, berichtet jungen Menschen von seinen Erlebnissen als sowjetischer Kriegsgefangener in deutschen Lagern während des Zweiten Weltkriegs. Bildquelle: Lars Nickel

Es sind Bilder, die Bände sprechen: Die Porträtfotos in der Ausstellung „'Russenlager' und Zwangsarbeit", die in der Rost- und Silberlaube an der Habelschwerdter Allee 45 zu sehen sind, zeigen ehemalige sowjetische Kriegsgefangene, die in Lagern Zwangsarbeit verrichten mussten. 5, 7 Millionen sowjetische Gefangene teilten dieses Schicksal, mehr als die Hälfte starb in den Lagern. Einer der Überlebenden ist Boris Popow: Er war mehrere Jahre inhaftiert. An der Freien Universität Berlin erzählte der 90-Jährige seine Geschichte.

Er ist gerade frisch immatrikuliert, als der Krieg beginnt. So beginnt Boris Popow – und schlägt gleich mit den ersten Worten eine Brücke zu den rund 80 Zuhörerinnen und Zuhörern im Hörsaal. Sie waren der Einladung des Vereins „KONTAKTE – KOHTAKTbI“, des AStA und des Präsidenten der Freien Universität gefolgt, um die Geschichte des heute 90-Jährigen zu hören.

Mit 19 Jahren, kurz nach der Einberufung, wurde der 1922 in Leningrad geborene Popow von den Deutschen aufgegriffen und zunächst in ein Lager in Minsk gebracht. Er hat es als „das schlimmste aller Lager“ in Erinnerung. Eine Zeit der Entbehrung begann: „Wir waren immer wieder sechs bis acht Tage ohne Essen, sehr viele starben“, verlas Popow seine Geschichte auf Deutsch.

Nach einiger Zeit wird er in ein zweites Lager verlegt, diesmal in Weißrussland. In dem harten Winter 1941/42 sterben mehr als 40.000 Gefangene. Die Leichen seien auf einem Platz im Lager gestapelt worden, erinnerte sich Popow. Ihm ist bis heute unverständlich, warum die Behandlung der sowjetischen Soldaten während des Zweiten Weltkriegs noch immer in der Weltöffentlichkeit keine Beachtung findet, warum Deutschland bis heute keine Entschädigungszahlungen leistet.

"Wenigstens die Verpflegung war in Mühleberg sichergestellt"

Zumindest Popows Situation sollte sich 1943 etwas verbessern, als er in das deutsche Lager Mühlberg verlegt wird, das kein reines „Russenlager“ ist: Zwar dürfen die Gefangenen nach wie vor keinerlei Kontakt zu ihren Familien aufnehmen und geraten ohne Papiere immer wieder in die Situation, ihre nichtjüdische Herkunft beweisen zu müssen, um so der Deportation zu entgehen.

Doch zumindest die Verpflegung sei sichergestellt gewesen, sagte Popow. Gemeinsam mit französischen Gefangenen arbeitet er beispielsweise im Gemüsegarten: „Die drei Jahre in Mühlberg haben mir das Leben gerettet“, bilanziert er heute in Anbetracht der Haftbedingungen in anderen Lagern, in denen Gefangene etwa in Steinbrüchen und im Bergbau eingesetzt wurden. Mit Deutschen kommt er – mit Ausnahme einer befreundeten Bauernfamilie – dennoch kaum in Kontakt: Die Lagerpolizei rekrutiert sich aus russischen Kriegsgefangenen.    

Nach dem Krieg ging die Verfolgung weiter

Auch mit der Befreiung 1945 nahm der Leidensweg sowjetischer Kriegsgefangener kein Ende: Vielmehr bringt die Rückkehr in die Heimat den Vorwurf von Vaterlandsverrat und Kollaboration mit sich. In rund einem Drittel der Fälle wurden ehemalige Kriegsgefangene zu weiterer Zwangsarbeit im Gulag verurteilt – ein aus heutiger Rechtsauffassung schier unfassbarer Zustand, wie auch Dmitri Stratievski in einem Vortrag nach dem Zeitzeugengespräch erläuterte.

Der gebürtige Ukrainer promoviert am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität über die Repatriierung sowjetischer Kriegsgefangener und berichtete vom immensen bürokratischen Aufwand, den die Sowjetunion betrieb, um die Rückkehrer auf „Schuldigkeit“ zu überprüfen. Unter anderem wegen der harten Auflagen ist die Rede von 100.000 bis 180.000 Menschen, die nach dem Krieg im Westen blieben.

Zeugnis ablegen von dem erlebten Schrecken

Auch für Boris Popow war die Heimkehr nicht ungetrübt: „Ich durfte mich nicht als Einwohner Leningrads melden, wir sollten die Stadt nach 24 Stunden wieder verlassen.“ Er widersetzt sich, findet Arbeit in einem Betrieb, in dem seine Deutschkenntnisse gefragt sind, und zieht in einen Vorort. Erst Jahre später kann er sein Ingenieur-Studium fortführen – bei der Vergabe von Stipendien bleibt er jedoch wegen seiner Vergangenheit benachteiligt.

Während Popow mit Deutschland versöhnt scheint, verurteilt er die Aufarbeitung der Vergangenheit in seiner Heimat: „Nur die Helden des Krieges werden zu Gesprächen mit der Jugend eingeladen“, sagt er – und sieht hier eher die Gefahr einer Idealisierung des Stalinistischen Regimes als erzieherische Anstrengungen, um künftige Kriege zu vermeiden. Deshalb geht er seinem Wunsch, Zeugnis abzulegen von den Schrecken, die er erlebt hat, zumindest in Deutschland nach.

Weitere Informationen

 

Finissage

  • 6. Dezember 2012, 18 Uhr
  • Hörsaal 1a, Silberlaube, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin (U-Bhf. Thielplatz, U 3)

Im Internet

"'Russenlager' und Zwangsarbeit. Bilder und Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener" (pdf)

www.kontakte-kontakty.de