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„Wahlkampf ist immer ein Ausnahmezustand“

Meinung statt Recherche: Wie sich die Krise des Journalismus auf den US-Wahlkampf auswirkt

08.10.2012

Doktorand Curd Knüpfer erforscht die Veränderungen in der amerikanischen Medienlandschaft.
Doktorand Curd Knüpfer erforscht die Veränderungen in der amerikanischen Medienlandschaft. Bildquelle: Gisela Gross

Demokraten und Republikaner brauchen in diesem Wahlkampf ein dickes Fell: Multimillionär Mitt Romney wird in Wahlwerbespots nicht nur als weltfremder Schnösel dargestellt, zuletzt unterstellt man ihm gar die Mitschuld am Tod einer Frau. Die Republikaner schrecken im Gegenzug nicht davor zurück, Reden von Barack Obama sinnentfremdet neu zusammenzuschneiden. „Solche perfiden Filme werden oftmals nur produziert, damit Journalisten darüber schreiben – im Fernsehen sind sie häufig gar nicht zu sehen“, sagt Curd Knüpfer. Der Doktorand forscht an der Graduiertenschule für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin über die Veränderungen in der amerikanischen Medienlandschaft während der vergangenen 20 Jahre.

In diesem Zeitraum habe sich nicht nur die Krise des Journalismus verschärft, auch konservative Medien hätten an Bedeutung gewonnen, sagt Knüpfer. Der Nachrichtenkanal Fox News etwa verzeichne seit der Gründung 1996 immer mehr Zuschauer: „Investitionen Rupert Murdochs haben dazu wesentlich beigetragen.“ Knüpfer hält den Sender für ein Sprachrohr rechtsgelagerter politischer Think Tanks, die von reichen Industriellen unterstützt würden.

Fox News gibt sich unabhängig – obwohl dessen Chef Roger Ailes einst als Berater der Republikaner tätig war und obwohl Bewerber aus den Vorwahlkämpfen wie Rick Santorum als Kommentatoren unter Vertrag standen, wie der Wissenschaftler hervorhebt. Auf Sendung nähmen sie eine Doppelfunktion zwischen Nachrichtensprecher und Meinungsmacher ein. „Das sind letztlich preiswerte Produktionen mit vielen persönlichen Einschätzungen statt aufwendiger Recherche“, sagt Knüpfer.

„Harmonische Geschichten verkaufen sich nicht"

Schöngefärbt wird die Republikanische Partei durch diese Verflechtungen jedoch nicht zwangsläufig: „Harmonische Geschichten verkaufen sich nicht, daher werden bereits seit den Vorwahlkämpfen immer wieder Konflikte konstruiert – und sei es wegen vergleichsweise alberner Kleinigkeiten“, sagt Knüpfer. In solchen Fällen gehen konservative Medien sogar mit „ihren“ Kandidaten kritisch ins Gericht.

Der Doktorand führt dies aber auch auf parteiinterne Veränderungen zurück: Galt die gegenseitige öffentliche Attacke unter Republikanern zu Zeiten Ronald Reagans noch als tabu, verändert heute das Wettrennen um die Macht die Gesetze zwischen Politikern, Medien und Öffentlichkeit. „Wahlkampf ist immer ein Ausnahmezustand“, sagt Knüpfer – und damit ein hochwillkommenes Ereignis bei Journalisten, die in ausgedünnten Redaktionen unter starkem Zeitdruck arbeiten: Sie profitieren von Public-Relations-Material, geben Meinungen wieder und kochen Themen auf diese Weise stets neu auf. „Das setzt sich selbst in der deutschen Presse fort, in der die Positionen der US-Medien wiedergegeben werden.“

Wahlkampf mit der Wahrheit

Politische Inhalte treten dabei ebenso in den Hintergrund wie wichtige Formalien, etwa die Wählerregistrierung oder die Einteilung der Wahlbezirke. „Themen, die die Kandidaten nicht selbst ins Spiel bringen, haben kaum eine Chance auf mediale Beachtung“, sagt Knüpfer. Für den Wähler sei es fast unmöglich, aufgrund politischer Inhalte zu entscheiden. „Oberflächlichkeiten gewinnen dadurch an Relevanz – es ist ein Teufelskreis.“

In den seltenen sachlichen Diskussionen entbrenne schnell Streit um die Deutungshoheit: Beide Parteien sähen sich im Recht und beschuldigten die Gegenpartei der falschen Perspektive, konstatiert Knüpfer. Barack Obamas Wahlkampfleitung habe aus diesem Grund sogar eine PR-Gruppe mit dem Namen „Truth Team“ eingerichtet, das im Internet auf Lügen der Republikaner hinweise – anstatt den eigenen Kandidaten zu bewerben. „Eigentlich beobachte ich bei meiner Forschung immer wieder Parallelen zu früher. Aber wie offensiv dieses Mal mit der elementaren Frage nach Wahrheit Wahlkampf betrieben wird, erscheint neu – und dabei fast schon primitiv“, sagt Knüpfer.

Obamas Strategie zeuge von der Schwäche der US-Medien: Bereits seit einiger Zeit haben auch unabhängige „Fact Checker“-Websites deren Kontrollfunktion übernommen. „Es ist ein Armutszeugnis für die Medien, dass sie diese Rolle nicht mehr ausfüllen.“ In den Redaktionen sind anscheinend neue beleidigende YouTube-Videos gefragt – ganz gleich, gegen welchen Kandidaten.

 

Podiumsdiskussion

Der US-amerikanische Präsidentschaftswahlkampf ist in vollem Gange. Passend dazu wird William M. Chandler, Professor für Politikwissenschaft an der University of California – San Diego, am Montag, den 8. Oktober 2012, gemeinsam mit Miranda A. Schreurs, Professorin für Politikwissenschaft der Freien Universität, über die Chancen beider Kandidaten diskutieren. Zur Sprache kommen werden auch die möglichen Auswirkungen auf die US-amerikanische Politik und die transatlantischen Beziehungen. Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt.

Zeit und Ort:

  • Montag, 8. Oktober 2012, 16.00-17.30 Uhr
  • Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, Ihnestraße 22, Raum 3.1.c, 14195 Berlin.