Alles einkalkuliert

Tagung UniFinanz an der Freien Universität diskutiert über die neue Kostenrechnung an den Hochschulen

22.08.2012

Die Tagung „Vollkosten- und Trennungsrechnung – Chancen und Risiken für die Steuerung von Hochschulen“ findet am 14. September im Henry-Ford-Bau der Freien Universität statt.
Die Tagung „Vollkosten- und Trennungsrechnung – Chancen und Risiken für die Steuerung von Hochschulen“ findet am 14. September im Henry-Ford-Bau der Freien Universität statt. Bildquelle: fotolia
Andrea Syring leitet die Stabsstelle Berichtswesen und -systeme der Freien Universität.
Andrea Syring leitet die Stabsstelle Berichtswesen und -systeme der Freien Universität. Bildquelle: Juliane Bartsch

Der Titel klingt etwas sperrig, aber das Thema ist haushaltspolitisch brisant: „Vollkosten- und Trennungsrechnung – Chancen und Risiken für die Steuerung von Hochschulen“ heißt die Tagung aus der Reihe UniFinanz, zu der die Freie Universität Berlin für den 14. September 2012 einlädt. Interessierte können sich bis zum 31. August anmelden. Campus.leben sprach mit Andrea Syring, der Leiterin der Stabsstelle Berichtswesen und -systeme der Freien Universität.

Frau Syring, warum ist genau dieses Thema für die Tagung gewählt worden?

Das Thema beschäftigt derzeit alle Universitäten. Denn die Europäische Union hat die Hochschulen verpflichtet, eine Vollkosten- und Trennungsrechnung einzuführen. Die meisten Hochschulen haben schon Konzepte entworfen oder mit der Einführung begonnen, aber die Umsetzung der neuen Kostenrechnung stellt alle vor relevante Probleme.

Was versteht man unter Vollkosten- und Trennungsrechnung?

Hochschulen finanzieren sich nicht nur aus dem Budget, das sie vom Land bekommen, sondern zunehmend auch über Drittmittel. Das sind Gelder aus öffentlicher Forschungsförderung, von Stiftungen oder aus Aufträgen aus der Wirtschaft. Wenn Beschäftigte in diesem Rahmen zum Beispiel Gutachten erstellen oder kostenpflichtig Weiterbildung anbieten, treten sie damit in Konkurrenz zu privatwirtschaftlichen Anbietern vergleichbarer Leistungen. Die EU-Richtlinie verpflichtet die Hochschulen nun, Finanzierung und Kosten dieser wirtschaftlichen Tätigkeiten nicht nur getrennt von den Tätigkeiten auszuweisen, die mit Geld aus dem Landestopf bestritten werden. Die Hochschulen müssen künftig auch alle „versteckten“ Kosten – wie die Nutzung von Personal, Büro- oder Laborräumen – in den Angebotspreis einkalkulieren. Auf diesem Weg will die EU eine Wettbewerbsverzerrung am Markt verhindern, ebenso wie eine Quersubventionierung wirtschaftlicher Aktivitäten aus öffentlichen Haushaltsmitteln. Denn Firmen müssen solche Infrastrukturkosten ja auch einkalkulieren und sind damit zwangsläufig teurer.

Wie hoch ist der Anteil der Einnahmen aus diesen wirtschaftlichen Tätigkeiten am Budget der Freien Universität, und welche Leistungen werden damit vergütet?

Es handelt sich dabei nur um Einnahmen aus Auftragsforschung oder Serviceleistungen, für die es noch andere Anbieter auf dem freien Markt gibt. Das sind vor allem wissenschaftliche Dienstleistungen wie Gutachten oder die Untersuchungen von Laborproben, aber auch forschungsfremde wirtschaftliche Aktivitäten wie medizinische oder veterinärmedizinische Patientenversorgung, Weiterbildungsangebote oder Sportkurse. Der Anteil dieser Leistungen beträgt knapp vier Prozent, bei einem Gesamtbudget von rund 400 Millionen Euro.

Die Vorgaben der EU klingen doch schlüssig – wo sehen die Hochschulen Risiken?

Die Hochschulen fürchten vor allem, dass der Administrationsaufwand extrem steigen wird. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Finanzämter Rechenschaft sogar über die kleinsten wirtschaftlichen Aktivitäten verlangen. Wenn beispielsweise als Nebenprodukt bei der Forschung mit Bienen noch ein paar Gläser Honig zum Verkauf abfallen, dann muss man sich fragen, ob das den Wettbewerb am Markt wirklich gravierend verzerrt. Da steht der Verwaltungsaufwand für die Vollkosten- und Trennungsrechnung in keinem Verhältnis zum Nutzen. An der Freien Universität haben mehr als die Hälfte der wirtschaftlichen Projekte einen Umfang von 25.000 Euro und weniger. Wir brauchen deshalb pragmatische Regelungen in der Abrechnung solcher Klein- und Kleinstaktivitäten, wie zum Beispiel Pauschalen.

Die Dienstleistungen der Hochschulen würden sich mit der Vollkostenrechnung auch verteuern. Wird das als weiteres Risiko gesehen?

Ja, die Wissenschaftler fürchten natürlich einen Wettbewerbsnachteil gegenüber dem Status quo. Die Erfahrungen von Universitäten, die schon nach der neuen Art abrechnen, zeigen aber, dass diese Sorge unbegründet ist. Die Zahl der Aufträge ist nicht kleiner geworden, die Auftraggeber akzeptieren, dass zu Vollkosten abgerechnet wird.  Aber es gibt eine andere Konsequenz: Viele Politiker sehen es höchst ungern, wenn die Hochschulen für Weiterbildungsstudiengänge Gebühren erheben – wozu sie die EU-Richtlinie aber verpflichtet. Das ist ein Widerspruch, den die Politik zur Kenntnis nehmen muss.

Was bedeutet die neue Abrechnungsweise für die Mitarbeiter in den Fachbereichen?

Wir haben an der Freien Universität ein Umsetzungskonzept für die EU-Richtlinie erarbeitet, das die Belastungen für Forscher und Mitarbeiter so gering wie möglich hält. Zum Beispiel werden wir die Wissenschaftler nicht dazu verpflichten, alle erbrachten Arbeitszeiten für die Preisgestaltung kleinstteilig aufzuschreiben. Dort genügen Schätzwerte. Bevor die Wissenschaftler in Verhandlungen mit einem Auftraggeber einsteigen, muss die Angebotskalkulation aber künftig von der Drittmittelverwaltung geprüft und freigegeben werden. Und natürlich müssen die Fachbereiche erst einmal eindeutig identifizieren, wo es in ihrem Bereich eine wirtschaftliche Aktivität gibt, die nach Vollkostenrechnung kalkuliert werden muss.

Im Titel der Tagung ist auch von Chancen die Rede. Wo liegen die?

Forschung ist zunehmend projektfinanziert, und viele Auftraggeber erwarten heute, dass die Universität einen Teil der Kosten für die Leistung, die die Hochschule erbringt, aus Grundmitteln zuschießt. Mit der neuen Rechnungsweise wird deutlich, was Forschung und wissenschaftliche Dienstleistung wirklich kosten. Die Hochschulen können einen Preis verlangen, der den tatsächlichen Kosten entspricht, und nehmen damit auch mehr Drittmittel ein. Das kann langfristig die Chance eröffnen, die völlige Abhängigkeit von der Kassenlage der Öffentlichen Hand zu relativieren.

Weitere Informationen

Die Tagung „Vollkosten- und Trennungsrechnung – Chancen und Risiken für die Steuerung von Hochschulen“ findet statt am 14. September im Henry-Ford-Bau der Freien Universität.

Für Universitätsmitarbeiter gibt es eine verbilligte Teilnahmegebühr von 70 Euro.

Anmeldeschluss ist der 31. August 2012.

Programm und Anmeldung

www.fu-berlin.de/unifinanz