Wenn der Stress zur Krankheit wird

In der Hochschulambulanz der Freien Universität finden Menschen mit psychischen Störungen Hilfe

11.10.2011

Ein Schwerpunkt der Hochschulambulanz der Freien Universität liegt auf der Behandlung von Angststörungen und Depressionen.
Ein Schwerpunkt der Hochschulambulanz der Freien Universität liegt auf der Behandlung von Angststörungen und Depressionen. Bildquelle: Eduard Titov - Fotolia.com
Psychologiestudentin Pauline Neumann absolviert ein studienbegleitendes Praktikum in der Hochschulambulanz.
Psychologiestudentin Pauline Neumann absolviert ein studienbegleitendes Praktikum in der Hochschulambulanz. Bildquelle: Lina Kokaly

Pauline Neumann winkt freundlich lächelnd durch die gläserne Tür des Sekretariats. Die 24-Jährige muss noch ihr Telefonat zu Ende führen, bevor sie Zeit für ein Gespräch hat. Wer in diesen Wochen die Telefonsprechstunde der Hochschulambulanz der Freien Universität nutzt, erreicht Pauline: Die Psychologiestudentin absolviert zurzeit ein studienbegleitendes Praktikum in der psychotherapeutischen Einrichtung der Universität.

In der Hochschulambulanz finden Menschen mit psychischen Störungen, Depressionen und Angstzuständen Hilfe – etwa bei den 12 Therapeuten, die Verhaltenstherapien anbieten. „Wir sind hier spezialisiert auf soziale Ängste", erklärt Pauline, die im dritten Semester den Masterstudiengang Klinische- und Gesundheitspsychologie an der Freien Universität studiert. „Zu uns kommen Menschen, die in alltäglichen Situationen Angst haben.“

Aufregung, zum Beispiel beim Bewerbungsgespräch, kenne jeder. Bei manchen sei dieser Stress aber so stark ausgeprägt, dass solche Situationen vermieden würden. „Das kann dazu führen, dass sich die Patienten immer mehr isolieren und schließlich sogar vor Smalltalk auf Partys zurückschrecken."

Seit der Eröffnung 270 Menschen geholfen

Das Angebot der Hochschulambulanz richtet sich ausdrücklich an alle Berliner; nicht nur an Studierende. Leiden diese besonders stark unter Stress, bekommen sie Hilfe bei der Studierendenberatung der Freien Universität. Die Hochschulambulanz wurde 2009 eröffnet. Seitdem konnte hier 270 Menschen geholfen werden. Pauline betreut in der Hochschulambulanz nicht nur die Telefonsprechstunde, hauptsächlich nutzt sie die Zeit in der Einrichtung, um zu hospitieren: „Hier gibt es Einzel- und Gruppentherapien. Wenn die Patienten nichts dagegen haben, darf ich an den Sitzungen teilnehmen", sagt sie.

Gerade diese praxisnahen Einblicke in die Diagnostik und Behandlung psychischer Störungen seien für die Studierenden wichtig, sagt Professorin Babette Renneberg, Leiterin der Hochschulambulanz: „Auch in Seminaren und Vorlesungen stellen Therapeuten Fälle aus der Hochschulambulanz vor und erläutern die konkreten Behandlungsschritte. Natürlich nur mit dem ausdrücklichen Einverständnis der Patienten.

Neben den Gruppenprogrammen „Soziale Angststörungen" und „Den Ruhestand genießen" - eine Veranstaltung, die sich an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kurz vor oder nach dem Ruhestand richtet - sind weitere Forschungsprojekte geplant: „Wir wollen uns auf die Diagnostik von Autismusspektrum- Störungen im Erwachsenenalter spezialisieren. Die Ambulanz kooperiert auch in Forschungsverbünden und großen -projekten zur Behandlung von chronischen Depressionen und sozialen Angststörungen. In einer weiteren Studie geht es um die Behandlungsansätze zu Folgestörungen von schweren Traumatisierungen", erläutert Babette Renneberg.

Rote Magneten am Türrahmen signalisieren: Bitte nicht stören!

Die Ambulanz verfügt über Gruppen- und Einzeltherapieräume, einen Wartebereich und das gläserne Sekretariat. Rote Magneten am Türrahmen signalisieren: Bitte nicht stören! - Hier findet gerade ein Therapiegespräch statt. „Menschen haben gelernt, sich in Situationen auf bestimmte Weise zu verhalten", erläutert Pauline den Ansatz der Verhaltenstherapie. „Hier lernen sie, anders zu reagieren.“

Indem den Patienten diese Lernmechanismen bewusst gemacht werden, können Verhaltensmuster umgelernt werden. „Wir spielen beispielsweise in einer Gruppentherapie die belastenden Stresssituationen nach und nehmen das mit einer Videokamera auf. Schauen sich die Patienten die Aufnahme an, entdecken sie häufig, dass man ihnen den Stress gar nicht so sehr ansieht", sagt Pauline.

Paulines Berufswunsch, Psychotherapeutin zu werden, hat sich durch ihre Hospitanz in der Hochschulambulanz gefestigt: „Mir gefällt die starke Verbindung zur Uni, und dass ich hier die Möglichkeit habe, richtigen Patienten zuzuhören." Aus einem der Therapieräume dringt Gelächter. Pauline klärt auf: „Natürlich ist die Situation zunächst ernst, wenn die Betroffenen von ihren Problemen erzählen. Aber wenn sie dann Hilfe bekommen und beispielsweise in der Gruppentherapie erkennen, dass sie nicht alleine mit ihren Ängsten sind, entspannt sich die Stimmung auch schnell."