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„Plötzlich waren die Faschisten eingefallen“

Zeitzeugen erinnern sich im Online-Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945" an den 22. Juni 1941, als die deutsche Wehrmacht in die Sowjetunion einfiel

22.06.2011

Taissa T. im Interview des Online-Archivs "Zwangsarbeit 1939-1945"
Taissa T. im Interview des Online-Archivs "Zwangsarbeit 1939-1945" Bildquelle: © Freie Universität Berlin 2011

Mit dem 22. Juni 1941 begann das nationalsozialistische Deutschland einen rassistischen Vernichtungskrieg: Die deutsche Wehrmacht fiel damals mit knapp 3 Millionen Soldaten in die Sowjetunion ein und überzog die Bevölkerung mit jahrelanger Besatzungsherrschaft, Terror und Zwangsarbeit. Viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, deren Erlebnisse in lebensgeschichtlichen Audio- und Video-Interviews in einem Online-Archiv an der Freien Universität festgehalten werden konnten, können sich noch gut an diesen Morgen erinnern.

Taissa T. war 17 Jahre alt, als die sowjetische Bevölkerung am 22. Juni 1941 im Radio über den Kriegsbeginn informiert wurde. „Zuerst war Stille und dann verkündete die Stimme Molotows die Nachricht, dass der Krieg ausgebrochen sei: Plötzlich waren die Faschisten eingefallen, das faschistische Deutschland hat ohne Kriegserklärung die Grenze überquert und das Bombardement eröffnet. Seit vier Uhr morgens bombardierten sie bereits die Städte.“

Rund 2,1 Millionen Menschen aus der Sowjetunion wurden als „Ostarbeiter“ nach Deutschland verschleppt oder mussten in den besetzten Gebieten Zwangsarbeit leisten. Als 18-Jährige wurde Taissa T., die 1924 in Henitschesk bei Cherson in der Ukraine geboren wurde, nach Deutschland deportiert und zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie ausgesucht: „Die Soldaten führten uns durch die Stadt zu irgendeinem Platz […] und wir saßen bis zum Abend dort auf diesem Platz. Es begann schon, dunkel zu werden. Ja, und dann kamen einige Deutsche in Zivilkleidung und wählten sich welche von uns aus. Sie wählten, wer ihnen gefiel.“

Online-Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945" an der Freien Universität Berlin

Taissa T. musste für die Gebrüder Thiel Seebach GmbH in Thüringen arbeiten. Nach der Befreiung 1945 kehrte sie in ihre Heimat zurück und arbeitete später als Lehrerin. Viele andere ehemalige „Ostarbeiter“ wurden nach ihrer Befreiung der Kollaboration mit den Deutschen bezichtigt und oft jahrzehntelang diskriminiert.

Das Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945“ an der Freien Universität bewahrt die Erinnerungen von 590 ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus 26 Ländern. Taissa T. ist eine von ihnen. Wie sie und andere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen den 22. Juni 1941 erlebten, zeigen ausgewählte Interview-Ausschnitte.

Heute, am 22. Juni 2011, eröffnet in Moskau die Internationale Wanderausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg". Die von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora erarbeitete und von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ finanzierte Ausstellung zeigt neben zahlreichen Bildern und Dokumenten auch Interview-Ausschnitte mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus dem Online-Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945".