Freie Universität Berlin


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„Warum nicht zusammenwächst, was zusammengehört“

Podiumsdiskussion über die „Zustände und Befindlichkeiten im vereinigten Deutschland“

03.12.2010

(v.l.n.r.): Richard Schröder, Daniel Körfer, Gesine Lötzsch, Klaus Schroeder
(v.l.n.r.): Richard Schröder, Daniel Körfer, Gesine Lötzsch, Klaus Schroeder Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Über Ängstlichkeit, Klischees und unterschiedliche Mentalitäten bei Ost- und Westdeutschen: Auf Einladung des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) diskutierten miteinander Professor Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbunds SED-Staat an der Freien Universität, Richard Schröder, SPD-Fraktionsvorsitzender in der letzten Volkskammer der DDR und emeritierter Philosophie-Professor der Humboldt-Universität, sowie Gesine Lötzsch, Vorsitzende der Partei Die Linke.

„Meine These ist: Die Stimmung ist wesentlich schlechter als die Lage“, eröffnete Klaus Schroeder die Gesprächsrunde. Auch nach 20 Jahren staatlicher Einheit fehle es an einer gemeinsamen Identität. Dabei könnten die Deutschen auf das nach der Vereinigung Geschaffene in Ost und West stolz sein, sagte der Politologe.

„Es war keine einheitliche Zeit“

Die Themen DDR und der deutsch-deutsche Vereinigungsprozess sind auch 20 Jahre nach der Vereinigung hochaktuell und umstritten. Das zeigte die zeitweise hitzige Diskussion, die von Daniel Koerfer vom VBKI – der auch Honorarprofessor am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität ist – moderiert wurde, ebenso wie die Reaktionen des Publikums im vollbesetzten Goldberger Saal im Ludwig-Erhard-Haus. Dass innerhalb von 40 Jahren DDR „nicht alles einheitlich“ war und es verschiedene Phasen gab, hob Gesine Lötzsch hervor. Außerdem wies sie darauf hin, dass Mentalitätsunterschiede nicht nur zwischen Ost- und Westdeutschen bestünden, sondern auch zwischen Nord- und Süddeutschen. Richard Schröder bezeichnete als wichtigen Unterschied in beiden Staaten die Zeit der Achtundsechziger-Bewegung: „In der DDR ist diese Phase ausgefallen.“

Subjektiv mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten

Einig waren sich die Diskussionspartner darüber, dass Mentalitäten und Befindlichkeiten subjektiv wahrgenommen werden und dass zwischen den früher unterschiedlichen Systemen und der eigenen Lebenswelt differenziert werden müsse. „Viele Menschen in beiden Landesteilen machen diese Unterscheidung nicht, weshalb sie wieder mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West sehen“, sagte Klaus Schroeder.

Abweichungen würden insbesondere in dem gesehen, was die Menschen im Leben für wichtig hielten, welche Mentalität sie hätten, und wie sie dächten und fühlten. „Es muss zwar nicht stimmen, was die Leute denken, aber sie denken es mehrheitlich“, betonte der Zeithistoriker. „Erst wenn wir unsere freiheitlich-demokratische, zivile Gesellschaft als gemeinsames Projekt verstehen und dennoch alle Unterschiede akzeptieren, können wir auch so zusammenwachsen, wie es meiner Meinung nach notwendig ist“, schloss Schroeder.

Veranstaltet wurde die Gesprächsrunde vom Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI). Der 1879 gegründete Verein ist einer der ältesten deutschen Wirtschaftsklubs. Er versteht sich als Forum der Berliner Wirtschaft sowie Brückenbauer und Mittler zu Wissenschaft und Kultur. Im Unterschied zu anderen Vereinigungen ist der VBKI nicht nur Netzwerk, sondern will Einfluss nehmen auf die Entwicklung der Stadt. Dabei engagiert sich der VBKI in wachsendem Umfang gemeinnützig und fördert Kultureinrichtungen und soziale Projekte.