Rudi Dutschke, Plätzchenraub und Warzenschweine

Das Universitätsarchiv der Freien Universität sammelt Geschichte

27.07.2010

Bei Archivmitarbeiterin Irene Jentzsch kommen Abspielgeräte mit Sammlerwert zum Einsatz.
Irene Jentzsch Bildquelle: Sabrina Wendling

6.500 laufende Meter Akten, 30.000 Fotos, 2.500 Plakate und 1.000 Tonbänder. Das Universitätsarchiv der Freien Universität gehört zu den größten deutschen Hochschularchiven. Dort finden sich Dokumente aus dem Nachlass von Professoren sowie historische Materialien – angefangen bei den Gründerjahren der Freien Universität bis heute.

„Das ist mein Museum“, sagt Irene Jentzsch, als sie ihre Bürotür öffnet. Sie zeigt auf eine Regalwand mit einem Sammelsurium an alten Abspielgeräten. Gleich hinter der Tür steht eine Nähmaschine – oder besser: ein Gerät, das mit seiner Größe und zahlreichen Spulen aussieht wie eine Nähmaschine. „Das ist ein Filmprojektor für 16-Millimeter-Filme“, erklärt Jentzsch. Sie ist die Fachfrau für Audiovisuelle Medien im Universitätsarchiv.

Das Gerät ist ein Geschenk aus dem Privatbesitz eines Musikers des Collegium Musicum der Freien Universität. Gut 25 Kilogramm wiegt das Schwergewicht, kaum vergleichbar mit einem Videorekorder oder einem DVD-Spieler. Das Gerät ist ein Modell aus den 50er Jahren und noch immer voll funktionsfähig. Weitere Geräte zur Wiedergabe von Tonbändern in unterschiedlichsten Bandgrößen und Abspielgeschwindigkeiten finden sich in den Regalen. Ihre kleine Antiquitätensammlung hilft Irene Jentzsch dabei, auch Tonbänder aus den vierziger und fünfziger Jahren auszuwerten und – wenn sie archivwürdig sind – sie digitalisieren zu lassen.

Auf dem Schreibtisch der Archiv-Angestellten tummelt sich so allerlei: So kann es schon einmal passieren, dass aus dem Büro von Irene Jentzsch ein Grunzen ertönt. Die Archivkollegen wundern sich dann nicht, denn sie wissen: Die Warzenschweine paaren sich mal wieder – auf dem Bildschirm, versteht sich. Zum Bestand des Universitätsarchivs gehören nämlich auch Filme des Tierfilmers und ehemaligen Studenten der Freien Universität Reinhard Radke, zum Beispiel über „Das Liebesleben des Warzenschweins“.

"Tonbänder haben Zeitzeugenqualität"

Die ältesten Filme stammen aus der Gründungszeit der Freien Universität: 1949 wird der studentische Alltag dokumentiert, 1954 die Eröffnung des Henry-Ford-Baus. Zu den spannendsten Zeitzeugendokumenten gehören für Irene Jentzsch Tonbänder aus den revolutionären Studentenjahren: Es ertönt dumpfer Applaus. „Dutschke“, nuschelt einer ins Mikro und kündigt damit den nächsten Redner an. Laut und entschlossen, mit einem leichten Lispeln, spricht daraufhin Rudi Dutschke vor einer Studentenversammlung zum Thema „Internationale Konterrevolution“ am 20. Oktober 1967, Hintergrund der Veranstaltung sind die Proteste gegen den Vietnam-Krieg. Manchmal muss Jentzsch schmunzeln, wenn sie die alten Bänder abhört: „Zum Beispiel, wenn eine Protestveranstaltung mit der stolzen Verkündung beginnt, dass der Keksvorrat des Rektors geplündert wurde.“

Doch auch wenn manches Dokument etwas eigentümlich anmuten mag: „Die Filme und Tonaufnahmen sind wichtig, auch weil sie oft die einzige Quelle sind, wenn Reden nicht schriftlich vorliegen“, sagt Jentzsch, „diese Dokumente haben Zeitzeugenqualität.“

Das Universitätsarchiv ist übrigens nicht nur „Abladestelle“ für Dokumente oder Ansprechpartner für Recherchen: Auch wenn es darum geht, Dokumente systematisch zu ordnen oder nach Brand- und Wasserschäden zu retten, helfen die Archivare den Mitarbeitern der Freien Universität gern weiter.