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„Es gibt keinen guten Grund, an Poseidon, Jehova oder Allah zu glauben“

Vortrag des US-amerikanischen Philosophen Daniel Dennett an der Freien Universität über “Neuen Atheismus“

24.06.2010

Der US-amerikanische Philosph Daniel Dennett gilt als einer der Vertreter des "Neuen Atheismus"
Der US-amerikanische Philosph Daniel Dennett gilt als einer der Vertreter des "Neuen Atheismus" Bildquelle: Jan Hambura

Der Hörsaal war gut gefüllt. Und das, obwohl der Anpfiff des Länderspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Ghana kurz bevorstand. Der Grund des Publikumsinteresses war Daniel Dennett. Der US-amerikanische Philosoph hielt auf Einladung des Dahlem Humanities Center (DHC) und des Instituts für Religionswissenschaft der Freien Universität einen Vortrag über die „Evolution und Zähmung von Religionen“.

Daniel Dennett, Philosophie-Professor an der Tufts University in Medfort, Massachusetts (USA) und Autor des Bestsellers „Den Bann brechen. Religion als natürliches Phänomen“, zählt neben dem Schriftsteller Sam Harris, dem Biologen Richard Dawkins und dem Publizisten Christopher Hitchens zu den prominentesten Vertretern des sogenannten „Neuen Atheismus“.

Die Anhänger dieser Bewegung legen ein naturalistisches und wissenschaftliches Weltbild zugrunde und lehnen Religionen weitgehend ab. Statt des negativ besetzten Begriffs „Atheist“ bezeichnen sie sich als „Brights“, angelehnt an das englische Wort „bright“ – „fröhlich, strahlend, hell“.

Religion als natürliches Phänomen betrachten

„Wir sollten Religionen als ein natürliches Phänomen betrachten“, erklärte Dennett. „Und sollten sie deshalb mit der gleichen wissenschaftlichen Objektivität behandeln wie beispielsweise die globale Erderwärmung.“ Religionen seien globale Mächte und hätten daher enormen Einfluss auf das Leben vieler Menschen und die Geschicke der Welt. Vielen Wissenschaftlern sei dieses Thema jedoch zu komplex. „Dann müsste das Wetter oder die Anatomie eines Vogels das aber auch sein“, folgerte Dennett.

„Es hat über eine Million Religionen gegeben“, sagte er weiter. „Deshalb müssen wir uns auch die Frage stellen, warum einige Religionen überlebt haben und andere nicht.“ Die älteste Religion ist das Judentum mit seiner rund 3.000-jährigen Geschichte.

Parallele zwischen Sprachen und Religionen

Dennett sieht Parallelen zwischen der Entwicklung von Sprachen und Religionen: „Beide – bei den Religionen mit Ausnahme von Scientology – wurden nicht erfunden, sondern haben sich mit der Zeit entwickelt.“ Während die Sprache ein Medium der Verständigung darstelle, stelle sich die Frage nach dem Sinn von Religionen.

„Einige denken, sie existieren, um die Herrschaft der Stärkeren aufrecht zu erhalten oder um die Angst der Menschen vor dem Tod zu lindern“, sagte Dennett. Diese Aussagen enthielten jedoch nur ein Körnchen Wahrheit.

Religionen: brillant gestaltete Produkte

Religionen seien vielmehr brillant gestaltete Produkte mit einer evolutionären Geschichte, sagte der Philosoph – und scheute sich nicht vor drastischen Vergleichen: „Es ist wie mit der Masturbation. Sie ergibt keinen Sinn, kann aber Spaß machen.“ Dennett ist überzeugt: „Es gibt keinen guten Grund, an Poseidon, Jehova oder Allah zu glauben.“ Der soziale Druck, sich nach außen hin als gläubig zu bezeichnen, sei aber enorm, vor allem in den USA: Einen US-amerikanischen Präsidenten, der nicht offiziell an Gott glaubt, könne man sich nicht vorstellen.

„Die Menschheit erlebt gerade einen Wandel“, sagte Daniel Dennett. Die Zahl der Gläubigen werde weniger. Das liege vor allem daran, dass durch das Internet viele Menschen besser an Informationen gelangten als früher. „Die Religionen haben sich in den letzten 100 Jahren stärker verändert als in den vergangenen 1000 Jahren“, sagte er und prophezeite: „Und vielleicht werden sie sich in den nächsten 10 Jahren noch mehr verändern, als sie das in den letzten 100 Jahren getan haben.“