Ein Dichter der Heimatlosigkeit

Kleist-Preis für Arnold Stadler, Ehrendoktor der Freien Universität

30.11.2009

Arnold Stadler (Mitte) ist diesjähriger Kleist-Preisträger. Links: Laudator Péter Esterházy, rechts: Günter Blamberger, Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft
Arnold Stadler (Mitte) ist diesjähriger Kleist-Preisträger. Links: Laudator Péter Esterházy, rechts: Günter Blamberger, Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft Bildquelle: Tomasz Kurianowicz

Arnold Stadler ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Jetzt wurde dem Schriftsteller und Ehrendoktor der Freien Universität Berlin der diesjährige Kleist-Preis verliehen. Die Preisverleihung fand im Theater am Schiffbauerdamm statt, wo Mitglieder des Berliner Ensembles Texte von Stadler auf der Bühne vortrugen. Die Laudatio hielt der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy.

„Ich blute, also bin ich.“ Mit diesem Satz pflegt Arnold Stadler die Motivik zu beschreiben, die den Büchner-Preisträger bei seiner literarischen Erkenntnissuche leitet. Stadlers Oeuvre beschreibt das Leben in seiner Endlichkeit, angesichts des menschlichen Scheiterns und Abschiednehmens. Es ist die literarische Suche nach dem Sinn in einer immer mehr sinnentleerten Welt. Und trotzdem stecken bei allem Schmerz und aller Trauer, die der Autor mit pointiert-geschliffenen Sätzen auszudrücken versteht, weder Resignation noch Hoffnungslosigkeit, weder Verzweiflung noch Selbstzerstörung.

Auch bei der Verleihung des diesjährigen Kleist-Preises bekräftigte Arnold Stadler seinen unermüdlichen Lebenseifer und seine glühende Liebe zum Jetzt. Die Verantwortung als Dichter behält er dabei immer vor Augen: „Das Wort ‚Empörung’ ist eines der schönsten für mich. Es kommt von ‚sich aufrichten’“, sagte der studierte Theologe im Theater am Schiffbauerdamm.

„Pessimismus erfordert Mut“

Péter Esterházy, der von der Kleist-Gesellschaft gebeten worden war, den diesjährigen Preisträger zu bestimmen, sprach in seiner amüsanten Laudatio von der Vielschichtigkeit des Stadler‘schen Werks und erinnerte daran, dass der Schmerz in den Texten des Theologen nicht als resignative Larmoyanz zu interpretieren sei, sondern als literarische Auflehnung gegen das Vergessen. „Pessimismus erfordert Mut“, sagte Esterházy und zitierte damit seinen ungarischen Schriftsteller-Kollegen, den Literaturnobelpreisträger Imre Kertész.

Bevor Professor Günter Blamberger, Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, den Preis übergab, lasen Schauspieler des Berliner Ensembles Texte von Arnold Stadler und Heinrich von Kleist. Kleist, Namensgeber des Preises, hatte sich ebenfalls in seinem literarischen Schaffen mit dem Tod als existentielle Grundlage für menschliches Handeln und Denken auseinandergesetzt. Klaus Maria Brandauer las mit sonorer Stimme einen Text von Robert Walser, in dem sich der Schweizer Schriftsteller auf Spurensuche von Kleists verästelter Biographik begibt.

Gegen die banalen Versprechungen der Unterhaltungsindustrie

„Ich bedanke mich und verbeuge mich tief vor der Jury", freute sich Arnold Stadler über die Würdigung. In seiner Dankesrede brachte der Schriftsteller, der in München und Rom katholische Theologie und in Freiburg und Köln Germanistik studiert hat, sein poetologisches Anliegen zum Ausdruck: In seinen Texten hinterfragt er die banalen Versprechungen der Unterhaltungsindustrie und setzt dem schalen Mainstreamglück den Ruf nach geistiger Besinnung entgegen. Seinen Kritikern, die ihm vorwerfen, er würde bessere Heimatromane schreiben, entgegnete der Preisträger: „Wenn ich eine Heimat habe, dann ist es die Heimatlosigkeit.“

Professor Michael Bongardt, der als Dekan des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften dem Autor im Jahre 2006 die Ehrendoktorwürde der Freien Universität überreicht hatte, begrüßte die diesjährige Entscheidung der Jury. „Arnold Stadler versteht es, in seinen Romanen und Übersetzungen die menschliche Existenz auszuloten. Seine unverwechselbare Sprache, die Verknüpfung autobiografischer und historischer Perspektiven und der ‚Ernst’ seines Humors haben Arnold Stadler zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Literaten werden lassen.“