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Auf der Suche nach der Wiege der Menschheit

Der französische Paläontologe Michel Brunet hielt die zehnte „Einstein Lecture Dahlem“

09.11.2009

Professor Michel Brunet an der Freien Universität
Professor Michel Brunet an der Freien Universität Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Mehr als 20 Jahre lang waren sie auf der Suche nach den Knochen des ältesten Vorfahrens der Menschen im Tschad unterwegs gewesen. Schließlich revolutionierte ihr Fund eines sieben Millionen Jahre alten Schädels die bislang geltende Auffassung, die ersten Menschen hätten in Ostafrika gelebt. Im Rahmen der zehnten „Einstein Lecture Dahlem“ an der Freien Universität berichtete der renommierte französische Paläontologe Michel Brunet von der Suche nach dem Ursprung der Menschheit.

Man trifft heute selten auf Reisende in der Tschad-Wüste, einemTeil der Sahara. Vor einigen Millionen Jahren war das vermutlich anders: Damals prägte ein Mosaik aus kleinen Flüssen, Sümpfen, Seen und Inseln den nördlichen Teil des Landes. Der Tschad-See hat über die Jahre seine Ausdehnungsfläche stark verändert. Er nahm in der Vergangenheit einen Großteil des Landesgebiets ein, das gegenwärtig von Sand bedeckt ist. Als Süßwasserspeicher war der See Anziehungspunkt für zahlreiche Säugetiere. Waren darunter auch die ersten Vorfahren der Menschen?

Michel Brunet war nie so recht von der Lehrmeinung überzeugt, die Wiege der Menschheit sei im Osten Afrikas, im Rift Valley, zu finden. Er konnte sich nicht vorstellen, dass der Grabenbruch, der Ost- und Westafrika trennte, ein Hindernis für die aufrecht gehenden Vormenschen gewesen sein sollte. Schon als Kind hatte er Fossilien gesammelt und später an der Sorbonne Paläontologie studiert. Heute ist Brunet Professor am altehrwürdigen Collège de France (Paris). Nach Forschungsprojekten in Afghanistan und im Irak ging er Anfang der 80er Jahre nach Westafrika. „Wer Fossilien finden will, muss danach graben“, sagt der 69-Jährige selbstbewusst und zeigt Bilder der Grabungskampagne mitten in einer Dünenlandschaft. „Das ist eine gute Methode, um jung zu bleiben.“ Um die Überreste eines Vormenschen zu finden, müsse man in der Wüste tausend Tonnen Sand sieben.

Sieben Millionen Jahre vor unserer Zeit

Die Grabung im Tschad lief seit mehr als 20 Jahren, als die Paläontologen im Jahr 2001 schließlich einen aufsehenerregenden Fund machten: Der fast intakte Schädel eines Vormenschen, der vor sieben Millionen Jahren gelebt hatte, war rund drei Millionen Jahre älter als alles, was die Kollegen 2500 km weiter östlich im Rift Valley bislang entdeckt hatten. Der Fund bewies: Der Aktionsraum der ersten Menschen erstreckte sich über ganz Afrika. Die Linie unserer Vorfahren ging weiter zurück als bislang vermutet.

Sahelanthropus tschadensis bekam den Namen Toumai, was übersetzt „Hoffnung des Lebens“ bedeutet. Ein Zeichen in einem Land, in dem jedes fünfte Kind stirbt, bevor es das Erwachsenenalter erreicht. Brunet will Zeichen setzen: „In einer Welt, in der die Menschen einander aufgrund verschiedener Herkunft und Rasse nicht akzeptieren, bedeutet der Fund: Wir haben etwas gemeinsam, wir sind alle Nachkommen derselben afrikanischen Vorfahren.“

Die „Einstein Lecture Dahlem“ an der Freien Universität Berlin fand in diesem Rahmen zum zehnten Mal statt. Die Veranstaltung präsentiert hochkarätige Wissenschaftler aus verschiedensten Forschungsgebieten, die von Albert Einstein beeinflusst wurden. Einstein, der viel dazu beitrug, den Ursprung des Universums besser zu verstehen, hätte den Beitrag zur Evolution und dem Ursprung der Menschheit wohl geschätzt.