Freie Universität Berlin


Service-Navigation

60 Jahre Hochschulrektorenkonferenz

Paul Nolte, Historiker an der Freien Universität, hielt die Festansprache

22.04.2009

Paul Nolte, Professor am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität
Paul Nolte, Professor am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Bildquelle: Freie Universität

1949 als Westdeutsche Rektorenkonferenz gegründet, ist die heutige Hochschulrektorenkonferenz (HRK) der freiwillige Zusammenschluss der staatlichen und staatlich anerkannten Universitäten und Hochschulen. Aus Anlass des 60. Jubiläums, das in diesen Tagen in Aachen gefeiert wurde, hielt Paul Nolte, Historiker am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität, die Festansprache. Wir veröffentlichen einen Auszug, in dem Paul Nolte vier bildungspolitische Forderungen formuliert.

Erstens: Kommunikation und Öffentlichkeit.

Es muss noch besser als bisher gelingen, die Hochschulen und das gesamte Politikfeld der Wissenschaft ins öffentliche Bewusstsein zu rufen. Die Finanzierung der Hochschulen ist mindestens ebenso wichtig wie die Abwrackprämie. Noch immer fehlt in Teilen der Gesellschaft die Selbstverständlichkeit der Erkenntnis, dass Hochschulen nicht irgendein abgegrenzter Sonderbereich sind: Sie sind als Orte unserer Gesellschaft zu wenig präsent; sie kommen in den Massenmedien, gerade im Fernsehen, viel zu wenig vor. Hier kann auch die HRK in Zukunft eine wichtigere Rolle spielen, wenn sie Positionen bündelt, wenn sie nicht nur reagiert, sondern agiert, Positionen und Visionen entwickelt, wenn sie mit Konzepten für die Wissensgesellschaft von sich reden macht.

Zweitens: Hochschulen und außeruniversitäre Wissenschaft.

Es ist ein Gemeinplatz zu sagen, dass wir beides brauchen und dass beide voneinander profitieren sollen. Aber man muss auch sehen, dass sich über viele Jahrzehnte die Gewichte zu Lasten der Universitäten verschoben haben. Es sollte die Aufgabe der Hochschulen sein, nicht nur im eigenen Interesse klarzustellen, dass sie die „erste Geige“ im Konzert der Wissenschaften spielen und spielen müssen. Die Exzellenz-Initiative ist ein wichtiger Ansatz, weil sie deutlich macht, dass hervorragende Forschung an den Universitäten möglich ist und dort auch Freiräume erhält.

Drittens: Die Reform der Studienwirklichkeit.

Effizienz kann sich ohne eine klare gesellschaftspolitische Zielvorstellung gefährlich verselbständigen. Ein Bereich, in dem die Klarheit der Ziele lange, über viele Jahrzehnte gefehlt hat und nach meinem Eindruck noch immer zu kurz kommt, ist der Zusammenhang von Studienrealität und studentischer Lebenswelt. Der Bologna-Prozess hat diesen Kontext bisher viel zu wenig berücksichtigt; dabei haben die gestuften Studiengänge das Problem verschärft, zumindest deutlicher sichtbar gemacht. Daraus müssen Konsequenzen gezogen werden: entweder, indem ein erheblicher Teil der Studierenden explizit in eigene Teilzeitstudiengänge überführt wird – oder indem neue Ressourcen der Studienfinanzierung mobilisiert werden.

Schließlich viertens: Die Autonomie der Hochschulen und die staatliche Steuerung.

Autonomie konnte, der historische Rückblick zeigt es, zu verschiedenen Zeiten auch ganz Unterschiedliches bedeuten. Heute beanspruchen die Hochschulen kein exklusives, mit Bildungsdünkel bewehrtes Sonderreservat in einer pluralistischen Gesellschaft mehr für sich. Sie sind in die allgemeinen Zeitläufte engstens verflochten und Teil eines Hauptstroms von Kultur und Gesellschaft geworden.

In der Autonomie sind kreative Leistungen am besten möglich; läuft der Motor für Wissenschaft und Gesellschaft am besten warm. Oder noch konkreter: Die Hochschulen brauchen eine gesicherte Finanzierung; die Investitionspräferenzen aber müssen im Wissenschaftssystem selber gesetzt werden. Die Haushalte der Universitäten dürfen nicht zu einer Verrechnungsstelle für erbrachte Ausbildungsleistungen verkommen.