Freie Universität Berlin


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Eine bewegte Zeit

Über die Geschichte der Freien Universität diskutierten vier ehemalige Präsidenten und Tagesspiegel-Journalist Uwe Schlicht

18.12.2008

Das Podium von links nach rechts: Peter Gaehtgens, Johann Wilhelm Gerlach, Eberhard Lämmert, Rolf Kreibich, Uwe Schlicht, Dieter Lenzen und Dieter Heckelmann
Das Podium von links nach rechts: Peter Gaehtgens, Johann Wilhelm Gerlach, Eberhard Lämmert, Rolf Kreibich, Uwe Schlicht, Dieter Lenzen und Dieter Heckelmann Bildquelle: Stephan Töpper
Johann Wolfgang Gerlach, Präsident der Freien Universität von 1991 bis 1999
Johann Wolfgang Gerlach, Präsident der Freien Universität von 1991 bis 1999 Bildquelle: Stephan Töpper
Das Übergangskonzil wählte 1969 den Diplomphysiker und Soziologen Rolf Kreibich zum ersten Präsidenten der Freien Universität
Das Übergangskonzil wählte 1969 den Diplomphysiker und Soziologen Rolf Kreibich zum ersten Präsidenten der Freien Universität Bildquelle: Stephan Töpper
Der Rechtswissenschaftler Dieter Heckelmann war von 1983 bis 1991 Präsident der Freien Universität
Der Rechtswissenschaftler Dieter Heckelmann war von 1983 bis 1991 Präsident der Freien Universität Bildquelle: Stephan Töpper
Der Medizinprofessor Peter Gaehtgens wurde 1999 zum Präsidenten gewählt.
Der Medizinprofessor Peter Gaehtgens wurde 1999 zum Präsidenten gewählt. Bildquelle: Stephan Töpper

Rolf Kreibich, Dieter Heckelmann, Johann Wilhelm Gerlach und Peter Gaehtgens zogen Bilanz: vier ehemalige Präsidenten, die seit 1969 die Freie Universität auf ihrem Weg begleitet und ihre Geschichte – auch vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen - mitgeprägt haben.

Der 60. Geburtstag der Freien Universität war gleichzeitig Anlass für die Präsidenten-Rückschau. Jeder Einzelne des Präsidenten-Quartetts hatte in diesem Jahr auch einen runden Geburtstag gefeiert, in diesem Fall den 70. Alle vier lenkten die Hochschule in wechselvoller Zeit. Denn die Freie Universität "hat wie in einem Brennglas alle Modelle der Hochschulverfassungen der Nachkriegszeit durchlebt und durchlitten und ist so zu einem Seismographen der Hochschulreform geworden", wie der Tagesspiegel-Journalist Uwe Schlicht betonte, der die Freie Universität seit 1962 als Journalist kritisch begleitet und die Diskussionsrunde im Audimax des Henry-Ford-Baus moderierte.

Unter der Leitung von Rolf Kreibich, der 1969 ins Präsidentenamt kam, entwickelte sich die Freie Universität von der Ordinarienuniversität zu einer Gruppenuniversität, in der wissenschaftliche Mitarbeiter und Studierende an Einfluss gewannen – was nicht ohne Auseinandersetzungen ablief. In Kreibichs Amtszeit stieg die Zahl der Studierenden von 14.500 bis auf 36.000. 1981 war die Freie Universität mit 45.000 Studierenden und 1983 mit über 50.000 die größte deutsche Universität.

Kreibich machte die mangelnde Bereitwilligkeit zur Kommunikation unter den Interessengruppen als größtes Problem der damaligen Zeit aus. "Es war der Wunsch vieler, der Konservativen und der Linken, zu radikalisieren. Wir wollten diese furchtbare Ideologisierung bekämpfen", sagte Kreibich.

"Die Gruppenuniversität bescherte uns eine strukturelle linke Dominanz zum Nachteil der überwiegenden Mehrheit der Hochschullehrerschaft", sagte Dieter Heckelmann, der von 1983 bis 1991 das Präsidentenamt innehatte. Auf die Gruppenuniversität folgte die von Uwe Schlicht bezeichnete "politisierte Fraktionsuniversität", in der sich konservative, liberale und linke Blöcke bildeten, die einander bekämpften.

Als Peter Gaegtgens 1999 ins Amt kam, war er über das Maß an Missverständigung an der Freien Universität erschrocken. "Die Universität ist eine Institution, in der über Gesellschaftsbilder diskutiert werden muss – nicht aber ein Ort, wo diese ausprobiert werden sollten." In den 1990ern, in denen die Freie Universität mit existenzbedrohlichen Sparzwängen zu kämpfen hatte, ging der "akademische Bürgerkrieg", so Uwe Schlicht, zu Ende. "Vielleicht ist man der Grabenkämpfe ein Stück müde geworden", ergänzte Heckelmann.  

2007 war dann das Jahr, in dem die Freie Universität unter der Leitung von Dieter Lenzen als eine von neun deutschen Universitäten im Exzellenzwettbewerb des Bundes und Länder ausgezeichnet wurde. Johann Manfred Gerlach, der in seiner Zeit als Präsident von 1991 bis 1999 die vom damaligen Berliner Senat beschlossenen Sparmaßnahmen umsetzen musste, wunderte sich auch in der Retrospektive, wie die Regierung mit dieser Universität umgegangen sei. Am Tag der Exzellenzentscheidung war Gerlach in Kasachstan und hörte die Deutsche Welle. "Ich war wirklich froh, denn wenn die Entscheidung für die Humboldt Universität gefallen wäre, wäre es mit der Freien Universität bergab gegangen. Was die Freie Universität erreicht hat, finde ich beachtlich."